> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Abenteuer und Bekanntschaften Seite 87

2015-10-17

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Abenteuer und Bekanntschaften Seite 87



Auch hier bedeutet, durch Weimar vorbereitet, die italienische Reise eine entscheidende Wendung: wie er vom Naturfühler zum Naturforscher sich erhellt, distanziert hatte, so auch vom Menschenfühler zum Menschenforscher. Die Menschen im Werther sind von einem Naturfühler, die Menschen im Wilhelm Meister von einem Naturforscher gezeichnet. Goethe selbst hat seine Jugendsgestalten als Antizipationen bezeichnet: sie stammen aus dem welthaltigen Subjekt und stellen den Menschen als Subjekt, als fühlendes, leidendes Geschöpf mitfühlend dar. Die Gestalten aus dem Wilhelm Meister sind aus der Distanz des Beobachters gesehen, und selbst ihre Gefühle und Gedanken sind als objektive Erscheinungen wiedergegeben: auch das Innenleben zieht Goethe in den Kreis der Beobachtung. Wie sehr er auch die Gefühle Meisters und der Seinen selbst durchgelebt hat: dargestellt sind sie nicht als seine eignen: er hat zum eignen Erleben die Distanz gewonnen und formt vom Auge, nicht mehr vom Herzen aus. Etwas anderes ist es mit den Dramen, Iphigenie und Tasso, die nicht Darstellungen seiner Welt, sondern seines Ich sind, nicht seines Gesehenen und Gelebten, sondern seines Sehens und Erlebens selbst.

Nicht daß Goethe auf seiner Reise Sympathie und Antipathie gewaltsam unterdrückt hätte: aber alle Gefühle mußten seinem Bildungsstreben untergeordnet werden. Nichts durfte ihn so hinreißen, daß er darüber das Sehen und Begreifen vergessen hätte. Nur an einer Stelle spürt man durch daß eine zärtliche Empfindung seiner Beobachtungslust Herr werden wollte, nur einmal schildert er eine menschliche Begegnung mehr vom Gefühl als vom Gesicht her: die junge Mailänderin, deren Neigungseine empfindsame Episode in Rom ausmachte. Diese Episode leitet uns zur dritten Gruppe biographischer Einzelheiten über, zu seinen dichterischen Arbeiten: sie ist ein Schicksal dem ein dramatischer Entwurf Goethes, sein einziger unter italienischem Himmel selbst entstandener und wenigstens teilweise ausgeführter, als ahnungsvolles Gleichnis vorspielt. (Denn der Plan zur Iphigenie in Delphi kann als Material zur Iphigenie in Tauris betrachtet werden und ist über die Absicht nicht hinausgediehen). Die Nausikaa ist das Sinnbild für ein typisch tragisches Erlebnis: die beglückende Begegnung des Wandernden, Schweifenden mit der Bleibenden: eben das Erlebnis Goethes mit der jungen Mailänderin . . die Tragödie des schönen Augenblicks den man nicht festhalten, bei dem man, durch Beruf oder Trieb weggerissen, nicht weilen darf. Das Erlebnis in seiner Grundform war Goethe nicht neu, ja sein erster tiefer Liebeskonflikt ging daraus hervor: Friederike. Aber nichts wiederholt sich, und wenn Goethe ehmals schied, weil er sein werdendes Leben nicht binden wollte, so konnte er jetzt als ein Gebundener nicht mehr sich der Empfindung überlassen. Wenn er damals schied, weil er noch kein Ziel haben durfte, so jetzt, weil er ein Ziel, einen Beruf, eine Aufgabe schon hatte. Der Unterschied zwischen dem ins ungewisse Unendliche strebenden Faust und dem nach dem begrenzten Frieden am Herd zurückkehrenden Odysseus bezeichnet die verschiedenen Gefühlsinhalte beider Trennungen. Faust scheidet aus einem dunklen quälenden Drang, und opfert mit zerrissenem Herzen die Geliebte seinem Schicksal. Odysseus weiß im voraus daß er nicht bleiben wird und meidet die Schuld der Verführung: er reißt die Schöne nicht in sein Leben hinein, und verzichtet wehmütig um seines Berufs und Ziels willen auf den Besitz des Schönen, um es nicht opfern zu müssen. Zwischen Odysseus und Nausikaa steht, wie zwischen Goethe und der jungen Mailänderin, von vornherein das Wissen von der Unmöglichkeit der Vereinigung, welches die Neigung vertieft, aber die Hingabe an die Leidenschaft nicht aufkommen läßt . . auch hier ist wie im Tasso die tragische Stimmung Resignation, und zwar Resignation mit Bewußtsein, in völliger Helle. Was den Tasso vom Werther unterscheidet, daß vor dem Gesetz die Leidenschaft resignieren muß, das unterscheidet die Nausikaaepisode von der Gretchentragödie: auch hier ist von vornherein die Grenze gezogen über welche die Leidenschaft, die Neigung nicht hinausgehen darf, es gibt auch in diesem Werk eine Wirklichkeit jenseits der Leidenschaft, und zwar — darauf kommt es an — eine innerlich anerkannte gesetzliche Wirklichkeit. Hingerissen sein bis an die innere Grenze, und an dieser Grenze umkehren, verzichten, Abschied nehmen zu müssen, das ist die neue Form Goethischen Leidens: der freiwillige, aber deswegen nicht minder schmerzliche Verzicht aus Anerkennung der Grenzen, seien diese Beruf, Pflicht oder höhere Bestimmung.

Friederike hat Goethe unfreiwillig geopfert: das ist der tragische Keim zur Gretchentragödie, zur Schuld Clavigos und Weislingens. Auf Lotte in Wetzlar hat er unfreiwillig verzichtet: darauf beruhen Werthers Leiden. Auf Lili Schönemann hat er freiwillig verzichtet, aber nicht aus klarer Anerkennung eines höheren innern Gesetzes, sondern unter dem Gefühl, aus der Erkenntnis einer Disharmonie zwischen Liebe und Bestimmung. Eine Neigung wie zu der Mailänderin — das uns bekannte, schwerlich das einzige, Beispiel für Goethes Wanderliebschaft — barg den Keim einer Tragödie des reinen Verzichts — einer Tragödie ohne Schuldige, wo Leiden entsteht aus der Begegnung zweier edler Herzen die verschiedenen Weltgegenden angehören und in unvereinbaren Bestimmungen gebunden sind.

Dies ist das Urerlebnis das dem Nausikaafragment innewohnt: das dichterische Symbol für dies Urerlebnis fand er in einem seiner großen Bildungserlebnisse, das ihm jetzt erst durch südlichen Himmel wieder ganz wach geworden war: im Homer. „Was den Homer betrifft ist mir wie eine Decke von den Augen gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse kommen uns poetisch vor und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit und Innigkeit gezeichnet vor der man erschrickt. Nun ich alle diese Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Weiden, fruchtbare Felder, geschmückte Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere Ebenen, Klippen und Bänke, und das alles umgebende Meer mit so vielen Abwechslungen und Mannigfaltigkeiten im Geiste gegenwärtig habe, nun ist mir erst die Odyssee ein lebendiges Wort.“ Die homerische Landschaft vor Augen, eine Begegnungsfreude und ein Trennungsweh im Herzen mochten Zusammenwirken an einem Odysseusdrama, welches Goethes Bildung wie seiner Stimmung entsprach. Den Odysseus dazu kennen wir, die Nausikaa nicht. . statt ihrer die Mailänderin, statt des Urbildes ein lebendig Nachbild.

Freilich war der seelische Anlaß nicht stark genug um ein großes Drama zu füllen, die Rührung zu flüchtig und nicht so nachhaltig erschütternd wie die früheren Leidenschaften, jede Wanderliebe paralysiert durch die noch immer rege, wenn auch schon gedämpfte Neigung zu Frau von Stein. Schon in dem erhaltenen Fragment läßt sich erkennen wie Bildungselemente das Urerlebnis überwuchern, wie der Leidenschaftsgehalt zurückgedrängt wird von der Freude an fast epischer Widergabe der homerischen Landschaft und Luft. Diese wird Goethe unter der Hand Selbstzweck ähnlich wie schon im Götz das Milieu die Charaktere überwuchs. Nur hatte Goethe in der Nausikaa ein reineres und helleres Milieu mit konzentrierterem Mittel darzustellen als im Götz. Von vornherein war also die Nausikaa in Gefahr, ein bloßes Bildungsdrama zu werden, in Gefahr durch die aus Homer zugeströmten Vorstellungen, wenn nicht allein, so doch überwiegend gespeist und gestaltet zu werden, wie später die Achilleis.

Fragment ist die Nausikaa wahrscheinlich deshalb geblieben, weil diese Bildungssubstanzen angezogen und verbraucht wurden von einem tiefer in Goethes Urleben wurzelnden Symbol: der Iphigenie. Diesem Werk, durch ein stärkeres und nachhaltigeres Urerlebnis entstanden und gefüllt, kamen die homerischen Eindrücke schließlich auch zu gut: auch die Iphigenie, und zwar vor allem die in Italien umgegossene Vers-Iphigenie ist gefüllt mit der homerischen Strand« und Meerluft. Je stärker und nachhaltiger ein Urerlebnis ist, desto mehr Bildungselemente zieht das ihm gemäßeste Symbol an sich. Gleichsam als ein stärkerer Magnet oder als ein Baum von stärkerem Wachstum entzieht er den geplanten Motiven worin ein minder starkes Urerlebnis sich ausdrücken möchte die Bildungssubstanzen, so daß sie verkümmern. So hat die Iphigenie der Nausikaa Saft und Luft weggesogen, öfter haben wir bei Goethe den umgekehrten Fall erlebt, daß das Bildungserlebnis, das Milieu, die Atmosphäre, das aus dem Bereich der Bildung entnommene Motiv nicht ergiebig genug war, um der ganzen Stärke des Urerlebnisses zu genügen, so daß es nicht zum Symbol ausreichte. In solchen Fällen zieht das dem Urerlebnis adäquateste Sinnbild (das für den inneren Sinn adäquateste äußere Bild) die Substanzen an sich, und die minder adäquaten Sinnbilder werden nicht ausgeführt: so haben Faust oder Götz den minder adäquaten Symbolen des Titanismus, Prometheus, Mahomet, Cäsar Blut und Luft entzogen, so haben Tasso und Iphigenie Elpenor verkümmern lassen. Überall wo ein Urerlebnis und ein Bildungserlebnis sich kreuzen und sich gegenseitig nicht völlig genügen, so daß überschüssiges Urerlebnis oder überschüssiges Bildungserlebnis frei wird, hat das Überschüssige die Tendenz sich an ein adäquateres Sinnbild anzuschichten, und das sei es dem Urerlebnis sei es dem Bildungserlebnis unadäquate, bleibt fragmentarisch liegen.

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