> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....29.07.1776 Graf Putbus an Graf Wartensleben (277)

2015-09-24

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....29.07.1776 Graf Putbus an Graf Wartensleben (277)



29. Juli

Weimar. Graf Putbus an Graf Wartensleben

Der Briefeschreiber war seit einem Jahr Oberhofmeister der Herzogin-Mutter. Graf Wartensleben ein naher Verwandter von ihm.

AdF. Unsere sogenannten schönen Geister, die in einigen Fällen ziemlich häßlich aussehen, können einen philosophischen Beobachter wohl reizen. In ihren Schriften zeigen sie sich oft als Genies oder wenigstens als Prätendenten dieser Krone; in ihrer Unterhaltung haben sie diesen Ehrgeiz nicht. ( Urschrift deutsch)  Immer herablassend, an allem teilnehmend, alles mitmachend, sind sie kindisch, schwärmend, und, wenn ihre Laune auf das höchste gestiegen, studentisch ... (AdF) Mit mehr Unfehlbarkeit, als der Papst sie beansprucht, schleudern sie Verwünschungen und Bannflüche gegen alle, die ihnen Bewunderung versagen. Der Adel an sich selbst, die Standesunterschiede und erst recht ein unglückliches Ordensband sind in ihren Augen unverzeihliche Lächerlichkeiten und der unsterbliche Gegenstand ihrer scharfen Witze.

Indessen hat ihr Ton sich doch ein wenig mit ihrer Politik geändert. Je mehr sie die Möglichkeit wahrnehmen, etwas darzustellen, um so mehr wachsen sie an Würde und Höflichkeiten. Ich werde von ihnen besser behandelt als viele andere, und ohne daß ich auf die Originalität des Genies Anspruch mache, habe ich ihnen gezeigt, daß man auch ohne Grobheit Pfeile abschießen und abwehren kann. 

Herder ist noch nicht angekommen ... Goethe, seit kurzem Geheimer Legationsrat mit Zutritt zum Consilium, ist der erklärte Günstling des Herzogs und der Schützling der beiden Herzoginnen. Sie kennen, mein sehr lieber Oheim, die Art seines Genies aus seinen Werken. Trotz der Neigung, die er ehemals für die Satire, die an die Schmähschrift grenzt, bewiesen hat, scheint er ein rechtschaffener Mann zu sein und zeigt ehrenhafte Gesinnungen. Im übrigen hat er alle Arten von Ehrgeiz: den des schönen Mannes, des liebenswürdigen Mannes — jedoch auf den akademischen Ton gestimmt —, des gewandten Mannes und des hochbegabten Geistes. Er hält sich für einen Alkibiades, und man hat ihn genugsam verwöhnt, um ihn in allen seinen Einbildungen zu bestärken. Ein maßloser Ehrgeiz wird ihn jederzeit hindern, völlig glücklich zu sein. 

Wieland, ehemals sein Gegner und für den Augenblick sein übertreibender Schmeichler, ist politischer und versteckter als er. Er ändert seinen Charakter ebensooft wie den Stil in seinen Schriften. Lenz, Klinger und einige andere subalterne Schriftsteller atmen nur durch die Gunst der beiden andern.

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