> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...04.11.1774 Sulzer an Bodmer (113)

2015-09-03

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...04.11.1774 Sulzer an Bodmer (113)


4. November
Berlin. Sulzer an Bodmer

Johann Georg Sulzer (1720-79), ein Schweizer in Berlin, Ästhetiker: vgl. 18. Februar 1772. Zuerst ist von der stutzerischen Schreibart der Schöngeister die Rede.

Aber ich sehe noch eine schlimmere Ketzerei aufkeimen, die gewiß in kurzem allgemein werden wird. Empfindung, Gefühl, rein von aller pedantischen Kälte, dem Geschmacke tödlichen Überlegung: dieses ist itzt der Wahlspruch derer, die das Ohr des Publikums haben. Sie werden diese Lehre an mancher Stelle der „Leiden des jungen Werthers“ finden. 

Aber eben diese Wärme des Gefühles, von aller Vernunft verlassen, das nach dieser Leute Sinn das Höchste und Wünschbareste ist, jagte dem jungen Werther die Kugel
durch den Kopf, nachdem es ihm unbeschreibliches Leiden verursachet hatte. Eben diese Hitze der Empfindung verführte den Goethe, durch diese recht unbesonnene Schrift dem verehrungswürdigen alten Jerusalem, allen Freunden des jungen „Werthers“ und der guten Lotte selbst eine Wunde zu schlagen, die noch tiefer und schmerzhafter sein muß als die, welche die tragische Tat des jungen Mannes selbst ihnen geschlagen hatte. Zu solchen Dingen verführete diese Leute ihr eigner Grundsatz, auf den sie sich so viel einbilden.

J. F. W. Jerusalem (1709-89) der Vater des Wetzlarer Legitationssekretärs, war Konsistorialpräsident in Braunschweig, ein verdienter Schulmann und angesehener religiöser Schriftsteller.


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