> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...25.01.1777 Sprinkmann an Bürger (300)

2015-09-29

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...25.01.1777 Sprinkmann an Bürger (300)




25. Januar

Münster. Sprinkmann an Bürger

(Schließlich) will ich Ihnen nun hier noch eine Anekdote in der ärgerlichen Verleumdungsgeschichte gegen unsern Goethe hersetzen, die mich von neuem überzeugt, daß Bosheit und Neid seine besten Handlungen verdrehen, um nur über seine Sünden schreien zu können. Wir haben hier einen Baron Gugomos; ein Kerl nicht ohne Kopf, sogar Dichter, wie er selbst sagt und ich auch sonst wohl gehört hatte. Er ist am Darmstädtischen Hofe ich weiß nicht was, aber doch was, noch oder gewesen, denkt daher auch sehr höfisch. Mit dem sprach ich vor einigen Tagen von Goethe. Er setzt ihn als Dichter so hoch, wie der Junge es verdient, aber als Mensch so tief herunter, wie er’s unmöglich verdienen kann. Ich widersprach ihm, wie Sie denken können, mit Hitze; denn es ist mir immer, als wenn ich eher von meinem Vater könnte Übels sagen hören als von Goethe. 

Nachdem Gugomos denn nun alles ausgekramt hatte, Altes und Neues, und ich ihm alles ableugnete, eben weil er es von so sicheren Händen, wie er sagte, wußte, nämlich von Ministern und andern kleinen großen Leuten vom Hofe zu Weimar, so rückte er endlich mit einer Geschichte hervor, die mich auf einmal entwaffnen und überzeugen sollte, daß Goethe den Herzog von Grund aus verderbe und ihm Grundsätze beibrächte, die einem regierenden Herrn höchst unanständig wären. 

Ein Lord Chesterfield war, wie Gugomos sagte und von diesem Lord selbst wollte gehört haben, in Weimar. In einem Gespräche über England schämte der Herzog sich nicht, folgende Unanständigkeiten sich entfallen zu lassen.
„Ich beneide Euch, Mylord.“
„Warum?“
„Ihr seid in Euerm Vaterlande groß, aber doch ist jeder Euerer Mitbürger Euch gleich genug, sich selbst gegen Euch, wenn Ihr ihm zu nahe kommt, recht zu geben. Aber ich — wenn ich einem hier eine Ohrfeige gebe, keiner könnte oder würde mir eine wiedergeben!“

Nun, was sagt Ihr, Bürger? Wenn Goethe das einem Herzog zum Gefühl machen konnte — ist das nicht leicht so göttlich, als eine „Stella“ zu machen? Und das nannte das Menschenkind unanständig?

Baron "Gugomos" war ein Abenteurer, der in der damaligen Freimaurer.- Illuminaten.- und Jesuiten-Geschichten eine dunkle Rolle spielt. Lord Chesterfield, ein junger Edelmann, der in Leipzig studiert hatte und verschiedene Länder bereiste; sein Begleiter war der bekannte Baron Grothausen.

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