> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...08.11.1775 Lavater an Wieland (205)

2015-09-15

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...08.11.1775 Lavater an Wieland (205)



8. November

Zürich. Lavater an Wieland

Wer kann verschiedner denken als Goethe und ich? Und dennoch lieben wir uns sehr ... 

Goethe war voll Bonhomie, zu Ihnen zu kommen; das weiß ich. Sie werden über den Mann erstaunen, der mit dem Grimm des Tigers die Gutherzigkeit eines Lämmleins verbindet. Ich habe noch keinen festem und keinen zugleich leitsamern Menschen gesehen. 

„Prometheus“? Eh ich wußte, daß Wagner Verfasser war, sagt ich, sagt’s ihm selbst; „Goethes unwürdig!“ — Liebster Wieland, Sie irren sich gewiß, wenn Sie Goethe für den Verfasser des „Prometheus“ halten. Das ist so, sowenig Sie die „Menschen, Tier und Goethe“ , die man hier Ihnen zuschreiben wollte, gemacht haben. Beides bestreit ich mit gleicher Zuversicht. Das erste ist Goethen, das andere Ihnen — unmöglich.

Goethe ist der liebenswürdigste, zutraulichste, herzigste Mensch. Bei Menschen ohne Prätension, der zermalmendste Herkules aller Prätension ... 

Billiger ist kein Mensch in mündlicher Beurteilung anderer, toleranter niemand als er. Ich hab ihn neben Basedow und Hasenkamp, bei Herrenhutern und Mystikern, bei Weibchens und Männinnen, bei Kleinjoggen und Boßhard -zwei unendlich verschiedene Himmelsprodukte unsers Landes- allenthalben denselben edlen, alles durchschauenden, duldenden Mann gesehen. Aber ja! — wehe dem, der Prätensionen gegen ihn macht — und — der „seine kanonischen Bücher“ angreift!

Heinrich Boßhard und Jakob Gujer, genannt Chlijogg. waren Bauern im Züribiet. Boßhard schriftstellerte, Kleinjogg galt für einen Denker und ward mit Sokrates verglichen. Über Hasenkamp vgl. 13. Oktober 1774.

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