> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...16.10.1775 Bretschneider an Nicolai (196)

2015-09-14

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...16.10.1775 Bretschneider an Nicolai (196)



16. Oktober

Usingen. Bretschneider an Nicolai

Goethe kam als junger Mensch nach Leipzig, um da zu studieren, und weil er Geld hatte, so wurde er in vielen Gesellschaften zugelassen und fand, daß es eine schöne Sache um einen schönen Geist sei. Er nahm sich also vor, coüte que coüte einer zu werden. In dieser Verfassung habe ich ihn in Leipzig kennenlernen und ihm damalen nichts weniger zugetraut, als daß er einmalen das geringste Aufsehen bei der Literatur machen würde. 

Und noch itzo, kann ich Ihnen auf meine Ehre versichern, können Sie nicht die geringste Spur in dieses Menschen Umgang finden, daß er der Verfasser der „Leiden Werthers“ ist. Er urteilt schief, und es scheint fast, daß er es weiß, daß sein Verstand ohne langes Nachdenken nicht zuverlässig ist; denn er gibt Leuten, von denen er mutmaßt, daß sich ihre Einsichten über die gemeinen erheben, lieber recht, als daß er sich die Verlegenheit über den Hals zöge, eine Materie mit ihnen zu durchsprechen, wobei er seine Schwäche sehen ließe. Mit einem Worte: er ist ein schlechter Philosoph und ein Mensch mit einem unbeständigen Gemüte, der bei keinem System stehenbleibt, sondern der von dem einen gar leicht zu dem andern extremo überspringt und der ebenso leicht zum Herrnhuter als zum Freigeist zu bereden wäre, wenn er nicht, zum Glück für ihm, so eine starke Dosis Stolz besäße, daß er fast alle andern Menschen außer ihm für schwache Kreaturen hält. 

Weil es aber doch noch Leute geben kann, die wenigstens so gescheit sind als er, so kann es sein, daß er ihre Existenz glaubt. Er selbst aber ist nicht imstande, sie zu prüfen, sondern richtet sich in dem Falle nach dem allgemeinen Urteile der Welt. Daher muß es Ihnen nicht wundern, daß er ein Freund Lavaters und des Augendoktors Jung ist, der Lavatern anhängt. Diesen zwei Leuten redet Goethe nach dem Munde und flattiert sie, teils weil sie ihn bewundern, teils weil sie in hiesiger Gegend in den Besitz eines entschiedenen Ruhms sitzen. 

Ich glaube, daß Goethe den Jung zu Verfertigung der Piece persuadiert hat. Sie können nicht glauben, was bei der ordinären Sorte Menschen in hiesiger Gegend ein solches Buch ausrichtet. Er wollte vielleicht Leute haben, die Ihre Feinde werden sollten, da er es durch seine flüchtige Blätter nicht ausrichten konnte. Doch das kann Mißtrauen von mir sein...

Es liegt in Goethe ein gewisser Same von Fähigkeit oder vielmehr: er hat ein poetisches Genie, das alsdann wirkt, wenn er, nachdem er lange Zeit einen Stoff herumgetragen und in sich bearbeitet und alles gesammelt hat, was zu seiner Sache dienen kann, sich an seinen Schreibtisch setzt. Zum Gelegenheitsdichter hätte er sich nicht geschickt, denn er kann außer seiner Ordnung nichts machen. Wenn ihm etwas auffällt, so bleibt es in seinem Gemüte oder Kopfe hangen. Alles, was ihm nur aufstößt, sucht er mit dem Klumpen Ton zu verkneten, den er in der Arbeit hat, und denkt und sinnt auf nichts anders als dies Objekt. 

Der Umgang mit witzigen Köpfen in Leipzig und die Kenntnis, die er dadurch mit guten Büchern erlangt hat, war Ursache, daß er was gelesen hat und daß sein Genie subsidia zu wählen weiß. Es ist aber in seiner Seele keine männliche, feste Unterscheidungskraft, keine durchdringende Einsicht und Gabe, die Sachen in ihrem wahren Lichte zu besehen. Bloß sein Stolz und die daraus entspringende Begierde oder auch eine Überzeugung oder Täuschung, ein genie superieur zu sein, macht, daß er nicht dem gemeinen Haufen nachlauft. 

Goethe ist nichts als ein Dichter von Natur ..., im übrigen aber ein stolzer Mensch, der nichts vertragen kann und dem, zum Glück für ihm zur Zeit, die gewöhnlichen Anliegen dieses Erdbodens noch nicht gedemütigt oder aus der Welt geschafft haben. 

Der Augendoktor Jung: Heinrich Jung-Stilling, Goethes Freund von Straßburg her, hatte einen großen Ruf durch seine Star-Operationen und wohnte zeitweilig in Frankfurt, nachdem es ihm in Elberfeld nicht gelungen war, seiner Schulden Herr zu werden. Er hatte kürzlich gegen Nikolai, den er, der Pietist, für einen Zerstörer des Heiligsten hielt, die oben gemeinte piece geschrieben: " Die Schleuder des Hirtenknaben ".

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