> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Elegien Seite 98

2015-10-25

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Elegien Seite 98



Der geschichtliche Augenblick in dem die Römischen Elegien gedichtet sind, und zwar sowohl im Leben der Völker als im Leben Goethes, war einer von denen da die alten Glaubensmythen als solche auf den Höhen nicht mehr lebendig, ein neuer Glaube mit einem neuen Mythus noch nicht vorhanden war: seelische Energien welche sonst den Religionen zuwuchsen sind in dieser Epoche entweder der Wissenschaft oder der Politik oder der Kunst zugeleitet worden. Statt der Götter verehrte man fast kultisch Begriffe, wie die deutschen Philosophen das Ding an sich, wie die französischen Aufklärer die Vernunft, oder Menschheitsziele und -zwecke, wie die Revolutionsleute, oder Bilder und Bildungskräfte wie Winckelmann und Goethe. Unter allen Zeitgenossen die sich mit Kunst befaßten und ihr etwas wie Kultus weihten (die Romantiker nicht ausgenommen, deren Kunst-Verehrung in den Äußerungen überschwänglicher war als die Goethes) haben nur diese zwei von der Kunst, insbesondere von der griechischen Kunstwelt Impulse empfangen die an Religion streiften: nur sie waren nicht verzückte Nachempfinder, oder phantastische Ästheten, sondern Menschen deren Gesamtleben aus ähnlichen Quellen gespeist und geformt wurde wie die griechische Mythen-und Kunstwelt. Nur diese beiden, und als dritter Hölderlin, durften sich unbeschadet ihrer inneren Ehrlichkeit des griechischen Mythus wenn nicht als ihres eignen, so doch wie ihres eignen bedienen, und nur ihnen steht es auch natürlich. Wie die Kunst und die Bildung überhaupt für Goethe keine Spielerei, keine bloße intellektuelle Spiegelung ist, sondern eine Grundform seines Daseins, so sind auch seine griechischen Götter ehrlich und wenigstens als Ableitungen echt: wenn er auch nicht mehr an ihre reale Existenz selber glauben konnte, wie die Alten, so doch an die reale Existenz derjenigen Lebenskräfte und die Wahrheit derjenigen Gesinnungen aus welchen jene Götterwelt konzipiert worden war. Für den Griechen selbst waren sie Götter, d.h. eigentliche Wirklichkeiten, für Goethe waren sie Bilder, d. h. gleichnishafte Wirklichkeiten, für den Ästheten (den Menschen dem Kunst nicht Glaube, sondern Surrogat des Glaubens, nicht weit-und menschenformende Kraft, sondern Geschmack und Genuß bedeutet) sind sie Allegorien oder Dekorationen, d. h. Gleichnisse von Gleichnissen, abgelöste Einzelformen, oder Anregungen der feineren Sinnlichkeit. Beispiele für diesen Gebrauch des antiken Olymps bieten Voltaire und Wieland. Goethe dagegen hat, da er als Einzelner keinen neuen Gesamtmythus, d. h. keine neue Religion schaffen konnte, und zwar ein Gläubiger war, aber kein religionsschöpferischer Genius, den antiken Mythus übernommen, als den immerhin noch gemäßesten Symbolkomplex für sein Weltgefühl und seine Gesinnung. (Bei der Benutzung katholischer Kultvorstellungen zu Kunstzwecken ist freilich auch Goethe am Schluß des Faust Allegoriker: hier bediente er sich der Symbole eines Glaubens dessen Grundkräfte ihm nicht, wie der griechische, selbst entsprachen.) Der antike Olymp feiert in seiner Dichtung eine bildungshafte, d. h. verglichen mit seiner ursprünglichen Existenz, allerdings gespensterhafte Wiederkehr. Aber auch Gespenster sind nicht unwirklich, nicht bloß gedacht, wenngleich ihnen die volle Lebendigkeit fehlt. Und diese Olympier Goethes in den römischen Elegien sind helle fröhliche Tagsgeister deren Gegenwart die lebendigen Liebenden nicht verscheucht sondern verklärt. Goethes Olymp verkündigt ein hellenisch gestimmtes Dichtertum und Bildungswollen. Homers Dichtertum verkündigt einen wirklich geglaubten Olymp. Goethe dichtet Götter wie ein Grieche — niemand außer ihm und Hölderlin konnte es wagen — nicht als ein Grieche.

Dieselbe Frage wie nach der Berechtigung, d. h. der Echtheit der griechischen Inhalte in Goethes Poesie, erhebt sich inbezug auf ihre griechischen Formen: die Frage nach dem Recht des Hexameters oder griechischer Odenmasse in modernen Gedichten. Denn der Hexameter, die sapphische oder alkäische Strophe sind so wenig wie die antiken Götter zufällig angeschwemmtes Strandgut der Geschichte dessen sich jeder Spätere nach Belieben bedienen kann. Griechischer Mythus und griechische Formensprache, zu der auch das Metrum gehört, sind Produkte eines bestimmten Weltfühlens, und nur aus der Wiederkehr dieses Weltfühlens konnte eine lebendige Erneuerung versucht werden. Klopstocks Hexameter und Oden sind Produkte eines gehobenen Zustands, der zwar dem griechischen Enthusiasmus verwandter war als irgendein vorhergehender in der deutschen Poesie seit Opitz: aber auch er krankte noch an dem Rationalismus welcher an ein schlechthin Vorbildliches glaubte, das sich einfach nachahmen und in andere Bedingungen herübernehmen lasse. Seiner neuen gefühlvollen, Überrationellen Begeisterung hatte Klopstock zu danken daß er in den griechischen Rhythmen ein solches Nachahmenswürdige erkannte und diese Erkenntnis betätigte.. aber sein Rationalismus ist daran schuld daß er die Verschiedenheit, die Unübertragbarkeit heroisch griechischer Lebens-und Versformen auf protestantische Gefühle nicht empfand: daher sind seine Hexameter und Oden eine so seltsame Vereinigung von Schwung und Pedanterie — von echtem Dichtertum und rationaler Schulmeisterei.

Die einzigen Dichter, denen aus einer späten Wahlverwandtschaft mit hellenischem Geist die griechischen Götter nicht bloße Namen und Arabesken sondern Sinnbilder und Formen bedeuteten, Goethe und Hölderlin, waren notwendig auch die einzigen denen die griechischen Versformen in deutscher Sprache lebendig, wahr und ungezwungen nachzubilden gelungen ist. Dichten ist keine Schulaufgabe wie das Aufsatzschreiben, die dichterischen Mittel kein mechanisches Handwerkszeug das heute so und morgen so auszuwählen und anzuwenden den Poeten die Lust anwandelt. Für lebendige Dichtung sind Metren und Gattungen keine zufälligen Schemata, zu freier Benutzung herumliegend, sondern Ergebnisse ganz bestimmter Kräfteströme und Seelenlagen, welche sich willkürlich weder rufen noch bannen lassen. So sind auch Goethes Distichen in den Römischen Elegien die ersten vollkommen leichten und bequemen deutschen Hexameter (von ein paar Goethischen Epigrammen der Weimarer Frühzeit abgesehen) Ergebnisse desselben Prozesses und Zeugnisse derselben Gesinnung wie seine Verwendung des griechischen Mythus in diesen Gedichten. Goethe spricht einmal von den magischen Wirkungen der verschiednen Metren, und bemerkt dabei, der Inhalt der Römischen Elegien etwa im Versmaß des Ariost müsse sich ganz verrucht ausnehmen! Das ist eine Bekräftigung dafür daß Versformen Seelenformen sind. Das elegische Versmaß wie es Goethe unter Anregung der drei Römischen Elegiker, der „Triumvim der Liebe“, weiterbildete schließt von vornherein jedes Element der Ironie aus, welches die ariostische Stanze, durch das Spiel der Reimverschlingung, unwillkürlich einschließt. Werden erotische Dinge vorgetragen in einer arabeskenhaften Form, als welche die Aufmerksamkeit des Lesers durch klangliche Kunstgriffe, wie die dreimalige Wiederkehr desselben Reims, weckt und beansprucht, so erscheint sofort der Inhalt als ein Spiel, als eine Sache der man gleichsam zusieht, die man arrangiert, als ein mit romantischer Ironie angeschautes Faktum: für erotische Fakten aber bedeutet das Zuschauertum, das Arrangement und das Spiel Frivolität und naive oder kokette Verruchtheit: man lese Ariost, Shakespeares Venus und Adonis, Byrons Don Juan, Wielands Oberon, Heinses Laidion, auch „Das Tagebuch“ Goethes. Sobald die Form als Form dem Leser durch besondre Kunstgriffe zum Bewußtsein gebracht wird, wie bei den künstlichen Reimverschlingungen, überhaupt bei technischen Künstlichkeiten, lebt der Leser den Inhalt nicht mehr mit, sondern er schaut zu, er wird nicht identisch mit dem Erlebnis des Dichters, sondern er wird von ihm eingeweiht, darauf hingewiesen. Darum sind die in solchen arabeskenhaften Kunstformen geschriebenen Dichtungen nur dann nicht frivol, wenn es sich dabei um Lehre oder um allegorische Darstellungen handelt, bei welchen der Leser objektiv, aufmerksam, teilnehmend bleiben soll, um einem erhebenden oder erbauenden Schauspiel beizuwohnen, mit dem durch Kunstmittel stets wachgehaltenen Bewußtsein daß der Künstler ihm hier selbst das Schauspiel bereitet. So sind die Zueignungen zu den Gedichten und zum Faust bewußte Auseinandersetzungen Goethes, wie der Titel schon sagt, mit seinen Freunden, Ansprachen an seine Freunde, und hier ist die künstliche Form zugleich eine Distanzierung und Zeremoniell nach außen, nach dem Publikum hin. Werden aber mit solchem Zeremoniell Erotika vorgeführt, so erscheint der Dichter als maitre de plaisir, ja als Kuppler, und die Reimverschlingung als behagliche und zugleich förmliche Umständlichkeit, als höfliches Verbreiten über Dinge die man eigentlich nicht zeigt und nicht bespricht.

Dazu kommt daß Ottave-Rime Kostüm sind, Renaissance- oder Rokokokostüm: denn jedes Versmaß trägt etwas vom Geist der Zeit mit sich in der es entstand. Erotik aber die nicht nackt ist wirkt von vornherein frivol: das Kostüm bringt sofort das Gesellschaftliche in die Vorstellung, den Gegensatz gegen die Natur, und sobald die Erotik, die Sinnlichkeit, die Animalität nicht als Natur, sondern als Gesellschaftsspiel auftritt, verliert sie ihre Unschuld und Lauterkeit. Kostümiertes Animal ist frivol. Der Hexameter trägt auch noch den Geist der Antike, d. h. den Geist für welchen Geschlecht, Animalität, Leiblichkeit noch Naturalia und also nicht turpia waren, wo man im Gegensatz zu christlichen Zeiten Liebe als natürliche vitale Funktion, nicht als Reizmittel begriff und behandelte, und Nacktheit zeigte und übte.

Das deutlichste Zeichen für die unschuldige Seligsprechung alles Leiblichen, bis zum Geschlechtlichen mit sämtlichen Spielen und Lüsten, Nebentrieben und Verselbständigungen, Umkehrungen oder Steigerungen, bilden in dieser Zeit (und nur in Goethes Römerjahren ist solcher kindliche Zynismus der geschlechtlichen Selbstdarstellung möglich) die unterdrückten priapischen Elegien und Epigramme. War der sinnliche Leib nach antiker Weise heilig, wie ihn der italienische Augen-Goethe empfand, so gab es auch keine Grenze nach unten für diese Heiligung, und Phallus und Cunnus hatten so gut ihr Recht auf Feier wie der übrige Leib mit „allen seinen Prachten.“

Die antikische Nacktheit und Unschuld des Animalischen, welche Goethe empfand, sicherte er seiner Darstellung auch durch das antike Versmaß, und nur weil er jene antike Unschuld nachlebte, konnte ihm das Metrum der angemessene und wahrhaftige Ausdruck dafür nicht nur scheinen sondern auch sein. Dieselbe Wiedergeburt antiker Gesinnung welche ihm ein Recht auf Benutzung der antiken Mythen gab ermöglichte ihm auch die erfolgreiche Benutzung der antiken Metren.

Wir haben den vollendeten heidnisch augenhaften Zustand Goethes in dem Gegenstand und im Metrum der römischen Elegien wahrgenommen: ohne Goethes Beschränkung auf die sinnliche Gegenwart keine Liebe zu Christiane, kein Bedürfnis nach mythisch sinnlichem Gegenbild in der Dichtung. Ohne die Gesinnung welcher der antike Mythus wieder lebendig und dichterisch brauchbar ist, auch keine Erneuerung des elegischen Versmaßes! Gehalt, Motiv und Metrum der Römischen Elegien sind nur verschiedene Symptome derselben Wandlung und Gefühlsweise. Weitere Symptome sind einige kompositionelle Eigentümlichkeiten dieses Gedichtkreises, nicht nur der Römischen Elegien Goethes, sondern seiner gesamten elegischen Dichtung. 

Er hat ja selbst die Elegien Alexis und Dora, der neue Pausias und sein Blumenmädchen, Amyntas, Euphrosyne gleichsam als ein zweites Buch den Römischen Elegien angeschlossen und damit angedeutet daß beide Gruppen durch ein tieferes Gemeinsames miteinander verknüpft seien. Ohne näher auf die Sondererlebnisse einzugehen welche dieser zweiten Gruppe von Elegien zugrunde liegen, betrachte ich sie als ein Ganzes, als Ernte eines elegienträchtigen Gesamtzustandes, als Gewächse eines gemeinsamen Ackers innerhalb Goethes Erdreich — und begnüge mich hier ihre gemeinsame Struktur anzudeuten welche auf gleiches seelisches Klima und Niveau ihres Ursprungs hinweist. Wenn diese Gedichte auch später entstanden sind als die Römischen Elegien, so haben die Elegien doch, wie jede einmal festgestellte Form und Gattung, gleichsam einen Bezirk in Goethes Innerm abgegrenzt in welchem er jedesmal bei verwandter seelischer Temperatur verwandte Gewächse züchten konnte. Der einmal vom Dichter festgestellte eigne Typus hat eine ähnliche Macht wie das einmal ergriffene Motiv, das den Dichter durch lange Lebensstrecken zu begleiten stark genug ist. So hat Goethe einmal festgehaltene Faust- oder Wilhelm Meistermotive auf ganz andern Lebensstufen vollendet als denen worauf sie konzipiert wurden und wovon sie ursprünglich Ausdruck sind. So konnte er ein so starkes Erlebnis wie das woraus die Römischen Elegien entstanden sind, d. h. die elegienträchtige oder elegienhaltige Stimmung in sich nachwirken lassen: die großen elegischen Gedichte, Alexis und Dora (1796), Pausias, Amyntas, Euphrosyne (1797) sind mitten unter mannigfachen andersartigen Gewächsen noch eine Nachernte seines ersten Elegienjahres . . unter denselben Bedingungen, in der gleichen geistigen Witterung aufgewachsen, und nicht nur aus Verlegenheit, etwa wegen des gleichen Metrums, wohl gar wegen des ähnlichen Druckbildes als zweite Serie dem ersten Elegiensegen angehängt. Auch die zweite Reihe bildet unter sich wie die erste einen Zyklus verwandter Motive, wenngleich ihre Einheit nicht so straff ist wie die der ersten. Der ersten wie der zweiten Serie gemeinsam ist die Einordnung eines irdisch sinnlichen, meist liebenden, Verhältnisses oder Begegnisses meist in den antikischen Erd- und Himmelskreis: Darstellung heutiger Sitten unter antiken Formen.





  

Keine Kommentare: