> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...19.01.1776 Merck an Nicolai (223)

2015-09-17

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...19.01.1776 Merck an Nicolai (223)



19. Januar

Darmstadt. Merck an Nicolai

Mir tut’s leid, daß Sie von einem meiner Freunde gekränkt werden und daß dies durch die niederträchtige Hände von Zuträgern und Anekdotensammlern geschieht. Haben Sie denn nicht schon längstens den Menschen verachtet, der so was fähig ist? Entweder ist es Schadenfreude oder Willen, Goethen zu schaden — Freundschaft kann’s nicht sein, die Märchen und Tischreden zuträgt. 

Was wird von dem sonderbaren Menschen nicht alles erzählt! Wär er ich, so hätt ich ihm längst die Imputation gemacht, so aber kann ich von ihm auch gegen mich nichts anders sagen als: dies tut wohl und jenes weh. Er folgt ganz seiner Laune, unbekümmert über die Folgen ihrer Moralität.

Allein was er auch über Sie gesprochen und geschrieben haben mag, so ist’s nichts als faunischer Mutwillen — Zu rachsüchtigen Absichten, deren Ausgang Pasquillen und Trätschereien wären, dazu hat er erstlich nicht die Seele und zweitens die Zeit nicht, weil sein Kopf voll immer neuer Träumereien schwirbelt. Von dem neuen Pasquill hab ich nirgends kein Wort gehört und kann auf meine Ehre versichern, daß ich nichts davon weiß. Ein Buch ließ’ sich von allem dem Törichten und Bösen schreiben, was seine Landsleute selbst in Frankfurt und drei Meilen von da mir selbst als Geheimnisse anvertraut haben, die, wenn sie wahr wären, ihn seines Bürgersrechtes verlustig und vogelfrei erklärten; wovon aber gottlob kein Jota wahr ist. 

Ich habe mich -ich will es denn einmal gestehen- für Sie, weil ich Sie kenne, gegen andre, die im Irrtum waren, oft heischer gepredigt und am Ende nichts als Undank verdient. Ich mag nun für Goethen die Litanei nicht wieder anfangen, allein das muß ich Ihnen doch aufrichtig versichern, daß er mit Wielanden nicht spielt, daß er vielen Mutwillens, aber keiner Duplizität fähig ist und daß, wenn Sie mit ihm auf einige Abende nur so nahe wie Wieland zusammengesperrt würden, Sie einander ebenso liebgewinnen würden wie zwei Eheleute, die sich scheiden wollten, die aber der kluge Amtmann zum Schlafengehen miteinander beredet hat ...

Sobald Sie die ,,Stella“ als Charakterstück betrachten, haben Sie vollkommen recht. Mir ist sie nichts als Anlage von Situation und gelungener Situation, wenigstens auf den Theaterbrettern, wo man durch den Schimmer des Detail nicht Zeit hat wahrzunehmen, daß das Grün des Hains Wasserfarbe und das Sonnenlicht Talg ist. Die am Ende angebrachte Inskription der griechischen Historie ist einer von seinen großen Marktschreierstreichen, womit er den Klugen einen Wink gibt, was er von der ganzen Fresko-Arbeit menschlicher Geschichte, die man Drama nennt, eigentlich selbst hält. 

Wenn Sie wüßten, wie oft ich mit ihm über rationem artis disputiere, und Sie sähen den Burschen im Schlafrock und Nachtwams der Bonhomie, er würd Ihnen gefallen. 

Sein ,,Faust“ ist aber ein Werk, das mit der größten Treue der Natur abgestohlen ist, und die,,Stella“ wie ,,Clavigo“ sind, aufrichtig, nichts weiter als Nebenstunden. Ich erstaune, sooft ich ein neu Stück zu ,,Fausten“ zu sehen bekomme, wie der Kerl zusehends wächst und Dinge macht, die ohne den großen Glauben an sich selbst und dem damit verbundenen Mutwillen ohnmöglich wären. 

Dies alles, was ihn angeht, sub rosa.

Die Imputation machen: zur Verantwortung ziehen. Ratio artis die Wissenschaft von der Kunst.

alle vertraulichen Briefe                                                                                                          weiter




Keine Kommentare: