> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geschichte und Politik Seite 90

2015-10-20

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geschichte und Politik Seite 90



GESCHICHTE UND POLITIK

Wie die hier ausgesprochene Lebensstimmung und Gesinnung Goethes als Naturlehre, als Kunstlehre und-übung, als Land-und Sittenkunde sich äußerte, welche Anlässe seine biographischen Einzelheiten — Personen, Abenteuer und dichterische Beschäftigungen — in Italien ihm boten zur Erprobung des neuen Weltgefühls ist gezeigt.

Zwei negative Wirkungen der italienischen Reise haben wir noch festzustellen, eh wir die Folgen in der Produktion Goethes selbst aufsuchen, eh wir den neuen Lebenszustand als Gebild, als Sprachausdruck in seinen Ergebnissen zeigen. Diese negativen Wirkungen sind die entschiedene Abneigung gegen die Geschichte und gegen die Politik, d. h. überhaupt gegen jedes nicht von Mensch zu Mensch gehende, auf allgemeine Welt-oder Staatsverbesserung unmittelbar zielende Wirken.

Beide Abneigungen waren in Goethes Natur beschlossen, aber bewußt und begründet wurden auch sie erst durch die italienische Reise — erst durch diese wurden sie aus Instinkten oder aus der mangelhaften Ausbildung von Anlagen zur Haltung, zu bewußten Schranken nach außen, deren Überschreiten er sich selbst verbot. Alles was man an ihm nach seiner Rückkehr aus Italien als Kälte, Egoismus, Kunstbonzentum, Begeisterungsunfähigkeit und Mangel an Herz für Menschheit oder Vaterland zu rügen wußte, ist nur die strenge Beschränkung auf das vom eignen Auge aus Erreichbare und Deutbare, und auf das von seiner eignen Tätigkeit zu Bildende. Die Geschichte aber sprach nicht in gewachsenen oder geschaffenen Formen zu seinem Auge, wie Natur und Kunst, sondern durch Überlieferung (oft nicht einmal von Gesehnem, sondern meist von abermals Überliefertem) zu seinem Denken.. und „die Menschheit“ war und blieb für ihn Abstraktum. Was er sah und was auf ihn wirken konnte, worauf er allenfalls wirken konnte, waren die Menschen.

Mit seinem entschiedenen Willen zum Sehen, mit der Begründung seines geistigen Menschen auf das Auge mußten für Goethe die allgemeinen umfassenden Begriffe unmöglich werden denen eine konkrete und deutbare, formhafte und begrenzte, leibhaftige Anschauung nicht zugrunde lag. Nun beruhen fast alle großen Schlagworte der modernen Welt, woran sich die Begeisterung von noch dumpfen Massen und besonders von jungen Einzelnen entzündet — eine Begeisterung die nicht vom Durchleben und schauenden Erkennen, sondern vom triebhaften Bedürfnis nach äußerer oder innerer Expansion herkommt — all diese großen Lockrufe der Aufklärung und der Revolution, Freiheit, Menschheit, Gleichheit, Fortschritt u. dgl. nicht auf Anschauungen, sondern sind bestenfalls Zielsetzungen, Forderungen: sie hatten also für Goethe keine Wirklichkeit, keine Wirksamkeit. Goethe konnte nicht von einem unbekannten, nur geforderten, nicht geschauten, nicht besessenen Allgemeinbegriff aus wirken und nicht auf einen solchen, sondern nur von dem was er selbst besaß, oder sich angeeignet hatte: vom seelisch-körperlichen Kräftezentrum auf wirkliche Gegenstände und Wesen die in der Reichweite seiner Sinne und folglich seiner Kräfte und Gedanken lagen. Auch hier war ihm der natürlich leibhafte, auf Sinne gestellte Mensch das Maß der Wirklichkeit. Hatte er doch schon Abneigung gegen alle künstlich technischen Steigerungsmittel der Sinne, wie die Brille, weil sie den reinen Menschensinn verwirre, gegen alle Rausch-und Reizmittel: wieviel tiefer mußte sein Widerwille sein gegen Ideologien und darauf gegründete Bewegungen welche eben jenes Maß der Wirklichkeit, den sinnlich bedingten Menschen auf heben wollten zugunsten bloß gedachter, nie gesehener, für ihn also im tiefsten schemenhafter, lügenhafter, unwirklicher Begriffe.

Als man nach der Schlacht bei Jena über den Untergang Deutschlands jammerte, fuhr er zornig auf, weil er schon in dieser allgemeinen Zusammenfassung eine Phrase witterte: wenn Einer Verlust wirklicher Dinge, Haus, Hof, Gut und Angehörige beklage, so lasse er sichs gefallen und könne Teilnahme auf bringen, aber man solle ihm vom Leibe bleiben mit Klagen über den Verlust von Dingen die kein Mensch je besessen und mit Augen gesehen. Goethe war von jeher ein Todfeind von Wortschällen, er haßte alles Handeln auf Grund ungenügender Sachkenntnis, alle Pfuscherei, insbesondere Pfuscherei in Staatssachen, und er hielt dafür daß jeder erst vor seiner eignen Türe kehre, eh er den Nachbarn, die Gemeinde oder gar die Menschheit bessern gehe. Daher hielt er auf Respekt gegen alle die ein Fach, eine Technik oder eine Tätigkeit gründlich und lang durchgearbeitet hatten, und rügte an den Deutschen die auf allgemeine Prinzipien und Theorien gegründete Besserwisserei gegenüber langjährigen Praktikern. Daher auch sein politischer Konservatismus: er glaubte an eine Technik des Regierens zu der man Fachleute brauche, die man zu ehren habe . . und in den revolutionären Improvisationspolitikern sah er, meist mit Recht, Pfuscher . . und das Pfuscherhafte empörte ihn noch mehr als der Umsturz oder die Gleichmacherei selbst.

Die Unordnung, nicht die Ungerechtigkeit, war ihm als einem Sinnen-und Augenmenschen das Unerträgliche: denn die Unordnung sieht man, die Ungerechtigkeit denkt man nur.. sie springt nicht in die Augen, sondern entsteht erst durch Reflexion an einer sittlichen Forderung. Goethe war also im Prinzip weder Demokrat noch Aristokrat: derartige Prinzipien anerkannte er nicht, er kannte nur Anschauungen und Empfindungen. Trat ihm die demokratische Revolution nicht als vages Pfuschen, sondern als bestimmtes Genie entgegen, wie in Mirabeau, wie in Napoleon, so bewunderte er sie: denn hier legitimierte sie sich als Können, als Ordnung.

Auch Goethes politische Gesinnungen mißversteht man, wenn man nicht auf ihren sinnlichen Grund zurückgeht, wenn man seine einzelnen Äußerungen aus seiner Atmosphäre reißt und wegen scheinbarer Übereinstimmung mit der oder jener Parteitheorie ihn Aristokrat oder konservativ in dem bornierten Parteisinne nennt. Er haßte Demokratie, weil sie den Pfuschern, nach seiner Meinung, größeren Spielraum gewährt, und weil er der Aristokratie die er kannte mehr Erfahrung und Haltung zutraute. Ihm „gefiel zu konversieren mit Gescheiten, mit Tyrannen“. Die Prinzipien waren ihm an sich gleich, die Personen, d.h. ihre sinnlichen Vertreter, das Wichtigste. War das demokratische Prinzip vertreten durch den größten Kenner und Könner, so war es ihm recht — war dieser Napoleon gestürzt, so weinte er ihm keine prinzipiellen Tränen nach, auch keine solchen des prinzipiellen Geniekults, sondern hielt sich an die Heilige Allianz, von der er die größte Ordnung erwartete. Auch die Parteien maß er nicht nach ihrem sittlichen, sondern nach ihrem sinnlichen Wert: d.h. er erkannte keinen sittlichen Wert an der nicht aus der sinnlich ergreifbaren Wirklichkeit abzuleiten war: das Gute war ihm in das Schöne eingeschlossen, nicht umgekehrt.

Außer seiner Abneigung gegen Wortschälle, Pfuscherei und Unordnung war seine politische Indifferenz begründet in dem Sinn für eine ruhig gesetzliche und typische Entwicklung, deren Vorbild er nur im organischen Leben fand, nicht da wo sich individuelle Willkür zufälliger Materialien bedient:

Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen 
Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

Er sah in der Natur weder Irrtum noch Gewalt: in der Geschichte, der überlieferten erstarrten Politik, und der Politik, der flüssigen Geschichte, sah er gerade nur einen „Mischmasch von Irrtum und Gewalt“. Er war ein zu scharfer und tiefer Denker und zu genauer Kenner der Realitäten um in der Geschichte Naturgesetze zu suchen. Er wußte das Reich der menschlichen Freiheit, der menschlichen Willkür wohl zu scheiden von dem Reich der Notwendigkeit, der Natur. Aber da ihm im Reich der Willkür eine Wirksamkeit nach Gesetzen und eine Einsicht in Gesetze verboten war, so verweilte er nicht darin, und hielt sich an die Natur. Aus der Geschichte entnahm er nichts als die wenigen sinnlich ergreifenden Bilder großer Persönlichkeiten und den Enthusiasmus den sie erweckt. Und auch da zog er sich, instinktiv unbefriedigt vom bloß Überlieferten und dabei (als positiver auf Gestaltung, nicht auf Zergliederung gerichteter Geist) ein Gegner der historisch philologischen Kritik Niebuhrscher Observanz, möglichst auf die Helden zurück die er erlebt hatte: Friedrich und Napoleon. Alexander war für ihn, nach dem Vorgang Winckelmanns und Meyers, vor allem der große Kunstfürst, und Cäsar, ein Dramenheld seiner Jugend, war ihm später bedeutend als Gleichnis und Vorbild Napoleons. Vor der italienischen Reise war er überhaupt — drängend, strebend, schwellend, expansiv begeistert und mehr im Gefühl als in den Augen lebend — geneigter sich der Geschichte, dem wogenden Meer der menschlichen Taten und Geschicke einzutauchen, geneigter der Überlieferung des Großen ebenso zu trauen als dem Anblick des Schönen, schon deswegen weil sein damaliger enthusiastisch suchender Zustand, nach Stoff begierig, viel mehr Großes überliefert bekam als Schönes zu schauen. Seinen Götz, seinen Cäsar, seinen Egmont, Umformungen seines eignen großen Willens und Überschwangs, konnte «er aus Überliefertem entnehmen. In Rom wurde das anders: hier sah er das sinnlich Schöne in der Fülle und bedurfte des überliefert Großen nimmer.



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