> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung Seite 89

2015-10-19

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung Seite 89



In vier Gruppen lassen sich Goethes dichterische Bemühungen während der Italienreise sondern. 1. Redaktion (Überarbeitungen oder Umarbeitungen) früherer fertiger Werke für die gesammelten Schriften. Sie gehören ihrem Gehalt nach in die Sturm-und-drang-oder in die voritalienische Übergangsepoche, und bezeugen, sofern sie verändert werden, die Wirkung italienischer Bildungserlebnisse auf Goethes Formbegriffe und technische Einsichten. 2. Umarbeitung und Vollendung voritalienischer Werke: Egmont und Iphigenie. Iphigenie gehört in ihrer ersten Konzeption den Weimarer Jahren an. In ihrer Reife, zumal in ihrer Versform ist sie ein entschiedenes Zeugnis des italienischen Bildungserlebnisses. Egmont gehört der Konzeption wie der Form nach der voritalienischen Epoche an und ist nur zufällig hier vollendet worden, d.h. er trägt keine spezifischen Merkmale daß er gerade in Italien vollendet wurde. 3. Umarbeitung und Weiterführung voritalienischer Werke: dahin gehören Tasso, Wilhelm Meister und Faust. Der Tasso, wie er uns vorliegt, ist wesentlich erst durch Italien zu seiner Form und zu seiner eigentümlichen Problemstellung gereift, derart, daß man den ersten, voritalienischen Tassoplan fast als ein andres Werk betrachten kann. Während die Prosa-Iphigenie zur Vers-Iphigenie sich verhält wie die Skizze zur Ausführung, verhält sich der Ur-Tasso zum endgültigen Tasso wie eine Behandlung eines Stoffs von einer andren, verschiedenen. Welcher Art die durch Italien bewirkte Umwandlung der Urfassung war, ist dargelegt. Am Wilhelm Meister hat Goethe nur wenig gerückt und geschoben und kam damit nicht recht weiter: auch hat er selbst empfunden daß diesem Werk die italienische Lehrzeit unmittelbar nicht förderlich sein konnte. Der Ur-Meister, eine völlig voritalienische Konzeption, war in sich abgeschlossen, und um die theatralische Sendung auf Grund der italienischen Erlebnisse zum neuen Weltbild zu erweitern, hätte Goethe nicht fortfahren, sondern von Grund auf neu bauen müssen: daß dies bei einem derartig umfassenden Werk nicht in Italien anging, bei dem Zudrang ungeheurer Bildungsmassen die erst aufgenommen werden wollten, versteht sich von selbst. Italien mochte wohl ihm den Ur-Meister verleiden, weil er jetzt eine ausgebreitetere Basis für die Erziehung seines Helden, einen weiteren Horizont seiner Welt forderte als in der theatralischen Sendung. Anstücken konnte er nicht, schon weil durch Italien sein Stilgefühl ganz gewandelt war. Es blieb ihm nur der Wunsch daß „die italienische Himmelsluft den spätem Büchern zugute kommen möge.“ So ist das Ergebnis Italiens für Wilhelm Meister, d. h. für Goethes äußeres Weltgemälde, die Einsicht in eine neue Aufgabe, eine Umdeutung des Plans, dessen Ausführung aber erst einer späteren Zeit Vorbehalten blieb. Die theatralische Sendung war nicht mehr möglich, die Lehrjahre noch nicht möglich, und beide negativen Wirkungen auf diese Konzeption sind doch ohne Italien nicht denkbar. Auch solche Einsicht in dichterische Aufgaben und Möglichkeiten gehören zur Arbeit: auch Goethes Liegenlassen hat produktive Gründe. Auch das andre große Weltgedicht welches Goethe mit ausgeführten Teilen und einem Gesamtplan im Kopf nach Italien mitgenommen hatte, der Faust, konnte hier nicht vollendet werden. Aber da der Faust nicht in dem Sinne abgeschlossen war, wie die theatralische Sendung, sondern eine Reihe von Fragmenten, so ließen sich daran weitere Fragmente anstücken. Der Faust war im Gegensatz zu den andren Werken Goethes, seiner Idee und Anlage nach unendlich, jeder Abschluß war das Abbrechen einer unendlichen Reihe, nicht die Abrundung zum Kreis. Daß auf die Gestaltung des Faust wie auf die seines ganzen Daseins Italien Einfluß gewinnen würde war vorauszusehen, aber in das nordische Zauberwesen des ersten Teils unmittelbar die italienische Gegenwart hineinzuarbeiten hatte Goethe weder Anlaß noch Eile. Er baute am Faust weiter, als einem unermeßlichen Gebäude das er angefangen hatte und zu dessen Fortführung ihm jeder Moment und jeder Ort gleich recht war, wenn sich die produktive Stimmung einstellte, und die Gesamtidee war ihm gegenwärtig genug um ihn von lokaler Stimmung unabhängig zu machen. Für die geistige Freiheit mit der dieser ihm nächste Stoff ihn der Umwelt gegenüber ausstattete spricht die Faustszene die er im Borghesischen Garten zu Rom gedichtet: es ist die Hexenküchenszene, der man „nicht anmerkt wo sie entstanden ist.“ Sie ist ebenfalls nur zufällig in Italien geschrieben. Die vierte Gruppe der dichterischen Arbeit Goethes bilden diejenigen Dichtungen oder Entwürfe die ganz in Italien entstanden sind. Auch hier unterscheiden wir solche die nur zufällig in Italien entworfen sind und solche die bewußt Ergebnisse und Ausdrucksformen der italienischen Erlebnisse selber sind. Ein Beispiel für das erste ist Künstlers Apotheose — eine Art Gegenstück der Sturms-und-drang-improvisation Künstlers Erdenwallen . . gleichfalls wesentlich improvisiert und in seinem Stil weniger durch das neue in Italien ausgebildete Formgefühl bestimmt als durch den Wunsch nach Gleichartigkeit mit dem früheren, völlig voritalienischen Stück zu dem es Gegenstück sein sollte. Also in ähnlicher Weise wie die Hexen» Küchenszene im Faust bestimmt wird nicht durch die momentane Luft worin sie niedergeschrieben wird, sondern durch das von dieser unabhängige, weil vor ihr verwirklichte Ganze in welches sie sich einfügen soll, empfängt das Dramolett Künstlers Apotheose seine Gestalt nicht aus dem Impuls, sondern aus einem schon vorgezeichneten Gesetz: sei dies nun Komposition oder Symmetrie. Ein im Geiste getragenes, wenn auch noch nicht herausgestelltes Werk kann für sich und um sich herum einen eignen Dunstkreis bilden der es gleichsam undurchlässig macht für den Dunstkreis der verschiedenen Lebenszeiten und-zonen durch welche es getragen wird. Andre Pläne dagegen sind durchlässig und gleichsam Reagentien für die momentanen Einwirkungen des äußeren Erlebens: Tasso und Iphigenie sind durch das Eindringen der italienischen Atmosphäre sofort umgefärbt, umgebildet worden, Faust und Meister haben einstweilen stand gehalten — und als später ihre Weiterbildung sich vollzog, da waltete in ihnen wohl das vollkommen in Goethe einverleibte Italien, allenfalls die Erinnerung an italienische Eindrücke, aber nicht mehr — und das ist ein großer Unterschied — die unmittelbar einströmende, noch nicht in Goethe selbst konsolidierte Luft Italiens . . wohl Italien als eine Goethische Tendenz, nicht mehr als Rohstoff. So ist auch Künstlers Apotheose zufällig, nicht notwendig in Italien entworfen — niedergeschrieben wurde es erst nach der Rückkehr — es sei denn daß man das Glücksgefühl dem die Dichtung entspringt, und dem sie ihren Titel verdankt, als unmittelbaren Effekt der italienischen Kunsterlebnisse ansehen will. Aber italienische Luft weht nicht darin.

Die Dichtungen die Italien zur notwendigen Voraussetzung haben, die den römischen Zustand selbst ausdrücken, sind die Römischen Elegien. Sie haben überhaupt erst in Goethes Dichtung eine eigene römische Atmosphäre und Gesinnung schaffen helfen welche stark und dicht genug war vorzuhalten, als Goethe Italien schon verlassen hatte: auch seine späteren, im gleichen Metrum verfaßten Elegien haben noch teil an der hier geschaffenen Atmosphäre. Die gesamte elegische Poesie Goethes als dichterisches Gebild, als Ausdruck seines Erlebens haben wir später zu betrachten. Hier war nur festzustellen welchen Raum und Rang Goethes Dichtertum als Beschäftigung und Tendenz während des italienischen Aufenthalts überhaupt einnimmt, was sein Dichten und seine Gedichte als „biographische Einzelheiten“ bedeuten. Eh wir sehn wie sein italienisches Leben Form und Frucht geworden ist, sich in Sprache — und Schweigen — umgesetzt hat, hören wir wie Goethe selbst sich während der Wiedergeburt empfand: „Die Wiedergeburt, die mich von innen heraus umarbeitet, wirkt immer fort. Ich dachte wohl hier was Rechts zu lernen; daß ich aber soweit in die Schule zurückgehen, daß ich so viel verlernen, ja durchaus umlemen müßte, dachte ich nicht. Nun bin ich aber einmal überzeugt und habe mich ganz hingegeben, und je mehr ich mich selbst verleugnen muß, desto mehr freut es mich. Ich bin wie ein Baumeister, der einen Turm aufführen wollte und ein schlechtes Fundament gelegt hatte; er wird es noch beizeiten gewahr und bricht gern wieder ab, was er schon aus der Erde gebracht hat, seinen Grundriß sucht er zu erweitern, zu veredeln, sich seines Grundes mehr zu versichern, und freut sich schon im voraus der gewissem Festigkeit des künftigen Baues. Gebe der Himmel, daß bei meiner Rückkehr auch die moralischen Folgen an mir zu fühlen sein möchten, die mir das Leben in einer weitern Welt gebracht hat. Ja, es ist zugleich mit dem Kunstsinn der sittliche, welcher große Erneuerung leidet.“

„Ich habe viel gesehen, und noch mehr gedacht. Die Welt eröffnet sich mehr und mehr; auch alles, was ich schon lange weiß, wird mir erst eigen. Welch ein früh wissendes und spät übendes Geschöpf ist doch der Menschl“

„Was ich mir immer sagte, ist eingetroffen: daß ich so manche Phänomene der Natur und manche Verworrenheiten der Meinungen erst in diesem Lande verstehen und entwickeln lerne. Ich fasse von allen Seiten zusammen und bringe viel zurück, auch gewiß viel Vaterlandsliebe und Freude am Leben mit wenigen Freunden.“

„In Rom habe ich mich selbst zuerst gefunden, ich bin zuerst überein* stimmend mit mir selbst glücklich und vernünftig geworden.“





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