> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung Seite 88

2015-10-19

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung Seite 88



DICHTUNG

Goethe hat die Dichtung in Italien nicht so gesucht wie die Kunst und das Wissen, wie die Natur und das geformte Leben, sondern er hat sie mitgebracht wie seinen Charakter, als einen Zweig seines Charakters, als Beschäftigung: sie ist ihm nicht Problem und Forschungsbereich. Er hoffte wohl auch für seine Dichtung zu profitieren, wenn er sehen lernte, aber mit der bewußten Absicht besser dichten zu lernen ist er nicht nach Italien gezogen. Er hat seine dichterischen Pläne mitgenommen auf gut Glück, nach neuen Stoffen nicht gesucht, sondern gewartet ob der italische Boden ihm fruchten werde, über Dichtung nicht theoretisiert, wenn ihm auch manches am Weg einfiel. Kurz, sein Verhältnis zur Dichtung während der Reise war in jeder Hinsicht seinem Verhältnis zur bildenden Kunst entgegengesetzt: in dieser wollte er sich, zum Zweck seiner allgemeinen Menschenbildung, vermöge des Auges und der Gegenstände, vervollkommnnen, und strengte sich an. Dichter war er schon und erwartete seine dichterische Vervollkommnung als eine natürliche, unwillkürliche Folge jener Anstrengungen seines Gesamtmenschen und seines Auges. Ja, man kann sagen, Dichter war er sich eher zu sehr als zu wenig: insofern das Dichten mehr eine Innerlichkeit, eine Funktion des Gefühls war als eine Tätigkeit
des Auges. Wenn auch die Tätigkeit des Auges mittelbar zu einer Umwandlung auch des dichterischen Verfahrens führen mußte: unmittelbare Technik, wie für die Bildkunst, ist das Sehen für die Dichtkunst nicht.

Das Material für die Bildkunst ist Form und Farbe, also Gesehenes und der Außenwelt Angehöriges, das Material der Dichtkunst ist die Sprache, etwas nur dem Menschen, dem inneren Sinn Angehöriges. Wenn also Goethe sich der überschüssigen Innerlichkeit entledigen, sich den Objekten hingeben wollte, so begreifen wir warum die Dichtkunst für ihn in Italien nicht die wichtigste Angelegenheit sein konnte. Da Goethe für uns wesentlich der Dichter ist, so sehen wir, mit Recht, auch seine italienische Reise vor allem auf ihre dichterischen Wirkungen und Ergebnisse hin an. Was sie als Frucht zeitigte erscheint uns leicht als ihre bewußte Absicht : Goethe selbst aber kümmerte sich um alles andere eher. Was er am sichersten und innersten besaß mochte walten: zu sorgen hatte er um das was ihm noch fehlte. Darum hat er sich auch nach italienischer Literatur und Poesie am wenigsten umgesehen, Moritzens sprachphilosophische Bemühungen teilnehmend bespöttelt, die Italiener geärgert durch seine Ablehnung Dantes, und ihr Schrifttum und Theater, ihre Redekünste und Akademien höchstens betrachtet als sittengeschichtliche Symptome, als Dinge der objektiven Kultur, nicht als Ausdruck der subjektiven Geister.

Sein eignes Dichten aber förderte er nur als Erfüllung einer übemommenen Pflicht, als Vollendung angefangener Arbeit. Zunächst zog die Gesamtausgabe seiner Schriften bei Göschen sich gerade über die Italienische Reise hin, als die Zusammenfassung und Ernte seines bisherigen, durch diese Wende und von ihr aus erst zu überschauenden Lebens. Das war eine Arbeit die ihn im fremden und erneuernden Land mit seinem früheren Selbst verband, und ihn doch zugleich aufforderte das Selbst das er jetzt zum Bilde gerundet fertig in die Welt stellen sollte so zu präsentieren, daß es vor seinen eignen, neuen, gesteigerten Forderungen an sich nicht zu schlecht bestände. Denn noch war er sich selbst, wenn auch gegenständlicher, doch nicht so historisch geworden, daß er seine früheren Stufen ganz von seinem gegenwärtigen Ich losgelöst vor sich hingestellt hätte, als wären es die eines Ändern den man zu nehmen habe wie er ist. Bei der Redaktion seiner früheren Schriften mochte er freilich die großen Werke und unmittelbaren Gedichte, die Produkte seines Müssens nicht mehr wandeln, obwohl auch an einzelnen Gedichten kleine Retuschen vorgenommen wurden. So verrät im Schwager Kronos in der letzten Strophe die Veränderung »daß der Orkus vernehme: wir kommen« die Sittigung des Redakteurs gegenüber dem Verfasser — ursprünglich hieß es titanisch überhebend »ein Fürst kommt«.

Doch meistens bezogen sich die Änderungen nicht auf die gemußten, primär dichterischen Werke, die Ausbrüche und Ausdrücke einer Leidenschaft, eines Gesamtgefühls oder einer Gesinnung, welche en bloc genommen wurden, sondern auf die gekonnten Werke, Übungen seiner Geschicklichkeit und Anwendungen von Techniken. Denn die Techniken übersah Goethe in Italien deutlicher, hier gab es ein Erlernbares, Falsches und Riechtiges, ein Unvollkommenes und Vollkommenes, das durch Einsicht und Fleiß zu ändern war. Die großen leidenschaftlichen Werke aus einem Guß, wie Götz und Werther, mochten ihm zuwider geworden sein, als Ergebnisse eines düstren Zustands, er mochte suchen sie zu übertreffen — aber sie zu verbessern, aus einem entfremdeten Zustand heraus, ging nicht an. Aber Opern wie Claudine von Villa Bella oder Erwin und Elmire, Anwendungen bestimmter Sprachmittel zu bestimmten Zwecken, konnte gewinnen durch richtigere Erkenntnis der Zwecke und klarere Beherrschung der Mittel, und diese unterzog Goethe (von einem nicht nur veränderten, sondern erhöhten Standpunkt aus) der Umarbeitung. Er hatte sich durch Kayser vertrauter gemacht mit den Bedürfnissen und Forderungen der Oper, er hatte in Italien, dem Stammland der Opernkünste, einen klarem Begriff gewonnen von Bau und Gliederung des Singspiels, und so goß er auf Grund dieser neuen Ein» sichten Claudine von Villa Bella und Erwin und Elmire in neue Form, wobei das gefühlsmäßig Improvisierte, das Dramatische und Redende zusammengezogen, der sangliche Part ergiebiger wurde. Die Reden der Claudine wurden in durchsichtige, übersichtliche etwas indifferente Jamben umgeschrieben: auch hier die Wandlung vom schwebenden Regellosen zur zeichnerischen Begrenztheit. Alles Improvisierte muß einer bewußten, ja berechenbaren Symmetrie weichen.





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