> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe i.v. Briefen seiner Zeitgenossen: Albertine v.Grün an Marianne Höpfner (259)

2015-09-22

W. Bode: Goethe i.v. Briefen seiner Zeitgenossen: Albertine v.Grün an Marianne Höpfner (259)



Datum unbekannt

Hachenburg? Albertine v.Grün an Marianne Höpfner

 Albertine v. Grün (1749 bis 1792) zu Hachenburg war die Tochter eines Hochgräflich Saynschen Kanzlei-Rates und Komitialgesandten. Sie zeichnete sich durch Kenntnisse, Geist und warmes Herz aus. Ihre beste Freundin Marianne Thom wurde die Frau des Professors Höpfner in Gießen. Durch diesen wurde Albertine mit Klinger und Merck bekannt, während sie Goethen nur einmal von Ferne sah. (" Ich erinnere mich aber nichts mehr von ihm, als dass er einen pfisrsichblütenen Rock anhatte. ") Sie liebte den Dichter Goethe als stille Leserin, während Klinger als Mann ihr Herz besaß oder ihr Götze war, wie sie es ausdrückte.
Eines Tages schrieben ihr Höpfners das Gerücht: Goethe sei verunglückt.

Ich bin halb tot über die Nachricht. Nun ist wieder eine Freude meines Lebens dahin! Bin ich wohl die einzige, die um ihn wie um ihren liebsten Bruder trauert und bekümmert ist? Ach mein andrer Götze! Alle Hoffnung, alle wäre für Klinger dahin, auch dein Glück, Klinger! Ich zittre für die Ruhe meines Lebens. Alle meine Hoffnung hatte ich auf ihn gesetzt, den Stolz meines Götzen zu befriedigen. Goethe, Hüter Goethe, könnte ich dich doch der Vorsehung abdringen, wenn du dahin bist! Du warst gewiß ein guter Mensch. Du hättest unmöglich so viele Empfindung haben können, wenn du nicht auch eine große, edle Seele gehabt hättest. 

Wo bin ich, Gott im Himmel! Verhüte es, daß ich Ursache habe, mich mit dem schrecklichsten Gedanken zu plagen! Ich blicke den Himmel mit wehmütigen Tränen an, stütze mich auf meine zitternde Hand und denke, wenn die Sonne heute noch einmal aus den Wolken hervortritt, so kann es unmöglich sein, daß der große Mensch dahin ist. 

Die Sonne kommt langsam und traurig, doch habe ich sie nie mit schönerer Pracht gesehen, denn mir schien es, sie käme, mich zu trösten. 

Nie sind heiligere Tränen geweint worden, als ich um ihn weine. Ich habe ihn mit Ehrfurcht wie meinen weit über mich erhabenen Bruder geliebt. 

Liebe Marianne, wenn du mich noch ein klein wenig liebhast, so schreibe mir gleich, wo diese Nachricht her und ob sie gegründet und was Ihr noch ferner davon gehört habt.

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