> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...05.02.1776 Wieland an Lavater (229)

2015-09-18

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...05.02.1776 Wieland an Lavater (229)



5. Februar

Weimar. Wieland an Lavater

Jetzt wünschte Karl August, das Goethe als sein Freund und Ratgeber auf die Dauer in Weimar bleibe und sich anstellen lasse: Goethe schwankte noch. Wieland dagegen hatte seine Rolle bei den jungen Fürsten ausgespielt, und manche seiner Erwartungen waren nicht erfüllt worden.

Goethe bleibt vermutlich vielleicht noch lange hier - er ist mächtig umsponnen und versucht nun das Abenteuer, von welchem ich abgestanden bin, sowie ich sah, daß es für einen andern aufgehoben sei.

Er tut das Mögliche, und was Hunderten andern unmöglich wäre, noch dazu, um seinen Lavater nicht im Stich zu lassen [bei den ,,Physiognomischen Fragmenten“]. Aber oh! wieviel mehr könnte, würde der herrliche Geist tun, wenn er nicht in dies unser Chaos gesunken wäre, aus welchem er doch - mit allem seinem Willen, aller seiner Kraft - doch keine leidliche Welt schaffen wird! Aber war ich nicht schon achtunddreißig Jahr alt, da ich mich noch durch eine magische Einbildung und die noch stärkere Magie des verführischen Gedankens, viel Gutes, im Großen, auf Jahrhunderte zu tun, an diesen Hof ziehen, in dieses gefahrvolle, mit Precipicen umgebne und, beim Tageslicht besehn, doch immer unmögliche Abenteuer verwickeln ließ? Goethe ist erst sechsundzwanzig Jahr alt. Wie sollt er, mit dem Gefühl solcher Kräfte, einer noch großem Reizung widerstehen können? Denn sein Ascendant über unsre Fürstenkinder, alt und jung, ist unglaublich.

Und doch — doch, doch, wollen wir sehen! Wenn’s auch nur nicht ganz so schlimm wird, als es sonst geworden wäre, wenn auch nur etwas Gutes geschieht, das sonst nicht geschehen wäre — so war’s ja der Mühe wert! Ich fühle wohl, daß ich Ihnen da weder etwas Halbes noch Ganzes sage. Aber es ist doch zureichend, sich einige Idee davon zu machen, warum Goethe hier ist und wie er hier ist.

In meinem Hause ist er wie einer, der zu uns gehört. Er atmet wieder Ruhe und Liebe bei uns, und das hilft dann dazu, daß er das Herumtreiben in dem großen Rade wieder desto besser aushalten kann.

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