> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....24.07.1776 Johann Caspar Goethe an Schönbrunn (273)

2015-09-23

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....24.07.1776 Johann Caspar Goethe an Schönbrunn (273)



24. Juli

Frankfurt. Johann Caspar Goethe an Schönbrunn

Ihr freundschaftlicher Brief de dato Algier, den 28. Oktober 1775, an unsern Sohn ... ist ohngefähr sechs Wochen hernach allhier richtig eingelaufen, und ist seine Schuld nicht, daß er bisher unbeantwortet geblieben. Er war damals schon abwesend, und wir mußten ihm solchen nach Weimar schicken, wo er sich noch aufhält. Hören Sie, wie dies aneinander hängt, weil Ihnen doch alles, schätzbarer Freund, was diesen singulären Menschen betrifft, interessant sein möchte. Ich fange vom Ursprung seiner itzigen Verhältnüsse an. 

Der Herzog von Weimar lernte ihn schon vor zwei Jahren auf der vorteilhaften Seite kennen, und nachdem er von Durlach, wo er sich mit der darmstadtischen Prinzessin Luise vermählt hat, wieder zurück nach Frankfurt kam, wurde er von diesem jungen herzoglichen Paar in aller Form nach Weimar eingeladen, wohin er denn auch gefolget. Er hielte sich den vergangenen Winter daselbst als Gast auf und unterhielt die dortige Herrschaften mit Vorlesung seiner noch ungedruckten Werkchens, führte das Schlittschuhfahren und andern guten Geschmack ein, wodurch er sich dieselbe sowohl als auch in der Nachbarschaft viele Hohe und Vornehme zu Freunde machte. 

Je mehr nun aber der Herzog den Doktor kennenlernte, desto weniger konnte er ihn entbehren und prüfte seine Gaben hinlänglich, die er so beschaffen fand, daß er ihn endlich zu seinem Geheimen Legationsrat mit Sitz und Stimme im Geheimen Conseil und 1200 Talern Besoldung ernannte. 

Da sitzt nun der Poet und fügt sich in sein neues Fach bestmöglichst. Wir wollen ihn auch darin sitzen lassen, jedoch auch zugleich wegen dessen itzigen Amtsgeschäften in dieser Korrespondenz ablösen und vertreten. Sie sollen das Weitere von ihm jederzeit erfahren, auch seine kleine Schriften ... überkommen. 

Noch eins: weilen der Herzog von Weimar die Gelehrte nicht nur schätzt, sondern sie auch nach Verdienst belohnet, dürfte seine Residenz in kurzem der Sammelplatz vieler schöner Geister sein ... 

Was Sie aber am meisten wundern wird, ist, daß sich der Doktor mit Wieland ausgesöhnet und nun auf den freundschaftlichsten Fuß mit ihm lebet. Und das geht von Herzen.

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