> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Epigramme und Episteln Seite 101

2015-10-27

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Epigramme und Episteln Seite 101



EPIGRAMME UND EPISTELN

Die römischen Elegien selbst kamen aus einer dichterischen Ergriffenheit. Die andren antiken Gattungen deren Wiederbelebung Goethe sich angelegen sein ließ setzen schon als „Gattung“ nicht die Ergriffenheit, sondern die Beobachtung, die Reflexion voraus: das Epigramm und die Epistel. Das Epigramm, die Aufschrift, ist entstanden (man muß jede Kunstform aus einer Naturform, einer Lebensform ableiten) aus dem Bedürfnis eine Anschauung, Erfahrung, Gestalt, Begebenheit, auf einen Begriff zu bringen der zugleich die Einbildungskraft fülle und den Verstand befriedige, zugleich in sich abgeschlossen sei und aus sich heraus deute, entweder auf jene Anschauung usw. selbst oder auf ihre Beziehung zu andren Inhalten. Das Epigramm gibt im Gegensatz zu den andren lyrischen Dichtarten, welche nicht Erzählung oder Handlung, sondern Zustand oder Gesinnung darstellen, Anschauung mit „Pointe“ verknüpft. Das eigentlich lyrische Gedicht ist ohne Pointe: ohne begrifflichen Hinweis auf etwas außer ihm. Pointe ist nicht zu verwechseln mit Motiv: das Motiv ist die Mitte eines Gedichts, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, die Pointe ist die Angabe seiner Richtung. Das Motiv verhält sich zur Pointe wie ein Weg zum Wegweiser, wie die Tagesstunde zum Uhrzeiger der sie kundgibt, eben wie die Überschrift zum Inhalt. Epigramme haben einen Anschauungsinhalt auf einen knappen begrifflichen Ausdruck zu bringen. Das kann geschehen durch Subsumption, durch Antithese oder durch Analyse: indem der Verstand die Anschauung verknüpft mit einer weiteren oder mit einer gleichartigen bzw. gegensätzlichen oder mit einer engeren, und auf diese Weise Einbildung und Verstand zugleich in Bewegung setzt. Das Epigramm ist mit dem Witz verwandt, oder vielmehr der Witz ist eine bestimmte Art nicht durch Metrum gedämpften und gebundenen Epigramms. Was ein lyrisches Gedicht unfehlbar zerstört, die Beziehung des Gefühls-oder Phantasieinhalts auf ein Begriffliches außerhalb seiner, ist gerade der Reiz des Epigramms. Auf dem Dualismus zwischen Gehalt und Begriff, auf der Beziehung, auf der Pointe, d. i. „Spitze“, Hinweis, auf der Spannung zwischen Gefühl und Verstand beruht gerade der Wert des Epigramms. ]e straffer diese beiden Widerspiele zusammengezwungen sind desto größer ist der dynamische Reiz des Epigramms. Je dichterer Anschauungsinhalt auf je knapperen Begriff gebracht, je gegensätzlichere Anschauungen durch den Begriff zusammengejocht und wirklich in einen notwendigen inneren Bezug gesetzt sind, je mannigfachere Anschauungsglieder der Verstand mit einer einzigen Fessel bindet, desto besser ist das Epigramm. Der Zauber der Form beruht hier nicht, wie bei den andren Gattungen, insbesondere bei den Elegien, auf dem leichten oder tiefen oder warmen Ausdruck des Erlebnisses, sondern auf der straffen und strengen Herrschaft über das Erlebnis, und Form ist hier nicht Leib des Gehalts, sondern Gefäß des Gehalts: das Epigramm gehört zu den Redekünsten, ebenso wie die Epistel, im Gegensatz zum Lied, zur Elegie, zur Hymne: es steht schon seiner Gattung nach auf der Grenze zwischen eigentlicher Poesie und Rhetorik: d. h. es setzt den Verstand als wesentlichen Formfaktor voraus. Ein gutes lyrisches Gedicht kann ein dumpfer, echt erlebender, seelisch ausdrucksfähiger Mensch ohne Verstandesschulung machen . . ein gutes Epigramm erfordert diese Ausbildung eines menschlichen Teilorgans, mitunter sogar auf Kosten des Gesamtmenschentums. Wer nur gute Epigramme machen kann, wie etwa Martial, kann ein sehr gescheiter, und übrigens fratzenhaft gemeiner, innerlich roher Mensch sein. Herrschaft des Denkens über Gefühl oder Anschauung ist die Voraussetzung zu einem guten Epigramm.

Daß Goethe seiner ganzen dichterischen Anlage nicht von vornherein zu dieser Gattung gedrängt war ist offenbar: ein Mann, dessen Denken nur die Erhellung des Gefühls und der Anschauung war, nicht Kritik und Gegensatz, konnte im Grund nicht zu diesem Dualismus, dieser Spannung hingezogen sein. Ein Mann dem jede Art Forcierung fremd war konnte wenig Freude finden an der Fesselung, an der Pressung des Erlebnisses durch den Verstand, an dem Lakonismus der Rede. Denn die Bändigung und Gliederung des Erlebnisses durch sich selbst, kraft des ihm innewohnenden Formtriebs, ist etwas anderes als die Gefangennahme und Einspannung des Erlebnisses durch den Begriff. Goethe war von Natur weder dialektisch noch rhetorisch noch lakonisch — Eigenschaften woraus noch immer die besten Epigramme hervorgegangen sind: das antike Epigramm ist aus dem Geist der Rhetorik und der Dialektik geboren, unter den Neueren sind die Renaissancehumanisten und -rhetoren die Meister der Gattung, ferner Voltaire, Lessing und Schiller: lauter rhetorische oder dialektische, dualistische Geister, in denen zwischen Geist und Sinnlichkeit ein steter Kleinkrieg geführt wurde, und eben dieser ist die geeignetste Verfassung für gute Epigramme. Indem Goethe, durch die antiken Vorbilder zur Nacheiferung gereizt, und mit dem Willen sich in allen Techniken auszubilden, auch diese Gattung anbaute, wurde sie unter seinen Händen, kraft seiner Anlage etwas wesentlich anders als sie bisher gewesen: ein Mittelding zwischen lyrischem Gedicht und Weisheitsspruch. Es entstanden ihm Sinngedichte worin aus einem Erlebnis — Anschauung, Erfahrung, Geschehnis — die begriffliche Lehre entwickelt und formuliert, nicht über dasselbe ein Verstandesurteil gefällt wurde. Goethes Venetianischen Epigramme sind Vernunftepigramme, keine Verstandepigramme.

Goethes Epigramme sind, ähnlich wie seine wissenschaftlichen Apercus, Ergebnisse von Goethes „gegenständlichem Denken“, eines Denkens das an den Anschauungen haftet, das die begriffliche Durchhellung einer Anschauung ist. Sie unterscheiden sich von den Elegien nicht durch ein andres Verhältnis zwischen Erlebnis und Ausdrucksmittel, sondern durch einen andren Grad dieses Verhältnisses: in den Römischen Elegien wird ein Gefühl, eine sinnliche Leidenschaft als Anschauung, als Situation, als Gesinnung dargestellt, in den Venetianischen Epigrammen wird eine Anschauung, Situation, Gesinnung als Begriff und Lehre ausgesprochen. In beiden Fällen wird, nach Goethischer Weise, ein Dunkleres in eine hellere, deutlichere, rationalere Sphäre heraufgehoben. Denn das Gefühl verhält sich zur Anschauung in den Elegien, wie die Anschauung zu dem Begriff in den Epigrammen. Die Venetianischen Epigramme stehen also in der Mitte zwischen den lyrischen Gedichten, besonders den Elegien, und etwa den Sprüchen in Prosa, den Zahmen Xenien, den Maximen und Reflexionen, kurz der eigentlichen Spruchweisheit Goethes. Sie sind rationaler als die Elegien, und irrationaler, gestalthafter, undurchsichtiger als die Sprüche. Sie fangen da an wo die Elegien auf hören, bei der Anschauung, und benützen diese als Träger der Lehre, welche in der Spruch Weisheit dann selbständig losgelöst erscheint. . .

Der Zusammenhang zwischen den Römischen Elegien und den Venetianischen Epigrammen ist unverkennbar: und der eben bezeichnete Unterschied gilt mehr von dem Ganzen der Anlage und der Atmosphäre als von jedem einzelnen der zugehörigen Gedichte. Manches der Epigramme würde nicht allzusehr aus den Elegien herausfallen, wenn auch keine der Elegien, mit Ausnahme vielleicht der X, bei den Venetianischen Epigrammen unterzubringen wäre. Diejenigen Epigramme welche eine Gesinnung aussprechen verraten noch ihre Herkunft aus der Nähe der Elegien, z. B. 34a und 34b. Nicht nur wegen der größeren Länge sind solche Epigramme den Elegien verwandter: die größere Länge ist nur ein Zeichen daß hier das seelische Material, die Gesinnung, noch unverarbeiteter daliegt, daß das Ethos ausgebreitet, nicht so begrifflich zugespitzt oder zusammengeprägt ist. Die Kürze und Knappheit, die „Pointierung“, Zuspitzung, die zur Gattung Epigramm gehört, ist ja zugleich eine Rationalisierung, sie setzt eine bewußte Organisation des seelischen Stoffs voraus, den das eigentlich lyrische Gedicht von innen ergießt und gliedert. Gesinnung ist rationalisierte, bewußt gewordne Gefühlsweise, Lehre ist rationalisierte Gesinnung, auf einzelne Fälle angewandte oder zu Einzelfällen gedeutete Gesinnung.

Den Übergang von der Seelenlage woraus die Elegien stammen zu der woraus die eigentlichen Epigramme stammen bildet die Aussprache der Gesinnung: „Gesinnung“ gehört den Elegien an, und erscheint dort als Folge einer Verdeutlichung von Erlebnissen . . sie gehört den Epigrammen an, und ist hier die Basis, nicht die Folge der Verdeutlichung. Die Elegien haben einen Gefühlsgrund von dem sich die Gesinnung abhebt, die Venetianischen Epigramme einen Gesinnungsgrund von dem sich der Begriff abheben soll — ein oder das andre Epigramm bleibt aber in der Mitte stehen, zwischen eigentlicher Elegie und eigentlichem Epigramm, zwischen veranschaulichter Gefühlsweise und ausgedeuteter Anschauung oder Gesinnung.





  

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