> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...04.08.1775 Iselin an Salomon Hirzel (189)

2015-09-13

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...04.08.1775 Iselin an Salomon Hirzel (189)



4. August

Basel. Iselin an Salomon Hirzel

Salomon Hirzel (1727-1818) war Staatsschreiber von Zürich, Patriot und Geschichtsforscher.

Es hat mir viel Freude gemacht, Goethen zu sehen. Ich bewundere das Genie dieses Mannes im höchsten Grade, obwohl ich den Gebrauch gar nicht liebe, den er davon machet. Er wird indessen eine neue Bahn öffnen; es wird nun eine Zeitlang in Deutschlande alles sich dahin bestreben, Tätigkeit zu spiegeln, Stärke zu zeigen. Wer die größten Kräfte beweisen wird, wird der Größte sein. Und sich auf dieser Bahn bemerken zu machen, scheint Goethens vornehmste Absicht zu sein. Auch ist niemand, der mehr imstande wäre, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Dieses soll uns indessen nicht irremachen. Wir, denen Gott weniger Kräfte verliehen hat, wollen ruhig auf der Bahn fortgehen, die zum Guten führet. Wir werden da weit sicherer und weit rühmlicher arbeiten, und unsre Glückseligkeit wird dadurch nicht gemindert werden.

Was sagt Herr Bodmer von Goethen ? Er kann mit diesem Manne, wie es mir deucht, gar nicht zufrieden sein. Wie Lavater und Goethe so wohl zusammenstimmen können, das kann ich gar nicht erklären. — Es müssen in den Herzen dieser zwei Männer ganz besondre Saiten sich befinden, welche einander verwandt sind. Zween große Geister, die einander nicht verdunkeln, können indessen besser Freunde sein als solche, welche sich auf der gleichen Bahn nebeneinander sehen lassen. Ich stelle mir daher [vor], daß die Erscheinung von Goethe Wielanden sehr wehe tun soll. Er, der bisher dem witzigen Deutschlande mit so vielem und ausschließendem Geiste vorgaukelte, soll einen Mann nicht gerne sehen, der nicht nur noch größre Sprünge tut als er, sondern der noch Originalsprünge tut, da er immer nur Nachahmer war.

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