> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...19.11.1774 Garve an Weiße (121)

2015-09-04

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...19.11.1774 Garve an Weiße (121)

 

19. November

Breslau. Garve an Weiße

Christian Garve, 1742 geboren, war 1768-72 außerordentlicher Professor der Philosophie in Leipzig und lebte danach als Kranker bei seiner Mutter in Breslau.

Ich habe die „Leiden des jungen Werther“ gelesen, und sie haben auf mich den größten Eindruck gemacht, den irgendein Buch dieser Art seit langer Zeit gemacht hat. Dieses einzige ist schon ein großes Verdienst des Werkes in meinen Augen, weil ich so lange fast durch keine andern Leiden als durch meine eignen stark gerührt worden bin und weil diese Rührung bei fremder Not etwas so Angenehmes und Befriedigendes für die Seele ist. 

Ich habe also bisher noch gar nicht daran gedacht, was dieses Buch auf andre Gemüter für Wirkung tun könne. Auf mich hat es diese getan: erstlich, daß ich von wirklicher Hochachtung, Liebe und Mitleiden gegen den jungen Menschen eingenommen worden bin... Sodann bin ich mit ihm in seine Lotte verliebt worden ... Endlich habe ich ... mich damit getröstet, daß nicht bloß Wut und Gottesvergessenheit, sondern Liebe gegen ein anderes Geschöpf, mit zu heftiger Begierde nach einer höhern Vollkommenheit verbunden, seinen letzten ausschweifenden Schritt hervorgebracht hat.

Sie sagen, Sie wünschten, daß jemand in Wilhelms Namen ihn widerlegt und seine Briefe beantwortet hätte. Aber es kommen nur wenig Gründe für den Selbstmord darin vor; am meisten redet bloß die Leidenschaft ...

Daß in dem Verfasser kein gemeiner Geist wohnt: das erkenne ich, wie ich glaube, mit Gewißheit. Und von einem solchen wird unser Vaterland mit der Zeit immer mehr reife und genießbare Früchte zu erwarten haben.

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