> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe i.v. Briefen seiner Zeitgenossen: Graf Friedrich Stolberg an Klopstock (258)

2015-09-21

W. Bode: Goethe i.v. Briefen seiner Zeitgenossen: Graf Friedrich Stolberg an Klopstock (258)



8. Juni

Kopenhagen. Graf Friedrich Stolberg an Klopstock

Klopstock hatte böse Gerüchte über des Herzogs und Goethes Treiben und über die Verzagtheit der Herzogin gehört. Er warnte Goethe in einem ernsten Briefe: Dieser antwortete spät und zurückweisend. Klopstock wandte sich nun völlig von ihm ab. Vgl. Voß. 14. Juli

Ich habe mit Verwunderung und Ärger Ihre Korrespondenz mit Goethe gelesen. Bester Klopstock, ich kenne zwar ganz Goethens unbiegsames Wesen; aber daß er einen solchen Brief, von Ihnen, so beantworten könnte, davon hatte ich keine Idee. Es tut mir in der Seele weh für ihn, er verdient’s, Ihre Freundschaft zu verlieren. Und doch weiß ich, wie er im Herzen Sie ehrt und liebt. Das sag ich nicht, ihn zu entschuldigen; ich kann und mag hierin ihn nicht entschuldigen und bin indigniert über seinen Brief. 

Starrkopf ist er im allerhöchsten Grade, und seine Unbiegsamkeit, welche er, wenn es möglich wäre, gern gegen Gott behauptete, machte mich schon oft für ihn zittern. Gott, welch ein Gemisch! Ein Titanenkopf gegen seinen Gott und nun schwindelnd von der Gunst eines Herzogs!

Sagen Sie mir, Liebster, denn Sie erkannten früh seinen eisernen Nacken: dachten Sie nicht an ihn, wie Sie die „Warnung“ machten? 

Und doch kann er so weich sein, ist so liebend, läßt sich in guten Stunden leiten am seidnen Faden, ist seinen Freunden so herzlich zugetan.

Gott erbarme sich über ihn und mach ihn gut, damit er trefflich werde! Aber wenn Gott nicht Wunder an ihm tut, so wird er der Unseligsten einer. 

Wie oft sah ich ihn schmelzend und wütend in einer Viertelstunde!

Stolberg fährt fort:

Die Sache, über welche Sie ihm schrieben, geht mir denn auch sehr nahe. Der junge Herzog hat viel Anlage zum Guten und Bösen. Sein Gutes kennen Sie, aber er hat natürliche Wildheit und, was unendlich schlimmer ist, Härte. Sich durch Branntwein abzuhärten, wäre für ihn überflüssig und ist äußerst lächerlich. Die andren Geschichten, welche mir Gustchen erzählt hat, sind lächerlich und schlecht. Und doch, mein Allerliebster, kann ich mich nicht entschließen, mein Engagement mit dem Herzoge gradezu zu rompieren. Ich werde hin müssen, sobald er mich haben will; das hab ich versprochen. Ich hoffe, mich früh zu zeigen, daß er mich genug kennenlernt, um mir nichts anzumuten, das meiner, das Ihres Freundes, mein Allerliebster, unwürdig wäre. Tut er’s, so verlaß ich ihn gleich.

Die "Warnung" ein Gedicht Klopstocks von 1772, wo er nicht an Goethe dachte- Gustchen: Goethes Brieffreundin Gräfin zu Stolberg.

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