> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...14.11.1774 Gräfin Auguste zu Stolberg an Boie (117)

2015-09-03

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...14.11.1774 Gräfin Auguste zu Stolberg an Boie (117)


14. November

Ütersen. Gräfin Auguste zu Stolberg an Boie

Eine Schwester der beiden Grafen Christian und Friedrich, die zu den Jüngern Klopstocks und den verbündeten Göttinger Dichtern gehörten. 21 Jahre alt, in einem adligen Damenstift lebend.

Sagen Sie mir, ich bitte Sie, was sagen Sie zu „Die Leiden des jungen Werther“? Ich kann Ihnen versichern, daß ich fast nichts — ich nehme allein unsern Klopstock aus — mit den Entzücken gelesen habe. Ich weiß fast das ganze Buch auswendig. Der erste Teil insonderheit hat ganz göttliche Stellen, und der zweite ist schrecklich schön. 

Goethe muß ein trefflicher Mann sein! Sagen Sie mir, kennen Sie ihn? Ich möchte ihn wohl kennen. Welches warme, überfließende Herz! Welche lebhafte Empfindungen! Wie offen muß sein Herz jeder Schönheit der Natur, des Geistes und des Herzens sein! Man fühlt es ihn in jeder Zeile ab, wie mich dünkt, daß er so und ebenso denkt und empfindet, als er schreibt. 

Nur wollte ich, daß er die Irrtümer in Werthers Art zu denken widerlegte oder zum wenigsten es den Leser fühlen lassen, daß es Irrtümer sind. Ich fürchte, viele werden glauben, daß Goethe selbst so denkt. Stellen Sie sich meinen Schrecken vor, als ich, nachdem ich es gelesen hatte, hörte, daß es leider kein Roman, sondern die wahre Geschichte des armen unglücklichen jungen Jerusalems ist. Gottlob, daß ich es nicht vorher wußte!


alle vertraulichen Briefe                                                                                                          weiter


Keine Kommentare: