> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...19.01.1775 Zimmermann an Frau von Stein (138)

2015-09-06

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...19.01.1775 Zimmermann an Frau von Stein (138)




19. Januar

Hannover. Zimmermann an Frau von Stein

Mit der Baronin von Stein aus Weimar war Zimmermann im Pyrmonter Bade bekannt geworden. Er rechnete sie zu dem vorzüglichsten Frauen, die ihn begegnet seien, und pflegte die Freundschaft durch lange Briefe.
AdF. Die Stellen zwischen " " auch in der Vorlage deutsch.

„Werthers Leiden“. — Sie werden mir nicht Zutrauen, daß ich eine Minute gezögert habe, diesen so wahren, so natürlichen, so allem, was man selber tausend und tausendmal in seinem Leben gesehen und empfunden hat, gleichkommenden Roman zu verschlingen. Aber das Lesen des ersten Bandes hat mich so erregt, hat alle Saiten meiner Seele so getroffen und in Schwingung versetzt, daß ich mich vierzehn Tage ausruhen mußte, ehe ich den Mut hatte, zum zweiten zu greifen, dessen Lesen gleichfalls in einem Zuge geschah.

Durch diese wenigen Worte glaube ich völlig auf folgende Worte Ihres Briefes geantwortet zu haben: „Ich wünschte die Empfindungen zu wissen, die das Lesen von ,Werthers Leiden“ bei Ihnen verursachet.“ Sie fügen hinzu: „Lesen Sie es der Frau von Döring vor, aber nicht der Fräulein von Rheden.“ Eine wie die andere hat es selber gelesen, Fräulein von Rheden sicherlich gegen meine Erlaubnis, und eine wie die andere war aufs höchste entzückt, gerührt, betroffen, hingerissen durch diese Lektüre. Daß alles und alles mit dem Stempel der Wahrheit in diesem Buche gekennzeichnet ist, hat Frau von Döring in Absicht auf die Hauptsachen sowenig verkannt als ich. — Aber „Werthers Leiden“ hätte ich ebensowenig an Frau von Döring vorlesen mögen als an Frau von Stein.

Die Personen, die Sie, meine liebe Frau von Stein, ausgelacht und ausgeschmält haben, daß Sie acht Tage zur Freude unfähig waren, nachdem Sie „Werthers Leiden“ gelesen hatten, haben gewiß ihre Art zu denken und zu empfinden weder an Beobachtungen noch an Gefühlen des menschlichen Herzens geschärfet — und darum sind auch diese Personen gewiß glücklicher als Sie und ich.

Es ist dem Geiste und der edlen Denkungsweise des Herrn Wieland würdig, zu erklären, daß dieses Werk seines Gegners Goethe schön ist. Ja, so ist es, und es wird, auf einem verschiedenen Wege, mit dem „Agathon“ zur Nachwelt übergehen.

Diejenigen, die Ihnen, liebe Freundin, gesagt haben, daß dies Werk gefährlich sei, haben es nicht verstanden. — Das Entstehen und Fortschreiten der lebhaftesten Liebe ist darin mit Wahrheit, mit dem Pinsel der Natur selbst, abgemalt. Werde ich empfänglicher für die Liebe, weil ich dies Buch gelesen habe? Ach, es sagt mir nur, wie ich geliebt habe, längst ehe ich es las. Werde ich mich versucht fühlen, die Geliebte oder die Frau eines andern zu lieben, nachdem ich dies unsterbliche Werk gelesen habe? Oder werde ich dadurch gereizt, ein Feuer stärker zu nähren, das ich nicht gänzlich auslöschen konnte? Vielmehr werde ich die Liebe mehr als je fürchten; ich werde beim Anblick der Ausschreitungen zittern, zu denen sie einen heißen Kopf verleitet; ich werde ihre Hitze in dem Wasser der Vernunft ertränken; ich werde ihre Reize lieber bei der sanften Freundschaft suchen; ich werde meiner Phantasie zuweilen den Höhenflug eines Platon oder eines Petrarca gestatten und werde die Flucht ergreifen, wenn der Kuß einer Freundin mir mehr zu sein scheint als der Kuß einer Freundin. Aber wenn ich unfähig sein sollte, in meinem Herzen auszurotten, was sicherlich nicht gut ist, werde ich dann von Werther lernen, mir den Kopf entzweizuschießen ? Erschieße sich, wer Lust hat! Nimmermehr wird dies Buch mir dazu eine Neigung einflößen, denn es scheint mir unendlich viel edler und größer, als Sieger zu leben denn als Hasenfuß zu sterben.

Sie verlangen, daß ich Ihnen von Goethe rede? Sie möchten ihn sehen? Ich werde sogleich über ihn berichten. Aber, arme Freundin, Sie bedenken es nicht. Sie wünschen, ihn zu sehen, und Sie wissen nicht, bis zu welchem Punkte dieser liebenswürdige und bezaubernde Mann Ihnen gefährlich werden könnte! — Ich schneide einen Stich aus Lavaters „Physiognomik“ heraus, um Ihnen mit dieser Adlerphysiognomie ein Geschenk zu machen.

Herr Goethe ist einziger Sohn eines sehr reichen Mannes, der den Titel von einem Kaiserlichen Rate hat und in Frankfurt von seinen Renten lebt. Sein Vater hat verlangt, daß er einen Beruf ergreife; deshalb ist er Doktor der Rechte geworden und macht zuweilen willig oder widerwillig den Advokaten, wobei er sich vorzüglich gut bewährt. Er versteht sich meisterhaft auf die Musik, das Zeichnen, die Malerei und das Kupferstechen, und wie mir viele Personen versichert haben, ist er fast in allen Künsten und allen Wissenschaften gewandt.

Ein Fremder, der kürzlich bei mir gewesen ist, hat von Goethe folgendes Bild entworfen: „Er ist 24 Jahre alt; ist Rechtsgelehrter, guter Advokat, Kenner und Leser der Alten, besonders der Griechen; Dichter und Schriftsteller; orthodox ( s. Brief des Pastors zu *** an den Pastor zu ***‘); heterodox (s. ,Zwo unerörterte Fragen von einem Landgeistlichen in Schwaben“); Possentreiber (s. ,Puppenspiel‘); Musikus; zeichnet frappant; ätzt in Kupfer, gießt in Gips; schneidt in Holz; kurz, er ist ein großes Genie, aber ein furchtbarer Mensch.“

Eine Frau von Welt, die ihn oft gesehen hat, hat mir gesagt, daß Goethe der schönste, lebhafteste, ursprünglichste, feurigste, stürmischste, sanfteste, verführerischste und für ein Frauenherz gefährlichste Mann sei, den sie in ihrem Leben gesehen habe. Mein Freund Lavater hat mir am 23. Juni 1774 aus Frankfurt geschrieben: „Goethe macht ein Ding oder hat’s gemacht: ,Werthers Leiden! Wenn Du etwas Wahrer in Deinem Leben gelesen hast — so lies nichts mehr auf mein Wort.“ Und am 27. August aus Zürich: „,Werthers Leiden“ werden Dich entzücken und in Tränen schmelzen, Du würdest den Doktor Goethe vergöttern. Er ist der furchtbarste und der liebenswürdigste Mensch“. ...

Sie fragen mich in Ihrem Briefe vom 7. November auch: „Haben Sie den ,Clavigo‘ gelesen? Der ist auch vortrefflich.“ — Ich habe ihn gelesen, aber ich gestehe Ihnen, daß Goethes Tragödie mich weniger interessiert hat als die ganz einfache Erzählung, die Wieland über Clavigo, Beaumarchais usw. im „Merkur“ eingerückt hat ...

Ich weiß nicht, was Sie, meine Damen, da über den Roman von Goethe sich für Gedanken machen. Seine Gründe für den Selbstmord! — Ei der Teufel, wer wird sich wegen dieser Gründe das Leben nehmen!

„Er scheint zu glauben, ein Genie müsse auch ausschweifen, und ärgert sich über die Kerls, die am Ufer wohnen und sich bescheiden vor der Überschwemmung verpalisadieren.“ — Es scheint mir, meine liebe Stein, daß Sie diese Stelle etwas verquer nehmen. „Diese Kerls“ stehen in „Werthers Leiden“, Teil 1, S. 23. Gemeint sind die Dummköpfe, die natürlichen Feinde aller Menschen von Genie. Mir scheinen diese Betrachtungen sehr richtig, und ich sehe Ihre Schlußfolgerung nicht darin.

„Folglich sind die großen Geister mit Verpalisadierung Seltenheiten; diese halbe Wahrheit aber könnte vor einen jungen Menschen gefährlich sein.“ Eben das sehe ich nicht, meine Liebe. Die kleinen Geister sind gewöhnlich große Männer in der Vorsicht; aber ein Mann von großer und edler Seele verachtet sie.

Gemeint Werthers Brief vom 26. Mai

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