> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...29.12.1775 Zimmermann an Fr.v.Stein (215)

2015-09-16

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...29.12.1775 Zimmermann an Fr.v.Stein (215)



29. Dezember

Hannover. Zimmermann an Fr. v. Stein

AdF. Herr Goethe tut meiner Tochter zu viel Ehre an: sie ist noch unentwickelt und war ängstlich und furchtsam in seinem Hause, wo man uns eine unendlich reizende Aufnahme gegönnt hat und wo ich so glückliche Tage wie nur je in meinem Leben zugebracht habe. Dies liebe Kind ist ohne Zweifel ein großer Trost für mich, und ich sehe nur zu sehr, wie natürlich und vernünftig es ist, daß sie meine letzte Liebe sei.

Wenn Herr Goethe gefunden hat, daß Ihr Schattenriß die springendsten Züge Ihres Charakters nicht bezeichnet hat (jetzt, wo er das Glück hat, ihn in der Nähe zu erkennen und zu erforschen), so hat er sicherlich in Ihnen neue Tugenden und neue Schönheiten gefunden, die ein Schatten nicht wiederzugeben vermag.

Es überrascht mich durchaus nicht, daß Herr Goethe in Weimar allgemein gefallen hat. Da ihm ein so glänzender und so allgemein anerkannter Ruhm vorausgeht, da er außerdem beim ersten Blick „den Blitz in seinen Augen“ trägt, so hat er wohl alle Herzen durch seine unendlich liebenswürdige Gutmütigkeit [Bonhomie] rühren müssen und durch die Redlichkeit, die mit seinem erhabenen und durchdringenden Geiste Schritt hält. O meine Freundin, wenn Sie ihn in seinem Vaterhause gesehen hätten, wenn Sie beobachtet hätten, wie dieser große Mann gegen seinen Vater und seine Mutter der ehrbarste und liebenswürdigste Sohn ist, so hätten Sie, ah! wahrlich so hätten Sie sich viel Mühe geben müssen, um ihn nicht „durch das Medium der Liebe“ zu sehen.

Kritisieren wir diese großen Männer nicht! Wenn ein Zug fehlte an dem, was sie getan, so würde sogleich alles zerstört sein, was wir am meisten an ihnen bewundern. Die Freundschaft, die Herr Wieland dem Herrn Goethe entgegenbringt, ist sehr lieblich ...

Ich wünsche Herrn Goethe alles mögliche Ansehen an Ihrem Hofe. Höflinge (entschuldigen Sie die unwürdige Bezeichnung!) dieser Art können neben einem so weisen, scharfsichtigen und aufgeklärten Fürsten, wie der Herzog ist, bei Ihnen ein Goldenes Zeitalter hervorrufen, das in der Geschichte Epoche machen und bei der Nachwelt die sogenannten großen Taten der großen Höfe und großen Nationen auslöschen wird ...

Lavater — o Gott, wenn Sie diesen Mann gesehen hätten und wenn Sie wüßten, wie sehr er Goethe liebt und wie sehr er ihn achtet! „Insgemein hat man nur eine Seele“, sagt Lavater, „aber Goethe hat hundert“. ...Sagen Sie, bitte, dem Herrn Goethe, daß ich ihm am 4. Dezember einen langen Brief geschrieben habe; aber da ich damals seinen Aufenthalt nicht wußte, habe ich ihn nach Frankfurt gerichtet. Sagen Sie ihm, wie sehr ich mit der Art zufrieden bin, mit der Sie seinen Auftrag an mich ausgerichtet haben. Grüßen Sie ihn herzlich und, wenn Sie es wagen, geben Sie ihm in meinem Namen einen Kuß!

"Donnes lui en mon nom un B-r !"

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