> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe i.v. Briefen seiner Zeitgenossen 6. und 8. März 1776 Frau v. Stein an Zimmermann (239)

2015-09-19

W. Bode: Goethe i.v. Briefen seiner Zeitgenossen 6. und 8. März 1776 Frau v. Stein an Zimmermann (239)



6. und 8. März

AdF. Weimar. Frau v. Stein an Zimmermann

Wieland hat neulich abends und auch gestern zu Mittag bei mir gegessen und wird aufrichtig mein Freund; ich verdanke seine Freundschaft Goethen und das Ganze Ihnen.

[Urschr.: deutsch:] Ich könnte Ihnen wohl mancherlei politische Lieder hier singen, aber zu was? Ad.F. Unsere Wünsche für Herder sind erfüllt. Goethe wird hier geliebt und gehaßt; Sie fühlen wohl, daß es hier genug Dickköpfe gibt, die ihn nicht verstehen. Luise nimmt täglich in der Freundschaft zu mir zu, aber unter den Gatten ist viel Kälte. Indessen verzweifle ich nicht, zwei so vernünftige und gute Wesen müssen endlich zusammenstimmen ...

[Urschr.: deutsch:] ... Ich war den Abend im Konzert, Goethe nicht. Vor einigen Stunden war er bei mir ... und war toll über Ihren Brief ... Ich verteidigte Sie, gestund ihm, ich wünschte selbst, er möchte etwas von seinen wilden Wesen, darum ihn die Leute hier so schief beurteilen, ablegen, das im Grund zwar nichts ist, als daß er jagt, scharf reit’t, mit der großen Peitsche klatscht, alles in Gesellschaft des Herzogs. Gewiß sind dies seine Neigungen nicht; aber eine Weile muß er’s so treiben, um den Herzog zu gewinnen und dann Gutes zu stiften. So denk ich davon; er gab mir den Grund nicht an, verteidigte sich mit wunderbaren Gründen; mir blieb’s, als hätt er unrecht. 

Er war sehr gut gegen mich, nennte mich im Vertrauen seines Herzens Du, das verwies ich ihm mit den sanftesten Ton von der Welt, sich’s nicht anzugewöhnen, weil es nun eben niemand wie ich zu verstehn weiß und er ohnedies oft gewisse Verhältnisse aus den Augen setz. Da springt er wild auf vom Kanapee, sagt: „Ich muß fort!“, läuft ein paarmal auf und ab, um seinen Stock zu suchen, findt ihn nicht, rennt so zur Türe hinaus ohne Abschied, ohne Gutenacht. Sehen Sie, lieber Zimmermann, so war’s heute mit unsern Freund. Schon einigemal habe ich bittern Verdruß um ihn gehabt; das weiß er nicht und soll’s nie wissen ...

[Am 8. März] ... Ich sollte gestern mit der Herzoginmutter zum Wieland gehn; weil ich aber furchte, Goethen da zu finden, tat ich’s nicht. Ich habe erstaunlich viel auf meinen Herzen, das ich den Unmenschen sagen muß. Es ist nicht möglich, mit seinen Betragen kömmt er nicht durch die Welt! Wenn unser sanfter Sittenlehrer gekreuz’get wurde, so wird dieser bittere zerhackt! Warum sein beständiges Pasquillieren? Es sind ja alles Geschöpfe des großen Wesens, das duldet sie ja! Und nun sein unanständ’ges Betragen mit Fluchen, mit pöbelhaften, niedern Ausdrücken. Auf sein moralisches, sobald es aufs Handeln ankommt, wird’s vielleicht keinen Einfluß haben; aber er verdirbt andre. Der Herzog hat sich wunderbar geändert. Gestern war er bei mir, behauptete, daß alle Leute mit Anstand, mit Manieren nicht den Namen eines ehrlichen Mannes tragen könnten! Wohl gab ich ihn zu, daß man in den rauhen Wesen oft den ehrlichen Mann fände, aber doch wohl ebensooft in den gesitteten! Daher er auch niemanden mehr leiden mag, der nicht etwas Ungeschliffnes an sich hat.

Das ist nun alles von Goethen, von den Menschen, der für Tausende Kopf und Herz hat, der alle Sachen so klar, ohne Vorurteile sieht, sobald er nur will, der über alles kann Herr werden, was er will! 

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