> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geschichte und Politik Seite 92

2015-10-21

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geschichte und Politik Seite 92



Die überindividuellen Kräfte welche an den Individuen und Völkern bilden und sie bedingen sind also für Goethe niemals außermenschliche Kräfte: und die Persönlichkeit selbst ist ein Ergebnis von individuellen und menschlichen Wirkungen .. von solchen die einem individuellen Lebenszentrum allein und solchen welche dem Wesen der Gattung Mensch überhaupt angehören. Das allgemein Menschliche wirkt sich aber nicht als Menschheit aus — „Menschheit“ ist eine Abstraktion — sondern nur in einzelnen, in allen Menschen, in Individuen, in jedem Einzelnen steckt es, in keinem ganz, aber indem viele Individuen auf einen Einzelnen wirken, wird ihm selbst das Menschliche deutlicher, entwickelt er sich selbst, indem er sein Individuum wechselseitig entfaltet und bedingt fühlt, zum Bewußtsein des Menschentums. Dieser Einfluß vielfältiger Individualitäten worin die Menschlichkeit überhaupt zu allgemeiner Geltung kommt ist etwa das was Goethe unter „Milieu“ verstanden haben würde. Ist dies Milieu weit und mannigfaltig, so wird der Einzelne zu voller Menschlichkeit gereift, ist es eng und einseitig, d. h. wirken auf einen gegebenen Einzelnen immer nur individuelle Kräfte derselben Art und Richtung, derselben Sippe, derselben Heimat, derselben Epoche, so wird er einseitig und bleibt beschränktes, an der Entfaltung der Menschlichkeit behindertes Individuum, d. h. er behält Grillen, Sonderbarkeiten, Bedingtheiten. Die höhere und reichere Individualität ist zugleich der vollkommenere Vertreter des Menschtums.

Um im Einzelnen dasMenschtum zu zeigen hat Goethe seine biographischen Arbeiten geschrieben, zuvörderst Dichtung und Wahrheit: hier hat er das großartigste Beispiel aufgestellt wie ein inkommensurables Einzelwesen, ein bestimmtes Genie durch Wirkung und Gegenwirkung bei seiner Begegnungmit der Welt, d.h. mit den verschiedenen Gesinnungen, Eigenschaften, Zuständen andrer Individuen zum Menschen wird und das der menschlichen Natur überhaupt Zukommende erkennen, deuten, verkörpern lernt. Seine fragmentarische Biographie Winckelmanns versucht die gleiche Aufgabe mit weniger Material zu lösen. Das Problem das ihn hier interessiert hat war gleichfalls die Entfaltung, besser der Durchbruch jener armen, von außen vielfach gedrückten preußischen Individualität zur hellenischen Gesinnung, zur runden und freien Menschlichkeit. Wie sucht er die Bedingungen die ihn hemmen, die fördernden und nährenden Gönnereinflüsse, die zeitigenden und reifenden, die steigernden und sprengenden Elemente der Kunst, des Bodens, der menschlichen Atmosphäre in diesem Leben zu sondern und in eigenen aphoristischen Abschnitten ihr Wesen und ihre Wirkung auf Winckelmann herauszuheben.

Heute ist der Begriff „Entwicklung einer Persönlichkeit“ zum platten Schlagwort geworden, bei welchem die Wenigsten sich etwas Deutliches denken, oder die Meisten, wenn man Biographien liest, die Abwicklung irgend eines Lebensfadens von einer Spule. Für Goethe war dieser Begriff aus seiner Metamorphosenlehre heraus zu einem Symbol von allgemeiner Anwendbarkeit geworden, er war noch gefüllt mit frischem Leben, und seine Anwendung war ein in der Geschichtsschreibung neues Prinzip: wie Goethe der Pflanze einen inneren Bildungstrieb zuschrieb der aus den umgebenden Elementen mit ihnen und gegen sie, anziehend und abstoßend, aufnehmend und ausscheidend, die typische Form der Pflanze und die individuelle Form gerade des jeweiligen Exemplars bestimmt, so schrieb er auch dem Menschen einen zu. Die Wechselwirkung dieses angebornen Formtriebs (beim Menschen Charakteranlage genannt) und seiner Bildungselemente darzustellen, gerade das war für Goethe die Aufgabe der Biographie, und erst Goethe hat ihr diese Aufgabe gestellt. Vorher war Biographie die Aufreihung einer Anzahl bekannter Fakten an einen logischen oder bestenfalls psychologischen Faden, wobei man koordinieren oder subordinieren mochte.

Schon um dieser Leistung willen wäre Goethe auch unter die großen deutschen Historiker zu zählen, wenngleich es ihm am eigentlich historischen Sinn gefehlt hat: an der Lust und Fähigkeit sich eignen Willens zu entäußern, um ganz in die Anschauung und Denkart der vergangenen, zu schildernden Epoche sich zu versetzen: diese Art historischen Sinns ist ein Ideal erst des 19. Jahrhunderts, erst möglich nach der Auflösung der letzten einheitlichen Kultur, des Rokoko, der auch Goethe noch angehörte. Erst wenn es keinen selbstverständlichen Gesamtblick mehr gibt, kann der historische Sinn, der historische Relativismus entstehen. Wo ein einheitlicher Kulturwille herrscht, kann jene voraussetzungslose, d. h. bewußt wünschlose Objektivität nicht entstehen die der große Historiker des 19. Jahr* hunderts (was historischen Sinn angeht, der größte aller Zeiten), Ranke, in dem Ausspruch formuliert »Ich will nur zeigen, wie es eigentlich gewesen ist.« Diese Art historischen Sinns konnte Goethe nicht haben, erstens weil er fest in bestimmten Kulturgesinnungen wurzelte, zweitens weil ihm Erkenntnis des eigentlich Gewesenen an sich gleichgültig war, sofern es nicht Leben und Bildung überhaupt förderte, und drittens weil er gestalten und wirken wollte und folglich nicht sich in Fremdes, sondern Fremdes in sich verwandeln mußte. Wenn Ranke sein Ich auslöschen wollte, um zu erkennen wie es eigentlich gewesen ist, so wollte Goethe allenfalls das Gewesene erkennen, damit sein Ich möglichst stark, reich und gerecht sein könne: das sind zwei sehr verschiedene Forderungen der Objektivität. (Übrigens war auch Ranke nicht so ichlos, wie er wollte und meinte, er wäre sonst nicht so reich.) Goethe wollte sein Ich, ein Urgegebnes, von vornherein gelten lassen und es in der Welt nicht auslöschen, sondern es zur Welt erweitern.

Aber auch trotz Goethes Mangel an diesem historischen Sinn, an dieser alleintauchenden Objektivität, an Historismus, an psychologischem Relativismus hat ihm die Geschichte neue Resultate und Methoden zu danken: vor allem seine großen biographischen Leistungen und Versuche, die Durchs dringung der Kulturgeschichte mit der Biographie. Ist Goethe mit Dichtung und Wahrheit der Schöpfer der ersten Lebensbeschreibung die wirklich dem dynamischen Gehalt des Wortes Leben gerecht wird, so sind seine Materialien zur Geschichte der Farbenlehre das erste Muster einer Geistesgeschichte die wirklich diesen Namen verdient. Am Beispiel einer einzelnen Fachwissenschaft entwickelt er, das Wesen und die Anlagen des menschlichen Geistes als natürliches Urphänomen darstellend, dessen Richtung und typisches Verhalten zu den Objekten überhaupt, zu einer bestimmten Gruppe von Objekten insbesondre, die gleichsam als Reagentien für die Eigenschaften des Geistes dienen. Er verfolgt wie dieser menschliche Geist (in Menschengruppen, Völkern, und Einzelnen manifestiert) durch Raum, Zeit, Boden und Klima, Charaktere und Sitten zugleich in Tätigkeit gesetzt und bedingt, verallgemeinert oder individualisiert, gefördert oder gehemmt wird, wie er in seiner Entwicklung — nach Analogie der organischen Natur gefaßt — zu seinen wissenschaftlichen Ergebnissen in einem bestimmten Gebiet seiner Tätigkeit gelangt und in diesen Ergebnissen sich selber darstellt.

Der Menschengeist erscheint gleichsam als ein in Völker und Individuen gegliedertes einheitliches Wesen das sich der Stoffe und Objekte bedient um sich auszusprechen, um sich darzustellen. Was in unsren Tagen Wilhelm Dilthey als Ziel der Geistesgeschichte empfunden und selbst zu erreichen versucht hat, das ist im geschichtlichen Teil der Farbenlehre in Bruchstücken, aber prinzipiell vollkommen deutlich geleistet: die Entwicklung des Innerlichsten, des Geistes, ist an den Ergebnissen und Etappen dieser Entwicklung verdeutlicht, objektiv vergegenwärtigt, zur konkreten Anschauung gebracht. Nicht nur die Offenbarung des Geistes in Taten, Werken und Menschen, wie es das Ziel der Geschichtsphilosophen von Herder bis Hegel war, wollte Goethe zeigen, also die Umsetzung eines Innerlichen in ein historisch Greifbares, Sichtbares—sondern die Verkörperung des Geistes im Geist selbst, als Wissenschaft. Für Herder, mehr noch für Hegel, ist die Weltgeschichte gleichsam eine Allegorie des Geistes oder Gottes (oder wie man sonst das nur in seinen Ergebnissen Erscheinende nennen mag) Goethe hat den Geist selbst als ein Sinnliches aufgefaßt und in seiner wissenschaftlichen Manifestation dargestellt, in ähnlicher Weise wie er in dem einzelnen Kraut, in dem individuell gewordenen, zugleich die typische werdende Urpflanze mitanschaute. Auch hier war ihm die Idee nicht hinter der Erfahrung, sondern in der Erfahrung selbst gegeben, auch hier deuteten die wissenschaftlichen Entdeckungen, Theorien und Methoden nicht auf das Wesen des Geistes hin, sondern sie stellten ihn schon dar. Indem Goethe den so in Ergebnissen dargestellten, so faßlich offenbarten Geist zugleich als Entwicklung faßte, in den einzelnen Ergebnissen und Methoden gleichsam die Knoten und Stengel der werdenden Urpflanze Geist nachwies, vermied er den Fehler Hegels: die logische Folgerung mit der historischen Folge, das dialektische propter hoc mit dem vitalen post hoc zu verwechseln.

Den Entwicklungsgedanken hat Goethe, wie Herder, vitalistisch gefaßt, nicht mechanistisch und nicht dialektisch. Aber während bei Herder die Entwicklung des Menschengeschlechts eine Art mystischer Emanationslehre ist, hatte Goethe eine künstlerische Vorstellung davon: so wenig wie seine Metamorphosenlehre beruhte sie auf einer mystischen Glaubensart, sondern auf einer sinnlichen Anschauungsart.

Und so kommen wir zu Goethes Methode. Was die Geschichtswissenschaft Goethe methodisch Neues verdankt schuldet sie seiner naturphilosophischen Schulung. Nicht als hätte Goethe nun einfach die naturwissenschaftliche Methode auf das geschichtliche Gebiet übertragen, oder gar die in der Natur gesehenen Gesetze in die Geschichte hineingedeutet: dies konnte er schon deshalb nicht, weil ja gerade für ihn Gesetze nicht, wie für die mechanistischen und mathematischen Naturforscher, von den Erschein nungen loszulösende und übertragbare Formeln waren, sondern in den Erscheinungen selbst sich manifestierende Kräfte: es gab für ihn nur gesetzliche Gestaltung. Aber seiner Naturforschung dankt Goethe die Aufmerksamkeit für das Wechselspiel zwischen Typus und individuellem Charakter, welches sich in der Menschengeschichte auf höherer Stufe wiederholt. Die außermenschlich organischen Naturen sind nur darum geschichtslos, weil sie kein Gedächtnis, keine Sprache, keinen bewußten Willen haben. Indem Goethe es vermied in der menschlichen Erweiterung des Naturreichs selbst wieder Gesetze aufzustellen, erkannte er doch ein Gesetzliches an in dem Prozeß durch den diese Erweiterung entstanden. Die Freiheit kann ein Produkt der Notwendigkeit sein, ohne, wenn sie produziert ist, den Gesetzen der Notwendigkeit zu unterstehen. Die Willkür und der Geist in der Geschichte sind der Natur entsprungen, sie sind nach Naturgesetzen entstanden, aber sie haben, einmal entstanden, ihre eigenen Bedingungen, die mit den Gesetzen der tieferen Stufen nicht mehr identisch sind.

Für Goethe war nun an der Geschichte überall der Punkt interessant, wo die Freiheit aus der Notwendigkeit entspringt — wirklich entspringt, d.h. wo sich der Geist aus den Gesetzen der organischen Natur loslöst. Den Kampf zwischen Typus und Individuum fand er schon in der organischen Natur vor, indem er die Varietäten eines Pflanzentypus studierte, die individuellen Abweichungen, ja die krankhaften, aus der typischen Grundbildung einer Pflanze hervorgehen sah: dieser Kampf wurde auf der höheren Stufe beim Menschen zum Kampf zwischen Natur und Willkür überhaupt. Die menschliche Individuation, ein natürlicher Vorgang, wird zur Geschichte, weil hier der in der organischen Natur schon vorwirkende Individuationstrieb sich in Sprache und Bewußtsein ein eignes unermeßliches Reich geschaffen hat. Herder ist der erste der in der Geschichte eine potenzierte Natur erkannt hat: Goethe, wesentlich Naturforscher, hatte eine Abneigung dagegendies aus der Natur entsprungene, von der Natur emanzipierte Reich der menschlichen Willkür an sich, in sich zu betrachten. Aber als ein Produkt der Natur interessierte ihn das Geschichtliche, wie ihn alles Natürliche als ein Symbol der Natur interessierte. Und das Hineinwirken des Natürlichen in das Geschichtliche, die Grenzgebiete zwischen Natur und Geschichte, zumal der Menschengeist selbst, die menschlichen Anlagen und ihre Ausbildung, die Entwicklung des Geistes und Wollens an und aus der Natur fanden an ihm einen unübertroffenen Darsteller.
             





                 

Keine Kommentare: