> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...Mitte Nov.1774 Bodmer an Schinz (119)

2015-09-03

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...Mitte Nov.1774 Bodmer an Schinz (119)


Mitte November

Zürich. Bodmer an Schinz

Herr Lavater hat mir „Werthern“ zu lesen gegeben. Wenn die Geschichte wahr ist, so ist sie gewiß nicht wahrscheinlich. Wie kann dieser Mensch, der immer außer sich ist, immer so über sich selbst Überlegungen machen? Und die Überlegungen bis ad articulum mortis auf schreiben? 

Das Buch ist ein beständiges Rechten mit dem Schöpfer. Haben Sie bemerkt, wie er zwischen Gott dem Vater und dem Sohne Gottes unterscheidet? Er beschöniget seinen freiwilligen Tod damit, daß der Vater ihn bei sich haben wolle. Er kann nicht leiden, daß der Selbstmord die Tat eines schwachen Geistes sei. Er meint, sie sei dieses sowenig als das Ableben eines von den Kräften erschöpften Körpers. 

In dem Exemplar stand geschrieben von unbekannter Hand: 

Jeder Jüngling wünschet, so zu lieben,
Jedes Mädchen, so geliebt zu sein.
Ach, der heiligste von unsern Trieben,
Warum quillt aus ihm die grimme Pein? 

Welcher Jüngling, welches Mädchen wird sich mit diesem Triebe nicht heilig dünken? Erscheint Lessing hier im Schönen, da Werther mit der „Emilia Galotti“ in der Hand sich erschießt? Cato hat, den Plato in der Hand, zugestoßen. Aber ich sehe, daß der Autor den Witz hochhält, wenn er bis zur Unart mit dem Stempel des Genies bezeichnet ist. Ja, bis zum Laster, zur Schwärmerei. Das ist die Lehre von Morale, Genie und Geschmack bei den Deutschen!

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