> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geschichte und Politik Seite 91

2015-10-21

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geschichte und Politik Seite 91



Die Geschichte, das Vergehende, sah er nicht, nur ihre gegenwärtigen Niederschläge in Denkmalen und Kunstwerken: was er aus diesen entnehmen konnte, was in sinnlicher Gegenwart, als gebauter, gemalter, gebildeter Wille und Geist sich ihm darbot das war ihm der Sinn der Geschichte. Es gibt übrigens vielleicht keine zweite Erfahrung die den schauenden und denkenden Menschen mißtrauischer gegen alle Überlieferung machen kann als gerade der Besuch in Rom. Dort stehen die berühmtesten Denkmale der Welt: man hat von Jugend auf ihre genauen Beschreibungen und Abbildungen gekannt, man meint mit ihnen vertraut zu sein und nur die überlieferten Vorstellungen durch eigenen Anblick bestätigen oder berichtigen zu müssen: man kommt hin —und die Gegenwart der Dinge vernichtet alle Vorstellungen die man sich davon gemacht. Man erkennt daß die falscheste Vorstellung von der richtigsten durch keinen solchen unüberbrückbaren Abgrund getrennt ist wie die richtigste Vorstellung von der Anschauung der Wirklichkeit. Und dies geschieht noch mit Dingen die bleiben, die gesehen und in aller Ruhe für die beschreibende Überlieferung festgehalten worden sind. Der Schluß liegt nahe wie viel schattenhafter, unzuverlässiger, fragmentarischer, vermittelter uns die stets wandelnden Gestalten, die vorübersausenden, unfaßbaren Begebenheiten, die versteckten Intrigen, die durch verschollene Glaubens? und Denkart hindurch erst zu deutenden Zustände der Geschichte überliefert sind! Wenn schon die zu? verlässigsten Beschreibungen des Sichtbaren, Topographie und Geographie, von der Wirklichkeit so desavouiert werden, was kann noch übrig geblieben sein von der Wirklichkeit des Unsichtbaren, welche Wahrheit kann dem inne wohnen was, von Erinnerung, Lüge und Parteigeist getrübt, über die unkontrollierbare Vergangenheit uns aufgezeichnet worden ist!

Diese Erfahrung hat auch Goethe machen müssen, und erst von Rom her datiert seine unüberwindliche Mißachtung der Geschichte, wenigstens der Geschichtswissenschaft insofern sie vorgibt die zuverlässige Lehrerin der Wahrheit zu sein, also gerade der kritischen Geschichtswissenschaft. In einem langen Gespräch mit dem Historiker Luden sind seine Bedenken scharf formuliert. Daß wir aus der geschichtlichen Überlieferung das richtige Bild der Dinge empfangen können glaubte er nicht: wohl aber ließ er die Geschichte gelten, insofern sie überhaupt Bilder des Geschehens, besonders aber erhebende und begeisternde, die Phantasie anregende und den Charakter steigernde Gestalten und Taten wiedergab, ohne Rücksicht auf die empirische Richtigkeit, wenn sie nur symbolische Wahrheit und dynamische Wirklichkeit hatten. Mit andren Worten, er ehrte die Geschichte als Mythus, und mißbilligte die Bestrebungen die ihren mythischen Gehalt zu zerstören drohten, z. B. die sagenvernichtenden Untersuchungen der historischen Kritik Niebuhrs. Er hat gefragt was dabei herauskomme, wenn irgendein heroisches Faktum negiert werde: „wenn die Alten groß genug waren dergleichen zu erfinden, so sollten wir groß genug sein, es zu glauben“.

Auch hier also gab es für ihn keine Wahrheit an sich, sondern nur eine fruchtbare, lebenfördernde Wahrheit. Geschichte war ihm Mythus: der Punkt wo Geschichte und Sage zusammengrenzen war ihm der schönste der ganzen Überlieferung „Wenn wir uns aus dem bekannten Gewordenen das unbekannte Werden aufzubauen genötigt finden, so erregt es eben die angenehme Empfindung, als wenn wir eine uns bisher unbekannte gebildete Person kennen lernen und die Geschichte ihrer Bildung lieber herausahnen als herausforschen. Nur müßte man nicht so griesgrämig, wie es würdige Historiker neuerer Zeit getan haben, auf Dichter und Chronikenschreiber herabsehen.“

Und als hätte er die Weiterentwicklung der Kritik zur Hyperkritik geahnt, wie sich Neid, Beschränktheit und Ressentiment, das Erlöschen heroischer Instinkte und die Spezialistenmonomanie unbewußt zur wissenschaftlichen Betriebsart entwickelten, als hätte er die materialistische Geschichtskritik, die literarhistorischen Pathographien und Psychoanalysen vorausgeahnt, all diese altklugen Armseligkeiten — schrieb er die Sätze: „Man hat oft gesagt, und mit Recht, der Unglaube sei ein umgekehrter Aberglaube, und an dem letzten möchte gerade unsre Zeit vorzüglich leiden. Eine edle Tat wird dem Eigennutz, eine heroische Handlung der Eitelkeit, das unleugbare poetische Produkt einem fieberhaften Zustande zugeschrieben; ja was noch wunderlicher ist, das Allervorzüglichste was hervortritt wird so lange als nur möglich verneint. Dieser Wahnsinn unserer Zeit ist auf alle Fälle schlimmer, als wenn man das Außerordentliche, weil es nun ein# mal geschah, gezwungen zugab und es dem Teufel zuschrieb. Der Aberglaube ist ein Erbteil energischer, großtätiger, fortschreitender Naturen, der Unglaube das Eigentum schwacher, kleingesinnter, zurückschreitender, auf sich selbst beschränkter Menschen“.

In diesen Sätzen ist ein Grund seines Verhältnisses zur Überlieferung ausgesprochen. Sie stehen in dem geschichtlichen Teil der Farbenlehre, der überhaupt das am knappsten in Formeln faßt was man Goethes Geschichtsphilosophie nennen könnte. Wie er in der Natur, von der sinnlichen Anschauung ausgehend, Gesetze und gesetzlich wirkende Kräfte suchte, so in der Geschichte, auf Überlieferung durch Wort und Schrift angewiesen, bestimmte, immer wiederkehrende für das Menschenwesen bezeichnende Symptome. Wie er in der Natur mit der Notwendigkeit zu tun hatte, so hier mit der Willkür: er suchte wenigstens die Willkür selbst in ihren hauptsächlichen Äußerungen und Richtungen zu fassen, da er sie schon nicht in Gesetze bannen konnte. Mit andren Worten, er suchte in der Willkür mindestens das festzustellen was daran der Natur, d. h. der menschlichen Natur angehörte: denn der Mensch gehört ja beiden Reichen an, dem der Notwendigkeit und dem der Willkür .. er ist Tier und ist Geist.. er muß und er darf. Der Geist selbst ist eine Erweiterung und Spiegelung der Natur, und in der Geschichte sucht Goethe am liebsten die Grenzgebiete auf wo die Gesetzlichkeit der Natur in die menschliche Willkür hineinreicht.

Die Fragen die er sich als Geschichts-und Naturphilosoph zugleich vorlegte waren etwa folgende: wie wirkt die menschlische Geistes-und Willensanlage auf die Überlieferung überhaupt? Dies ist seine Basis historischer Kritik — sie bezieht sich nicht, wie die der Empiriker, auf die Objekte, sondem auf das Subjekt. Er untersuchte die großen Grundformen auf denen alle Geschichtswissenschaft überhaupt beruht, Autorität und Überlieferung, zunächst auf ihren vitalen Ursprung und auf ihre symptomatische Bedeutung. Sodann: Wie wird Erfahrung in der Geschichte gemacht? wie kann sie überliefert werden? was kann Stoff werden? welchen Einfluß haben die natürlichen menschlichen Eigenschaften, Neugier und Dummheit, Glaube und Unglaube, Wissenstrieb und Phantasie, Eitelkeit, Parteigeist und Eigenliebe, Trägheit und Feigheit auf die Reinigung oder Trübung der Überlieferung, auf die Erhaltung oder Lockerung der Autorität?

Diese Betrachtungen beziehen sich auf die Grundlagen der geschieht» liehen Methode, der geschichtswissenschaftlichen Mittel. Den geschichtlichen Stoff ordnete er sich durch große typische Gegensätze, die zwar nicht als Gesetze, aber als Anhaltspunkte für alle Mannigfaltigkeit gültig sein durften: auch hier wollte er das Feld, ohne sich ins Unendliche der Einzelheiten zu verlieren, überschauen. Wie er als Dichter selbst im Charakteristischen vor allem das Typische suchte, so in der Geschichte nicht das Unterscheidende, sondern das Gemeinsame der Bewegungen und Phänomene — eben nicht Gesetze, sondern Symptome. Während er in der Natur mit der Feststellung der Wirklichkeit zugleich die Notwendigkeit mit aussprach, begnügte er sich in der Geschichte überall mit der Feststellung der Wirklichkeit und der Möglichkeit. Auch hier war es ihm zu tun um die Feststellung gewisser Grundformen des Menschlichen aus welchen die historischen Phänomene hervorgehen: auch hier ging er aus von dem Menschen und nicht von den Sachen, von Eigenschaften, nicht von Gegenständen. Aus solchen Grundeigenschaften des Menschen, deren Kampf, deren Überwiegen oder Zurücktreten, deren Kreuzung und Mischung er ordnete und wertete, ging für ihn das Getriebe der Menschen, der Völker und Individuen hervor. Die Geschichte entsteht für ihn aus Anwendung der menschlichen Natur, eben der vorhin erwähnten Eigenschaften und andrer mehr, welche man als sittliche Urphänomene ansprechen kann, aus ihren Verwicklungen infolge der Mannigfaltigkeit, aus ihrer Bedingtheit durch Wirkung und Gegenwirkung. Auch in der menschlichen Natur sah er Polarität, Gegensätze zwischen den einzelnen Trieben, und aus diesen Gegensätzen entwickelte er die Formen der Gesellschaft und die Folge der verschiedenen Epochen. Bald neben-bald nacheinander, bald mit- bald gegeneinander wirken die menschlichen Grundkräfte, und ohne im Einzelnen Gesetze der Entwicklung und Bildung aufstellen zu wollen, sah Goethe doch im Ganzen der Geschichte ein Wechselspiel von Gesetz und Zufall. Gesetz und Zufall sind aber im Bereich der Geschichte dasselbe wie die konstanten Faktoren der menschlichen Natur und die variablen: das was im Menschen der Natur und das was der Willkür angehört —man kann auch sagen, was dem Menschen als Raumwesen und was ihm als Zeitswesen eignet.

Also Goethe war von der Geschichte als Ganzem abgestoßen einmal durch ihren Mangel an sinnlicher Anschaulichkeit und zweitens durch ihren Mangel an Notwendigkeit, sie entzog sich seiner Vorstellungsart die auf das Organisch-Leibhafte eingestellt war: die Offenbarung des Weltgeistes war für ihn die Natur, nicht die Geschichte, d. h. wenn Goethe sich die Gottheit vorstellen wollte, so mußte er es unter dem Symbol der Natur tun. Herder zum Beispiel sah sie unter dem Symbol der Geschichte: Herder war Geschichtspantheist, wie Goethe Naturpantheist war. Trotzdem hatte Goethe von zwei Seiten her Zugang zu der Geschichte: nämlich einmal vom Gefühl her, insofern die Geschichte eine Quelle der Begeisterung und Willensstärkung ist, und zweitens von der Menschenkunde her, indem er die Geschichte als eine erweiterte, allerdings reflektierte Darstellung des Weltwesens ansah, dem ja seit Rom seine Aufmerksamkeit doppelt gewidmet war. Geschichte war ihm also entweder Personengeschichte oder Bildungsgeschichte — d. h. in beiden Fällen Geschichte menschlicher Kräfte, nicht der menschlichen Taten und Begebenheiten. Politische Geschichte war ihm ebenso gleichgültig wie die sogenannte Kulturgeschichte, sofern man darunter die Entstehung und Wirkung der Sachen versteht, den Menschen selbst als ein Sachliches, nicht als ein Persönliches fassend. Nur insofern er sich den geschichtlichen Menschen als ein organisches Naturwesen vorstellen konnte, d. h. als ein Ganzes von aktiven oder passiven Kräften, interessierte sich Goethe für die Geschichte. Genau so weit reichte sein historischer Sinn und unter diesem Gesichtspunkt hat er das Tiefste über geschichtliche Menschen, Epochen und Methoden gesagt.

Dagegen interessierte ihn gar nicht das Auf und Ab der Staaten, die Intrigen und Geschehnisse, und die Zustände, Umstände und Zufälle der Völker an sich — dies war ihm der „Mischmasch von Irrtum und Gewalt“. Wenn man ihn aber gar zum Vorläufer der Milieutheorie, der Wirtschaftsgeschichte hat machen wollen, wonach der Mensch nicht Schöpfer sondern Geschöpf sachlicher Umstände und Opfer der Verhältnisse ist, so übersieht man daß Verhältnisse und Umstände selbst (denen er allerdings mehr Rechnung trug als die politische Historie gewohnt war) für ihn nicht waren, was sie für den heutigen durchschnittlichen Marxisten, Buckleaner und Lamprechtianer sind: geist-und seelenlose, also außermenschliche Stofflichkeiten, sondern selbst menschliche Kräfte, Vorstellungen und Atmosphären. „Milieu“ sind für Goethe keine sachlichen, sondern menschliche Wirklichkeiten, und sein großes Geschichtswerk, Dichtung und Wahrheit, schildert seine eigne Existenz nicht als die Folge von unpersönlichen Umgebungen, sondern als eine Gestaltung aus tätigen und empfangenden Menschenkräften. Während der heutige Wirtschaftshistoriker und Milieutheoretiker also die Tendenz hat sogar menschliche Charaktere und Atmosphäre als eine Art Mechanismus zu behandeln und sich den Einfluß eines Menschen oder eines Menschenkreises auf einen andren vorzustellen als einen maschinellen Stoß, hatte Goethe die Tendenz sogar Erde und Wasser, Landschaft und Haus als beseelte Geschöpfe, und ihre Einwirkung auf den Menschen als einen geheimnisvoll absichtlichen Bildungsprozeß aufzufassen. Auch hier war für ihn der Mensch das Maß der Dinge, nicht wie für die Materialisten die sich auf ihn berufen, die Dinge das Maß der Menschen. Milieu war für ihn der bildende Umkreis menschlicher Kräfte, aktiv und passiv, nicht die Wurstmaschine in die menschlicher Rohstoff hineingefüllt wird, um als Gebild herauszukommen.





  

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