> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...24.10.1775 Mylius an Merck (199)

2015-09-14

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...24.10.1775 Mylius an Merck (199)



24. Oktober

Berlin. Mylius an Merck

Dem Berliner Buchhändler Mylius war durch Merck Goethes neues Drama " Stella " zum Verlag angeboten.

Es ist allerdings wohl Eigensinn vom Herrn Dr. Goethe, wenn er seine Manuskripte auf die Art verkaufen will. Denn, unter uns gesagt, es ist etwas sonderbar, unbesehen und nach dem alten Sprüchwort die Katze im Sacke zu kaufen. Auch ist mit einer so kleinen Piece ja kein großer Handel zu machen ...

Inzwischen damit ich nicht den Vorwurf auf mich lade, als ob nichts mit mir anzufangen wäre, so werde ich die Probe machen und künftigen Posttag an meinen Vetter nach Weimar 20 Taler senden, um von Herrn Dr. Goethe das Manuskript der „Stella“ in Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um mit diesem allerdings seltenen Genie und fruchtbaren Schriftsteller in Bekanntschaft zu kommen. 

Wenn es nur nicht, wie ich fast fürchte, die entgegengesetzte Wirkung tut! Denn da er nun für diese vielleicht kleine und nicht so sehr interessante Piece 20 Taler bekommt, so wird das folgende Stück 50 Taler und der „Doktor Faust“ vielleicht 100 Louisdor gelten sollen. Das ist aber wider die Natur der Sache und nicht auszuhalten, und ich tue von ganzem Herzen Verzicht darauf. 

Mich wundert übrigens, daß der Herr Dr. Goethe die Buchhändler so quälen will, da er, wie ich immer gehört habe, solches aus ökonomischen Gründen nicht nötig hat. Soll es also vielleicht Ruhm sein, daß ihm seine Manuskripte so teuer sind bezahlt worden? 

„Doktor Faust“ wäre mir für einen proportionierlichen Preis lieber gewesen.

Wird sich der Herr Dr. Goethe lange in Weimar aufhalten?

alle vertraulichen Briefe                                                                                                          weiter



Keine Kommentare: