> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...23.12.1774 Knebel an Bertuch. (131)

2015-09-05

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...23.12.1774 Knebel an Bertuch. (131)






23. Dezember
Karlsruhe. Knebel an Bertuch

Friedrich Justin Bertuch, 1744 in Weimar geboren, lebte als Privatgelehrter und Dichter in seiner Vaterstadt. Jetzt war er namentlich als Gehilfe Wielands am " Teutschen Merkur " beschäftigt.

Von Wieland werden Sie erfahren können, daß ich Goethes Bekanntschaft gemacht habe und daß ich etwas enthusiastisch von ihm denke. Ich kann mir nicht helfen, aber ich schwöre es: Ihr alle, ihr Leute, die ihr Kopf und Herz habt, ihr würdet so von ihm denken, wenn ihr ihn kennen solltet. Dies bleibt mir immer eine der außerordentlichsten Erscheinungen meines Lebens. Vielleicht hat mich die Neuheit zu sehr frappiert ...

Was sagt unser Wieland zu Goethens Brief? Nur böse muß er niemals auf ihn werden! Keine Menschen in der Welt würden sich geschwinder verstehen, wenn sie beisammen wären, als Wieland und Goethe. Ich bin versichert und sehe es aus allem, daß sich Klopstock und Goethe lange nicht so verstanden haben. Goethes Kopf ist sehr viel mit Wielands Schriften beschäftigt; daher kommt es, daß sie sich reiben. 

Goethe lebt in einem beständigen innerlichen Krieg und Aufruhr, da alle Gegenstände aufs heftigste auf ihn würken. Daher kommen die Ausfälle seines Geistes, der Mutwillen, der gewiß nicht aus bösem Herzen, sondern aus der Üppigkeit seines Genies. Es ist ein Bedürfnis seines Geistes, sich Feinde zu machen, mit denen er streiten kann; und dazu wird er nun freilich die schlechtsten nicht aussuchen. Er hat mir von allen denen Personen, auf die er losgezogen ist, mit ganz besondrer, empfundner Hochachtung gesprochen. Aber der Bube ist kampflustig, er hat den Geist eines Athleten! Wie er der allereigenste Mensch ist, der vielleicht nur gewesen sein mag, so fing er mir einmal des Abends in Mainz ganz traurig an: „Nun bin ich mit all den Leuten wieder gut Freund, den Jacobis, Wieland — das ist mir gar nicht recht. Es ist der Zustand meiner Seele, daß, so wie ich etwas haben muß, auf das ich eine Zeitlang das Ideal des Vortrefflichen lege, so auch wieder etwas für das Ideal meines Zorns. Ich weiß, das sind lauter vortreffliche Leute! Aber just deshalb! Was kann ich ihnen schaden? Was nicht Stroh ist, bleibt doch! Und die Woge des Beifalls, wenn sie sich auch eine Zeitlang abgewendet hat, fällt doch wieder zurück“.

Ich mußte herzlich über seine Naivetäten dieser Art lachen, denn der Rektifiziergeist ist bei ihm übel angebracht. Genug, ich konnte mich in die Möglichkeit seines Falles setzen und lachte ihn damit aus. Den ältesten Jacobi liebt er über alles... Indessen hat er eine Schrift auf ihn gemacht, die er mir versichert, daß es das Böste seie, was er in dieser Art gemacht habe. Sogar ein Frauenzimmer  in Frankfurt, das mit Jacobi liiert ist, hat er hineingebracht. Sie hat ihn bei allem beschworen, ihr die Schrift lesen zu lassen, und beteuert, daß sie nichts übel empfinden wolle. Er hat ihr aber geradezu versichert, daß es unmöglich sei, daß irgendein Frauenzimmer in der Welt die Stellen nicht übel empfinden sollte. Nun wartet er, bis Jacobi nach Frankfurt kommt; dem muß er es vorlesen, und dann will er es zerreißen.

Soviel von Goethe! Aber lange noch das Geringste! Die ernsthafte Seite seines Geistes ist sehr ehrwürdig. Ich habe einen Haufen Fragmente von ihm, unter andern zu einem „Doktor Faust“, wo ganz ausnehmend herrliche Szenen sind. Er zieht die Manuskripte aus allen Winkeln seines Zimmers hervor. An den „Leiden des jungen Werthers“ hat er zwei Monate gearbeitet, und er hat mir versichert, daß er keine ganze Zeile darin ausgestrichen habe. An „Götz von Berlichingen“ sechs Wochen. Er macht wieder so eines, und noch ein Dutzend andre ...

" Den ältesten Jacobi ": richtig müsste es " den jüngeren " heißen, den Friedrich ist gemeint. Das mit Jacobi liierte Frauenzimmer: Johanna Fahlmer, seine Tante, die aber etwas jünger war als er, sodass zeitweilig eine andere Liebe zwischen ihnen bestehen mochte, als zwischen Tanten und Neffen natürlich ist.


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