> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Christiane Seite 95

2015-10-24

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Christiane Seite 95



CHRISTIANE

Freilich ein Zusammenhang zwischen der Abkehr von Charlotte und der Aufnahme eines Bettschatzes — wie Goethes Mutter die Sache und die Person richtig bezeichnete — bestand . . auch ein Zusammenhang zwischen der Italienischen Reise und dem neuen Verhältnis.

Goethes Erziehung zur Sinnlichkeit wie sie sich in Italien vollzog ertrug auch in der Liebe kein sinnlich -übersinnliches Freien mehr, keine angespannte übergreifende Innerlichkeit: abgrenzen zwischen den Ansprüchen des Geistes und denen des Körpers war ihm zum Bedürfnis geworden, nicht um beide zu scheiden, sondern um beiden ohne Vermischung und Verwirrung zu genügen. Erotische Mystik — von seiner empfindsamen Epoche her wirksam selbst in seiner Liebe zu Charlotte, die ihm das höchste seelische Prinzip verkörperte, ohne seine Animalität abzulenken — war jetzt nicht mehr seine Sache. Im Ahnungsvollen, Dämmernden, im Übergang zu verweilen war ihm nach Italien nicht mehr möglich, Maß, Ruhe, Sitte, selbst Klarheit als moralisch seelische Forderungen an sich zu stellen hatte ihn Charlotte gelehrt: als augenhafte, greifbare, tastbare Gegenwart hatte er es in Italien gefunden, und wenn er jetzt liebte, so wollte er nicht mehr die Seele erweitert und gesteigert, sondern die Sinne unmittelbar, heidnisch gegenwärtig und körperlich befriedigt haben.

Das heißt nicht, wie es von allen Schwärmern, Vernünftlern, Empfindlern und Pfaffen, wie es auch von Goethes bisheriger Seelenführerin gedeutet werden mußte, daß er grob materiell geworden sei — so wenig die alten Griechen grob materiell waren. Nein, der Leib selbst, die sinnlich grenzhafte Erscheinung war für Goethe, und erst recht nach der italienischen Reise, ein Geistiges, ja ein Göttliches — und ebendrum vermied er jetzt beim Kult dieses Göttlichen über die Erscheinung worin es beschlossen lag hinauszugehen. Den Körper schauen und halten, das Leibliche ergreifen und genießen, war ihm ein Genügen, und Anbetung genug. Er suchte das Geistige nicht mehr hinter, neben oder über dem schönen Körper, sondern als schönen Körper .. und selbständiger Geist oder Seele bei einer Geliebten mußte ihm jetzt wie Zucker auf Honig gestreut wirken. „Was ist doch ein Lebendiges für ein köstlich Ding, wie wahr, wie seiend!“ Das rief er bei dem Anblick eines Tierkörpers aus, und es erklärt das Glück das er im Verkehr mit einem natürlichen und derb-lebendigen Geschöpf ohne Ansprüche und Überschwang wie Christiane suchte und fand.

Resignation, freiwillige Selbstbeschränkung auf das körperlich Faßbare, und unfreiwilliger Verzicht auf den gleichmäßigen Herzensaustausch mit einer ebenbürtigen Frau war auch in diesem Verhältnis, wie in seiner ganzen Haltung nach der Rückkehr aus Italien, gleichzeitig eine Vertiefung seiner Endlichkeit und ein Vorliebnehmen mit dem Nächsten. Nur bei seiner Seh-und Glaubensart konnte dies Vorliebnehmen nicht zum Philisterium führen. Ihm war es gegeben im Bedingten und Beschränkten die schaffenden ewigen Kräfte, im Genuß die Gegenwart des Geistes, im Verzicht die Feme zu erleben. Für Jeden der nicht diese heidnische Gesinnung hat, nicht im Gegebnen das Symbol des Allgebenden, in den Grenzen die Wirkung des Allbegrenzenden sieht, ist das Vorliebnehmen der Weg zum Philisterium, und eine gewisse Nachfolge Goethes, die mißverstandene Andacht zum Kleinen als Kleinem, zum Einzelnen als Einzelnem statt als dem Symbol des Ganzen, ist das unfehlbare Zeichen des feigen Herzens und des engen Kopfs. Wer nicht das Ganze schon im Geist trägt hat kein Recht zur Goethischen Beschränkung.. er muß es erst suchen. So darf sich auch nicht jeder dürftige Genießer durch Goethes Verhältnis zu Christiane berechtigt fühlen. Dies Verhältnis ist weder eine bequeme Libertinage noch eine Philistrosität des Genius: es ist wie alle seine Liebesereignisse Ausdruck einer bestimmten Krise, und die Gestalt der Geliebten entspricht auch hier wieder, so gut wie Friederike, Lili und Charlotte, den jeweiligen Bedürfnissen seines Lebenszustands und seiner Gesinnung.

Christiane ist die Geliebte des heidnisch erdfromm gewordenen, klassisch körperlichen Goethe, wie er aus Italien zurückkam: ein gutgewachsenes, kräftiges Animal, dabei klug und tüchtig, kurz was er für Bett, Tisch und Haus bedurfte — Erdendinge die der erdenhafte Mensch nicht nur anerkennt sondern heiligt. Man muß sich abgewöhnen davon mit idealistischem Hochmut verachtend oder verzeihend zu reden, als wäre es ein gemeiner Bezirk für das Genie. Man wird dann Christiane weder Goethes unwürdig finden, noch Goethes Liebe zu ihr als eine materielle Nebensache tadeln und entschuldigen: sie gehörte zu seiner Religion ursprünglich so gut wie die Vergötterung Lidas .. sie ist eine folgerichtige Tatsache seines Lebenslaufs, als er sie fand und sie ihn beglückte, und ebenso folgerichtig ist es daß er an ihr litt, weil er sie besaß und behalten mußte.

Denn freilich, so sehr Christiane zur Zeit da er sie in sein Haus nahm seinem Bedürfnis nach sinnlich-gegenwärtiger, heidnisch-körperlicher Beschränkung entsprach, so sehr sie einen bestimmten Zustand seines Lebens, bei der Rückkehr aus Italien, zugleich vertrat und befriedigte, als die bürgerlich mögliche Form seiner antikischen Erotik, so schwer hat er unter der dauernden Bindung an sie gelitten, als dieser Zustand sich allmählich wandelte und Christiane blieb was sie war und zur Zeit ihrer Aneignung sein sollte, ein derber Bettschatz, oder gar als sie sich durch Gewohnheit und Alter mehr und mehr entzauberte. Die Begründung eines dauernden Lebensverhältnisses auf das Bedürfnis eines vergänglichen Lebenszustandes hat Goethe schwer gebüßt. Er war nicht mehr imstande das eingegangene Verhältnis zu lösen, nachdem es seinen Sinn verloren hatte, als die freiwillige Selbsteinschränkung die in seinem Genügen an Christiane lag, die idyllische Seite des Verzichts, zur unfreiwilligen Bürde und Fessel, die tragische Seite des Verzichts ihm offenbar wurde. Das durch tausend Fasern der Neigung und der Gewohnheit mit ihm verflochtene Dasein konnte er nicht mehr, weder innerlich noch äußerlich, aus dem seinen trennen, ohne dieses selbst zu zerstören .. Denn die Zeit war vorüber da die Welt vor ihm offen lag und jeder Augenblick selbstgenugsam den vorhergehenden verschlingen durfte. Nun ging ihm mit schmerzlicher Deutlichkeit auf (ein Keim der Wahlverwandtschaften!) daß jede freie Wahl dem Menschen, wenn getroffen, zum unentrinnbar bindenden Gesetz wird, daß wir beim ersten Schritt Herren, beim zweiten Schritt Knechte des ersten sind. Die Christiane die er als Geliebte zu sich nahm mußte er als ein Bedürfnis, aber zugleich als Not und Druck behalten, und die er um des leiblich geistigen Genusses und Genügens, um eines arkadischen Glücks willen sich verband ließ ihn die ganze Enge eines bürgerlich lastenden Hausstands empfinden, worin weder der Geist (den er von ihr nicht verlangte) zu seinem Recht kam, noch der Leib die gegenwärtig sinnliche Schönheit fand — Christiane ist unschön und unedel geworden.

Da begegnete Goethe den vorwurfsvollen Äußerungen und Blicken seiner Freunde, zumal Schillers, und ihrem vielleicht noch schmerzlicheren schonenden Schweigen, welches die Kluft zwischen seinem Geist oder Ideal und seinem Hauswesen anklagte, und er selbst war zu feinfühlig um sich über diese unschöne Kluft zwischen seiner Welt und seiner Ehe hinwegzutäuschen, zu adlig und zu stolz um nicht bis zu Ende die Pflicht zu erfüllen die er auf sich genommen. Aber gelitten hat er schwer unter dem häuslichen Druck einer nur noch zehrenden, nicht mehr steigernden menschlichen Bindung. Die Tragik des freiwillig unfreiwilligen Verzichts, die seit der Rückkehr aus Italien sein ganzes Leben durchdringt, kam ihm zu Hause vielleicht am dichtesten zur Empfindung — und war schon die Stellung eines Geheimrats in Weimar zu eng für seinen Dämon, wie mußte sich erst der Buhle Helenas, der vollkommenen Schönheit, an Christiane gefesselt vor» kommen? Denn er war nicht, wie es Gelehrte können, von Natur zufrieden das klassisch Schöne oder mythisch Große mit dem bloßen Geist abzumachen und im übrigen ein bequem unempfindliches Spießbürgerdasein zu führen — was er im Geist geschaut das suchte er mit der Seele, und daß er es mit dem Leibe nicht zu Ende leben durfte, das war sein Schmerz: von dem ist sein Verhältnis zu Christiane nur ein weiteres Zeichen.

Was er durch und mit Christiane gelitten davon hat er meist noch tiefer geschwiegen als von den Entsagungspeinen seines Hoftums — doch ein ergreifendes Bekenntnis besitzen wir, die menschlich rührendste seiner Elegien: Amyntas. Durch Schillers vorwurfsvoll oder bedauernd fragenden Blick auf Goethes Hauswesen ist sie ihm abgerungen worden, als Rechtfertigung eines selbstgefühlten und selbstverschuldeten Jochs, als Rechtfertigung zugleich der Armen die es ihm unwissend auflegen mußte, und fast als gelöster Dank an den gestrengen Freund der ihn zu sagen zwang was er leide. Der unerbittlich sittlichen Forderung des Idealisten setzt er ergreifend das nicht minder unerbittliche Natur-und Schicksalsgesetz entgegen unter dem sein Bund mit der lastenden Geliebten steht. Diesem Ge» setz gegenüber hat er die menschliche Freiheit verloren, wie ein Wesendes bloß natürlichen Geschehens oder Wachstums, und dies Gesetz muß er zu Ende erfüllen, es sei so schmerzlich es wolle. Wie schmerzlich es sei, wie zehrend und verarmend, das leugnet er nicht und entwaffnet jeden Mahner durch den adligen Stolz der das Joch der Notwendigkeit jenseits aller moralischen oder ästhetischen Ansprüche auf sich nimmt, durch die verschwenderische Güte die selbst dem Leiden dankt, weil es aus der Liebe kommt, durch das heilig unbedingte Ja zum eignen einmal eingegangenen Leben mit all seinen Folgen.

Aber die Überlegenheit der hohen Seele über die Qual, durch das Wissen um ihr Gesetz, das jeden Förderer schweigen und beschämen muß, verrät doch zugleich die ganze Tiefe der Qual selbst, und nur vor dem höchsten Thron den er kennt, dem der Natur, wagt Amyntas zu verantworten was er auf sich nahm. „Amyntas“ ist das Bekenntnis eines selbstgewählten, aber nicht mehr selbstzulösenden Leidens das ihn verarmt und das er nur dadurch zugleich rechtfertigen und ertragen kann, daß er weiß „es ist Gesetz“.

Vor diesem Gesetz das Goethe anerkannte und dem er opferte haben die nachträglichen Wünsche Kleinerer zu schweigen, wie er seine eignen davor zum Schweigen bringen mußte. Wenn Goethe Christiane von der Pein die sie später für ihn war freispricht, weil ihm nur nach dem Gesetz geschehn, in der Elegie Amyntas, der einzigen, doch wundervollen Frucht langverschwiegener zehrender Schmerzen, so hat er ihr doch überschwenglich gedankt für die Freuden die sie ihm geschenkt oder vielmehr verkörpert hatte, und der produktive Niederschlag dieser Freuden allein rechtfertigt vor der Geschichte schon seinen Bund mit Christiane: die Römischen Elegien.





  

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