> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...28.12.1775 Nicolai an Merck (214)

2015-09-16

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...28.12.1775 Nicolai an Merck (214)



28. Dezember
Berlin. Nicolai an Merck

Man meldet mir glaubwürdig, welche sehr ungezogene Reden Herr Goethe in Frankfurt gegen mich ausgestoßen hat, der ich ihn nie beleidigt, sondern mich nur des Rechts bedient habe, das jeder Schriftsteller hat, zu schreiben, was ihm gut dünkt, und dabei die größte Hochachtung für Herrn Goethes Talente bezeugt habe. 

Man meldet mir ebenso glaubwürdig, Goethe habe Dr. Jung zu der Herausgabe des erbärmlichen Dinges, „Die Schleuder des Hirtenknaben“, aufgemuntert und, da er Schimpfworte ausstreichen wollen, die Worte gesagt: Er wolle ihn in Schutz nehmen, wenn er angegriffen würde. — Risum teneatis!

Ich habe einen Brief in Händen gehabt, worin ein namentliches Pasquill auf mich: „Ourang Outan, von einem vertrauten Freunde des Herrn G.“, einem Buchhändler zum Verlage angeboten wird. Eben dies Ding wird schon in den „Hamburger neuen Zeitungen“, Nr. 204, im voraus angekündigt.

Ich schreibe Ihnen dieses, mein bester Freund, damit Sie es wissen und es allenfalls durch Sie auch Herr Goethe wisse, daß ich von allen den kleinen Meneen, die ihm wahrhafte Schande machen, unterrichtet bin und daß ich sie verachte. Ich leide dabei freilich, aber nicht meinetwegen, sondern weil es mir wehe tut, daß ich einen Mann, den ich so gern hochschätzen möchte, verachten muß.

Übrigens werde ich allemal geradezu gehen, wie ich bisher getan habe. Ich halte mich zu gut, einen solchen Streit zu führen, und meine Zeit zu gut, sie daran zu wenden; daher schweige ich, solange es möglich ist. Wenn es aber Herrn Goethe einfallen sollte, mit mir zu spielen, wie die Katze mit der Maus spielet oder wie er mit Wieland gespielt hat und noch spielet, so dürfte es ihn gereuen. Denn ich weiß, ohne mich rühmen zu wollen, daß ich vor dem Publikum sehr bald mit ihm fertig werden wollte. Unbändige Eitelkeit hat die ganze Welt wider Wielanden aufgebracht. Hui! daß es Goethen nicht auch so gehet! Und wie leicht kann er denn zurücksteigen, „Erwin“ und „Stella“ sind schon Stufen hernieder, nicht herauf! ...

Es tut mir wehe, daß ein so treffliches Genie aus Eigensinn, Eitelkeit und Seltsamkeitsbegierde seine großen Talente nicht braucht und mißbraucht. Die Beleidigungen gegen mich rechne ich an sich wenig, denn sie schaden mir nicht.

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