> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Abenteuer und Bekanntschaften Seite 86

2015-10-18

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Abenteuer und Bekanntschaften Seite 86



ABENTEUER UND BEKANNTSCHAFTEN

Den vierten Kreis von Beobachtungen deren Gesamtes die italienische Reise — das Erlebnis wie das Buch — ausmacht bilden die persönlichen Einzelheiten. Auch sie hat Goethe bemerkt und beschrieben als wären es Objekte, er gab sich Rechenschaft über sie als Sammler, auch hier sollte alles Begegnende gesehen, alles Gesehene durch das Wort festgehalten werden. Er näherte schon in der Aufzeichnung den Erfahrungsrohstoff der Kunstform, und vielleicht nirgends besser als in den hingeworfenen Brief-oder Tagebuchnotizen läßt sich erkennen wie sehr Goethes Aufnahme von Eindrücken selbst schon künstlerisch und formhaft war, mit der Zeit freilich sogar formelhaft wurde. Dies sofortige Abrunden und Einordnen, das in der italienischen Reise noch spontan wirkt mit der Frische einer neu erworbnen Kraft, wird später sammlerischer Vorsatz und Regel, und wirkt auf der dritten Schweizerreise, ja schon bei der Campagne in Frankreich, erstarrt, schematisch, fast mechanisch. Auf der dritten Schweizerreise legte er sich Aktenfaszikel an, um von den Butterpreisen bis zum Kunststudium alles aber auch alles Detail zu sammeln.

Unter drei Gesichtspunkten lassen sich die persönlichen Einzelheiten der italienischen Reise fassen: Abenteuer, Personen und dichterisch-literarische Tätigkeit. Die Aufzeichnung der Abenteuer hat Goethe dem Novellenhaften angenähert, zu abgeschlossenen folgerichtigen, überschaubaren Handlungen und Begebenheiten gerundet was ihm Ungewöhnliches, von den notwendigen alltäglichen Reiseerfahrungen Abweichendes begegnet ist. Beispiele solcher Anekdoten sind der Bericht über sein Abenteuer in Malcesine, als er beim Zeichnen einer Festung für einen Spion gehalten wurde. Exposition der Lage, Schürzung des Knotens, Führung des Gesprächs und Auflösung findet man darin völlig wie in einer kunstmäßig angelegten Erzählung, nichts ist darin improvisiert, alle Massen sind so verteilt, daß man in der Anlage schon den Ausgang zu kennen glaubt: es ist ein kleines novellistisches Kunstwerk. Mit der Meisterschaft des geborenen Erzählers, der zugleich malerische und dramatische Talente hat, sind solche im engem Sinne biographischen Einzelheiten in die Schilderungen der allgemeinen Natur-, Kultur-und Kunstgegenstände, in die Urteile, Maximen und Beobachtungen eingefügt. Dahin gehören Goethes Erzählung von der Aufnahme in die Gesellschaft der Arkadier, von dem Seesturm auf der Rückfahrt aus Sizilien, vom Besuch bei der Familie Cagliostros, von seiner Neigung zu der jungen Mailänderin, und anderes, minder Ausgeführtes. In all diesen Berichten erscheint Goethe geradezu als der Held einer Begebenheit, und ohne daß er sich in besonders günstiges Licht setzt, werfen doch die Begebenheiten einen Glanz auf ihn. Es gehört zu der Wirkung solcher Anekdoten daß der Träger und Erzähler nicht ein Zufallsreisender, sondern ein überlegener, vom Glück und den Göttern begünstigter Mann ist. Besonders die Erzählung wie er bei dem Seesturm die Panik des mitreisenden Volks dämpft gibt, ohne Prätension und Eitelkeit vorgetragen, das Gefühl von Goethes persönlicher Macht. Verwandt damit ist die Geschichte aus seinem späteren Bericht über die Belagerung von Mainz, wie er zwei Clubisten durch sein Eingreifen vor der Wut des Pöbels rettet. Der novellistische Charakter wird durch die persönliche Großheit des Ich von dem die Rede ist verstärkt, zugleich bekommt das trockene Faktum ohne künstliche Poetisierung oder Umblümung einen legendären Schimmer.. der poetische Zauber von Dichtung und Wahrheit beruht ebensosehr auf dieser Bedeutung des Helden als auf der Kunst sachlicher Darstellung.

Handelt es sich bei den Abenteuern in erster Linie um Geschehnis, so sind bei der andren Gruppe persönlicher Einzelheiten Personen, oder wenigstens Eigenschaften und Beziehungen die Hauptsache. Ausgeführte Porträts, in dem Sinn wie es ausgeführte Anekdoten in der italienischen Reise gibt, verboten sich allerdings in den meisten Fällen für das Zartgefühl Goethes, da es sich um neuerworbene Freunde handelte, um Gönner oder um Schützlinge. Vielfach waren es Werdende, vielfach problematische Naturen, kaum einer ein fertiger Charakter, den Goethe wahrheitsgemäß umreißen konnte, ohne zu verletzen, ja ohne ihn in seiner Entwicklung zu hemmen. So beschränken sich die meisten Erwähnungen von Goethes Bekannten und Begegnungen im gelobten Land auf Aussagen über ihre Riechtung, ihr Streben, seine Beziehung zu ihnen — wobei er besonders gern erwähnt was er jedem zu danken hat — allenfalls über ihr Temperament, und vertraulicherweise auf die Hoffnungen welche sie ihm machen durch ihr Verweilen oder ihr Abweichen auf dem von ihm als recht erkannten und gewiesenen Weg.

Als solche Freunde erscheinen Angelika Kaufmann, die gütige, freundliche, reiche und bildungswillige Malerin, deren Charakter er verehrte, deren Talent er, dadurch bestochen, überschätzte, die er nützte auch als Kennerin und Sammlerin . . ferner Tischbein, ein begabter und fleißiger, aber hypochondrischer Künstler. Ihm danken wir das einzige Bildnis Goethes welches den italienischen Übergang zwischen dem jugendlichen Apollo und dem reifen Jupiter sinnlich klar festhält. Goethe schätzte ihn, wie jeden der sein Handwerk beherrschte, und lernte dankbar von ihm, gewohnt an jedem die produktiven Seiten zu ehren und zu nützen. Zu diesen Lehrern gehörte auch Hackert, der Landschafter, Hofmaler des Königs von Neapel. Keinem aber fühlte Goethe sich tiefer verpflichtet als dem jungen Schweizer Maler Heinrich Meyer. Dessen ausgebreitete historische und gediegene technische Kenntnisse, ruhige Bestimmtheit und Solidität erweckten Goethes Vertrauen und hielten es bei genauerer Bekanntschaft fest. Er hat ihn später nach Weimar gezogen und ihn zu seinem Berater, ja zu seinem Führer in Kunstsachen gemacht. Meyer war keine großartige und geniale, aber eine gewissenhafte und sachliche „treufleißige“ Natur. Zu Beratern und Gehilfen wählte sich Goethe überhaupt nicht gern geniale oder auch nur sehr begabte Personen, seine Dezernenten für die verschiedenen Fächer seines Reichs mußten weniger produktiv als sachkundig sein, die Details jederzeit gegenwärtig haben, wenn er deren zur Verarbeitung bedurfte, er mußte sich auf sie verlassen können, und ihr Geschmack mußte dem seinen gleichgerichtet sein. Genie und Temperament in seiner nächsten Umgebung war ihm eher lästig: das hatte er selbst genug. Von allen Gehilfen Goethes besaß Meyer diese Erfordernisse im reichsten Maße. Er übersah das ganze Gebiet der damals bekannten Kunst geschichtlich und handwerklich. Er hatte keine Grillen, wie Goethes philologischer Adlatus Riemer, und keinen Widerspruchsgeist, wie der Kanzler Müller, und er war ein ausgebildeter Kenner, nicht bloß ein aufnahmewilliger Jünger, wie Eckermann. Daß er Goethes künstlerischen Geschmack beeinflußt hat ist nicht zu leugnen, ebensowenig daß dadurch Goethes Kunsturteile und -bemühungen etwas von ihrer Ursprünglichkeit verloren haben, enger, starrer geworden sind.

Unter Goethes in Italien geknüpften Verbindungen ist die mit Meyer die bedeutendste, weil folgenreichste: denn die, an sich betrachtet, bedeutendste Persönlichkeit aus Goethes Römischem Kreis, wenn auch ohne Folgen in Goethes Leben, ist Karl Philipp Moritz. Er steht in der Mitte zwischen den römischen Gönnern, Lehrern und Förderern Goethes Angelika Kaufmann, Tischbein, Hackert, Meyer (wozu man noch den Kenner, Gönner, Sammler Reiffenstein rechnen kann) und seinen Schülern und Handlangern Bury, Kayser (der ihm auch als musikalischer Adjutant diente) Verschaffelt und Kniep, den ihm Hackert als zeichnerischen Begleiter auf der Reise nach Sizilien anwies. Moritz war ein feinnerviger, philosophisch angeregter und beanlagter, enthusiastischer und durch langen Druck und Kränklichkeit vertiefter, verinnerlichter Bildungsmensch mit vielen kunsthistorischen, philosophischen und archäologischen Kenntnissen, mehr zum Sinnen und Fühlen als zum Schauen und Formen geboren. Goethe, in Rom ganz den großen Gegenständen der Sinne zugewendet, sah halb mit mildem Spott, halb mit teilnehmendem Erstaunen diesen Gefährten und Schützling sich mit philosophischen, etymologischen und ästhetischen Innerlichkeiten plagen. Während Goethe seine Organe anwandte, um sich der sichtbaren Welt tätig und auffassend zu bemächtigen, hing Moritz Betrachtungen über das Wesen und die Bedeutung dieser Organe selbst nach, über den Ursprung der Sprache und das Verhältnis der Sinne zur Außenwelt. Immerhin, beide konnten sich begegnen an dem Grenzpunkt von Innen-und Außenwelt, und die gemeinsame Abhandlung über die bildende Nachahmung des Schönen, in die italienische Reise aphoristisch-fragmentarisch eingerückt, ist ein Zeugnis dieser Berührung eines gefühlvollen reflektierenden Gemüts mit einem in Anschauungen lebenden Genius. Goethe förderte auch die etymologischen und archäologischen Studien Moritz’, dessen Fleiß und treue Begeisterung ihm sympathisch war, durch seine Teilnahme, und wurde seinerseits gefördert durch dessen prosodische und metrische Untersuchungen, besonders beim Umguß der Iphigenie in Jamben — immer bereit aus zufälligen Beziehungen und Freundschaften soviel Nutzen für seine Bildung zu ziehen als möglich. Hatte ein Freund Goethes eine besondere Anlage die ihm ursprünglich fremd war, aber diesen zu sachlichen Resultaten führte, so eignete er sich diese Resultate für seine Gesamtbildung zu und studierte, förderte, befruchtete nach Kräften jene Anlage als ein eigenes neues Phänomen.

Zu Goethes römischen Freunden, Gönnern und Führern kann man cumgrano salis auch noch den Schatten Winckelmanns rechnen, des großen Wiederentdeckers und- Beseelers der ganzen klassischen Kunstherrlichkeit. Die Spuren seines römischen Aufenthalts waren noch frisch, sein Andenken und seine Wirksamkeit fast körperlich gegenwärtig: er war in vieler Hinsicht Goethe lebendiger und notwendiger als mancher Gefährte. Seine Briefe und Schriften las er und maß daran seine eigne Lage, Bemühung und Leistung: „Vor 31 Jahren kam er, ein noch ärmerer Narr als ich, hierher; ihm war es auch so deutsch Ernst um das Gründliche und Sichre der Altertümer und der Kunst. Wie brav und gut arbeitete er sich durchl Und was ist mir nun aber auch das Andenken dieses Mannes auf diesem Platze“ Auch Winckelmann war ihm, wie seine lebendigen Genossen, einmal Förderer und sodann Gegenstand, sittlich natürliches Phänomen.

Wenn nun Goethe schon seine Freunde als sittlich natürliche Phänomene beobachtete und, bei aller Sympathie, nicht nur von ihnen und an ihnen, sondern sie selbst zu lernen suchte, so war dies doppelt der Fall gegenüber Fremden. Sie waren ihm vollends (ohne Rücksicht auf Sympathie und Antipathie, auf praktische Vorteile oder Nachteile) Erscheinungen der sittlichen Natur, wie Bäume und Tiere Erscheinungen der physischen waren — auch die Moral fiel für ihn nicht aus dem Bereich der Naturerscheinungen heraus. Wenigstens erscheinen in der italienischen Reise die Menschen als Beobachtungsobjekte, nicht so sehr eines Geschäfts- und Weltmanns denn eines Naturforschers. Insofern könnte man die Charakterbilder die Goethe festhält, von Ritter Hamilton und seiner Mätresse, von Filangieri oder Doktor Turra, von den Angehörigen Cagliostros oder der wunderlichen Prinzeß, von dem bösartigen Gouverneur von Messina oder — zurückgreifend in die Geschichte — von dem sonderbaren Heiligen Philippo Neri — seinen Natur-und Kulturforschungen einreihen.

Freilich ist hier wieder ein Punkt wo der Dichter und der Forscher Goethe kaum zu unterscheiden sind: reine Auffassung des typisch Menschlichen und seiner individualisierenden Bedingtheit durch Stand, Land und Sitte, des eigentlichen Charakters, war sowohl des Dichters als des Forschers Aufgabe. Wenn Goethe Gebaren und Gewohnheit der ihm begegnenden Menschen als Forscher betrachtete und festhielt, so nahm er Gesinnung, Temperament und Eigenschaften als Dichter wichtig, um damit seine Kenntnis des menschlichen Herzens zu erweitern. Beides zusammen bedurfte er als Darsteller des Weltwesens. Genaue, in seiner Art wissenschaftliche Kenntnis der Typen und Individuen scheint ihm jetzt unerläßlich zur dichterischen Gestaltung seiner Welt, nicht nur eine ahnungsvolle Vorwegnahme, ein sympathetisches Mitschwingen mit Leiden und Freuden der Menschheit, wie es
seine Jugendschöpfungen bezeichnet hatte.



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