> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Epigramme und Episteln Seite 102

2015-10-27

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Epigramme und Episteln Seite 102



Doch sollen diese etwas scholastischen Scheidungen nur etwa die Region der Goethischen Gesamtseele bezeichnen der Goethes Epigramme entstammen. Noch ferner als die Elegien sind sie abgerückt von dem dunklen Grund des Goethischen Lebens, oder vielmehr es sind noch feinere Eilterungen, Klärungen, Siebungen des Goethischen Urstoffs. Sie sind nicht mehr, wie die Römischen Elegien, entstanden aus dem Bedürfnis einen Lebenszustand, ein sinnliches Lebensglück auszudrücken, sondern aus dem doppelten, bereits ganz der Bewußtheit angehörigen Wunsch eine bestimmte klassische Kunstgattung zu erneuern und bestimmte Beobachtungen, Welt-und Lebenserfahrungen zu glossieren. Die Römischen Elegien stammen aus der Kreuzung des Urerlebnisses Christiane und des Bildungserlebnisses Rom, die Venetianischen Epigramme als Ganzes stammen aus der Kreuzung eines literarischen Willens und eines in Venedig gesammelten oder von Venedig aus überblickten Erfahrungsstoffs. „Römisch“ hat als Attribut zu Elegien doch einen notwendigeren Klang wie „Venetianisch“ als Attribut zu den Epigrammen, obwohl durch solche Lokalisierung ein Bezug zwischen beiden Gedichtzyklen hergestellt werden soll, beide als Entsprechungen erscheinen sollen. Rom ist eine seelische Heimat Goethes, Venedig ein Beobachtungsposten: die Römischen Elegien hat er als Angehöriger der Ewigen Stadt, die Venetianischen Epigramme als durchreisender Fremder verfaßt, und wenn die Elegien aus dem Römischen Zustand heraus geschrieben sind, so die Venetianischen Epigramme dem Venetianischen Zustand gegenüber. In Rom war sein Streben einzugehen in das Römische, die Venetianischen Epigramme bezeugen einen Beobachter der sich behaupten und abgrenzen will.

So formuliert Goethe hier seine Erfahrungen, Anschauungen, Liebschaften, Verhältnisse zur Gesellschaft oder zur Welt, ja zu den eignen Lebensumständen, nicht nur durch die Gattung Epigramm genötigt, sondern auch vermöge der seelischen Lage worin er diese Gedichte verfaßt, als Urteile, nicht als Darstellung: er spricht aus was er über Dinge denkt, nicht wie sie ihn erregen. Römische Elegien sind ein Austönen römischer Erlebnisse, Venetianische Epigramme sind Aufschriften auf venetianische Beobachtungen, Beobachtungen in Venedig und von Venedig aus. Also auch hier ist die Wahl der Gattung nicht willkürlich, sondern abermals durch Seelenstufe und Erlebnisgrad bedingt. Nach dem was Rom für Goethe war hätte er dort nicht bloß Römische Epigramme dichten können, nicht bloß „Aufschriften“ auf das was ihn ergriff. Nach dem was Venedig ihm war konnten hier keine eigentlichen Elegien entstehen, keine Ausdrucksformen einer Venetianischen Zugehörigkeit und Ergriffenheit. Ein Liebender kann als solcher keine Epigramme dichten, sei der Gegenstand der Liebe nun Christiane oder Rom: denn Epigramme setzen das Gegenüberstehen, das Nichteingetauchtsein schon als Gattung voraus. Ein bloß reisender Beobachter kann als solcher keine Elegien dichten, denn Elegien setzen, schon als Gattung, das Ergriffensein, das Gebanntsein voraus. Das Schauen, in Rom wie in Venedig Goethes Funktion, war in Rom ein Eindringen, in Venedig ein Abmessen — und der Unterschied zwischen den Bildern, Situationen, Gestalten, Landschaften in den Römischen Elegien und in den Venetianischen Epigrammen ist der zwischen Visionen die sich aufdrängen, aus einer inneren Bereitschaft, und Beobachtungen die man macht, die man sucht.

Daraus ergibt sich die verschiedene Behandlung des Distichons in den Elegien und in den Epigrammen. Hexameter und Pentameter bilden bei den Elegien eine ineinandergreifende Einheit, mit mehreren Einheiten ihresgleichen zu einem Ganzen verknüpft. Der Pentameter führt weiter, unterstreicht, betont oder verdeutlicht was im Hexameter angelegt ist, er läuft in derselben gedanklichen Richtung weiter, in derselben Welle, und wie Pentameter auf Hexameter, so folgt Distichon auf Distichon. In den Epigrammen ist dagegen entweder Hexameter dem Pentameter antithetisch gegenübergestellt, wie bei den zweizeiligen (z. B. 7) oder ein Distichon dem folgenden wie bei den vierzeiligen (10) oder eine Gruppe von Distichen einer andren wie bei den mehrzeiligen (37) oder der pointierte Schlußvers dem ganzen Gedicht (27).

Diese Gegenüberstellung beruht entweder auf einer einfachen Antithese zweier Anschauungen oder Begriffe (24) oder auf der Antithese einer Lehre und einer Anschauung, einer Nutzanwendung und einer Erfahrung (52) oder die Pointe wird herausgearbeitet in Gestalt einer Überraschung welche durch Frage oder Erwartung vorbereitet wird (55). Allen drei Typen der Gegenüberstellung gemeinsam ist die Spannung zwischen der Vorstellung und dem Begriff: denn selbst wo zwei Vorstellungen oder Namen konfrontiert werden kommt es auf die Spannung zwischen Geschehenem und Gedachtem, Erfahrung und Lehre an: dies ist Goethes Tribut an die Gattung Epigramm. Aber Goethe gewinnt im Gegensatz zu andren Epigrammatikern diese Spannung nicht durch Zusammenzwängen zweier heterogenen Dinge, sondern durch Spaltung und Entfaltung eines Zusammengehörigen in verschiedene seiner Elemente.

Überschauen wir nun noch kurz den Erfahrungsstoff der Venetianischen Epigramme: es kommen zur Sprache einmal die abenteuerlichen und die lehrreichen Momente des venetianischen Aufenthalts: Liebschaft, Sitten, Gegend und Wetter in Venedig, sodann persönliche Beschäftigung, Stellung, Gesinnung, Schicksale überhaupt, endlich Symptome des staatlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Lebens: Beobachtungen und Lehren über Herrscher und Volk, Demagogen und Pfaffen, Freiheit und Ordnung, als welche vor allem durch die französische Revolution angeregt waren. In den Epigrammen spricht der Dichter über sich, seine Erfahrung und seine Gesinnung, oder über die Gegenstände: in jedem Falle aber bleibt er Beobachter, Lehrer,Verteidiger oder Warner. Auch sich selbst und seine dichterischen und wissenschaftlichen Bemühungen, seine Stellung zur Welt und den Freunden faßt er hier als Beobachtungstoff auf und spricht sie als Erfahrung, als Beispiel, mit Nutzanwendung aus — das äußerste Gegenteil der eigentlich lyrischen Darstellungsweise .. nicht sein Ich, sondern sein Selbst wird ausgesprochen, nicht das Erlebnis der Gegenstände wie in der Jugenddichtung, auch nicht die Anschauung, das Bild der Gegenstände wie in den Elegien, sondern die Beziehung zwischen Erlebnis und Gegenständen wird Lehre, Nutzanwendung oder Kritik. Zum erstenmal in Goethes Schaffen seit der Überwindung des Leipziger Rokoko ist die Beobachtung als solche für ihn ein Ursprung des Dichtens — nicht das Erblicken, das Schauen, das Schauenkönnen, die Helle, sondern eben das Sehenwollen, ja das Beurteilen-wollen. Mit den Venetianischen Epigrammen kündet sich auch in Goethes Dichtung die Wissenschaft an: denn es ist der Wille zur Erforschung, zum Verstehen, zum Urteilen, ja zur Kritik nötig, um solche Epigramme zu schreiben: der einfache Wunsch sein Ich auszudrücken und die Welt abzubilden oder darzustellen genügt dazu nicht: die Venetianischen Epigramme sind die Pforte zu Goethes dichterischer Didaktik.

Wie dieser Zug zum Lehrhaften in Goethe durch Schiller verstärkt wurde werden wir noch sehen, und die späteren Produkte der mit den Venetianischen Epigrammen eingeleiteten Tendenz in andrem Zusammenhang betrachten. Die Xenien, die Weissagungen des Bakis und die vier Jahreszeiten, spätere Auswirkungen des epigrammatischen Triebs, sind in den Anlässen, den Gegenständen und den Absichten verschieden von den Venetianischen Epigrammen, aber sie entstammen derselben seelischen Lage und geistigen Verfassung. Sie heben sich ebenso von Goethes Jugendlyrik und den Elegien ab: sie kommen ohne Urerlebnis aus dem Willen eine Gattung zu pflegen, der die Form bestimmt, und dem Willen Beobachtungen zu formulieren, zu glossieren, zu deuten oder zu kritisieren, der den Stoff liefert. Sie wollen nicht Darstellung, Bild, Ausdruck, sondern Lehre, Anwendung, Begriff sein, die immerhin aus Anschauungselementen abgeleitet werden mögen.

Für die Weissagungen des Bakis ist die vorbildliche Gattung der antike Rätsel-oder Sibyllinenspruch den Stoff bieten — wie es ja in der Natur der Gattung liegt, kaum erkennbar — durch Natursymbole bezeichnete sittlich geistige Vorgänge, mehr zur Beschäftigung als zur Befriedigung des Sinnens. Die Xenien, der Gattung nach eine Imitation des martialischen Lob-oder Schmähsspruchs, ziehen ihren Stoff aus den literarischen Zuständen und Erscheinungen des zeitgenössischen Deutschlands, sie sind wesentlich Kritik und Glosse. Die vier Jahreszeiten, der Gattung nach anschließend an die Xenien, ein Mittelding zwischen den Venetianischen Epigrammen und den Xenien, ziehen ihren Stoff aus persönlichen sittlichen-sinnlichen Beziehungen des Dichters oder aus demselben Gebiet wie die Xenien, zu denen Goethe sie zusammen mit Schiller, als eine Art unpersönlicheren, allgemeineren Anhangs gesellte. Die natürlichen Phänomene der Jahreszeiten, Blumen, Früchte, Eis, wird weniger der Inhalt als der dekorative Rahmen der sich um die einzelnen Epigramme windet und sie zu einem lockern Ganzen mehr stimmungshaft als logisch zusammenhält: er gibt selbst dieser Beobachtungs- und Lehrpoesie einen überintellektuellen Charakter, und erinnert daran daß ihr Verfasser der Lyriker ist dem selbst die Lehre und das Urteil erwächst aus einem Ganzen von Naturanschauung und Naturgefühl, dessen Sinnsprüche nur die rein abgelösten und angewendeten Erfahrungen aus einem Leben im Kosmos sind. Auch wo Goethe isoliert vergißt er nicht und läßt nicht vergessen daß er das Isolierte aus der lebendigen Allnatur entnommen hat, und daß er nur isoliert, um auf diesen Bezug zwischen dem Ganzen und dem Einzelnen hinzuweisen, wo er unterbrochen ist. Die Epigramme deuten immer auf Lücken, auf Symptome, auf Verzerrungen des Ganzen, und sofern Goethe hier Kritiker und Polemiker ist, ist er auch Diagnostiker, er stellt die Symptome der Entartungen fest oder verschreibt die Heilmittel: auch der Arzt ist Beobachter und Lehrer und als Zeitarzt ist Goethe zu dieser didaktischen Gattung veranlaßt worden.

Wie die Epigramme, so gehen auch die Episteln zurück auf die nachitalienische Lust an der Lehre, und wie die Xenien entsprangen sie dem Einfluß und der Anregung Schillers, an den sie fiktiverweise gerichtet sind. Ihr Vorbild und ihr formaler Anlaß sind Horazens Episteln, ihr stofflicher Anlaß der Wunsch „dem Publikum manches zuzuschieben“ was zu seiner Aufklärung und Bildung heilsam sei: auch hier eine Geburt aus Gattung und Lehrstoff. Die Gattung erlaubte hier ein nur durch das Metrum gebundenes behagliches Plaudern, ohne festen Mittelpunkt: die Epistel ist als Kunstform was der Brief als Naturform ist (wie das Epigramm als Kunstform das was der Witz oder die Aufschrift als Naturform ist). Wie das Epigramm seinen Reiz aus der knappsten Konzentration, so zieht die Epistel ihren Reiz aus dem leichten Fluß, den Übergängen und der Zwanglosigkeit der Mitteilung, die durch das Metrum geleitet werden soll, ohne gezwängt zu werden. Es ist ein Reden über Dinge, nicht aus den Dingen.. auch diese Gattung gehört mehr den Redekünsten als der eigentlichen Dichtkunst an, ihr Auftauchen geht uns hier ebenfalls nur an als Symptom eines neuen seelischen Gesamtzustandes.

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