> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Iphigenie Seite 68

2015-10-01

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Iphigenie Seite 68




Es handelt sich für ihn also nicht darum sein Verhältnis zu Charlotte im Iphigenienmythus wiederzufinden und nachzuzeichnen — nur insofern Charlotte und die ewige Iphigenie Symbole der in ihm selbst wirksamen Läuterungskräfte waren kamen sie für ihn jetzt in Betracht, und es wäre falsch, wenn man in der Gegenüberstellung Iphigenie — Orest einfach Charlotte — Goethe wiederfinden wollte. Vielmehr sind Iphigenie und Orest beides Verkörperungen Goethischer Kräfte und Leiden, und das Gemeinsame beider ist der Fluch unter dem sie stehen: darauf daß dieser Fluch in beiden verschieden wirkt, aber doch in beiden wirkt, beruht das Spiel und Gegenspiel . . nur sind beim griechischen Vorbild die verschiedenen Personen nicht innerlich vereinigt, sondern äußerlich verflochten, bei Euripides waltet der Fluch als reale Macht, bei Goethe als seelische Erschütterung, und die Läuterung erfolgt drum nicht in einem kultischen Handgriff, sondern in einer seelischen Wandlung.

Fand sich also Goethe selbst wieder sowohl in der Iphigenie als im Orest als in ihrer Verknüpfung durch den gemeinsamen Fluch als in der Läuterung, so war der Kern des Dramas gegeben, und die Situationen oder vielmehr innern Zustände woraus es entstanden ist, worauf es beruht, und worum es sich dreht sind die Auseinandersetzung Iphigeniens mit sich, Orests mit sich und beider miteinander über den Fluch und dessen Sühnung durch drei Szenen: die erste Szene des dritten Aufzugs, in der Orest sein Schicksal der Priesterin als ein noch Unbekannter erzählt und sich ihr zu erkennen gibt: und der Angelpunkt dieser Szene wiederum, nicht nur in dramatischer Hinsicht sondern in seelisch sittlicher, sind die Worte Orests: 

Ich kann nicht leiden, daß du große Seele 
Mit einem falschen Wort betrogen werdest.
. . Zwischen uns sei Wahrheit.

Denn die unbedingte Wahrhaftigkeit des Beladnen ist die erste Vorbedingnis zur Läuterung: Läuterung des Schicksals ohne Lauterkeit des Charakters ist nicht möglich. Und das Ergreifende dieses einfachen Wortes liegt darin daß hier in den kleinsten Raum eine Fülle Goethischen Wesens zusammengedrängt ist. Der harmonisierende Gegenvers der Iphigenie, noch eh sie sich zu erkennen gibt, ist der:

Mein Schicksal ist an deines fest gebunden.

Die nächste Hauptszene ist der zweite Auftritt des dritten Aktes mit Orests Wahnsinnsmonolog: wir sehen hier die Wirkung des Fluchs, der Schuld auf ihrem Höhepunkt, vor-und rückschauend.

Die dritte Hauptszene ist der fünfte Auftritt des vierten Aktes, der Monolog Iphigeniens über das Verhängnis unter dessen Last sie jetzt selbst erbebt, als sie nach der glücklichen Heilung des Bruders sich gezwungen sieht entweder seine Rettung aufzugeben oder den Mann zu hintergehen „dem sie ihr Leben und ihr Schicksal dankt“ den König Thoas. Da spricht sie die vorhin angeführten Verse, welche die tiefe Qual eines vom Schicksal in seinen sittlichen Vesten erschütterten Herzens aussprechen. Auch hier ist ein Vers der über den dramatischen Anlaß hinaus ein ganzes Erdbeben Goethischer Seelenkämpfe einfach hinsagt: „Rettet mich und rettet euer Bild in meiner Seele.“

In diesem Gebet ist die Essenz alles dessen was ein Mensch vom reinsten Willen fühlt, wenn ihm unter der Last unverdienter Leiden oder verhängten Erbfluchs der Glaube zu schwinden droht, d.h. diejenige Kraft vermöge deren er sich und der Welt mit allen Leiden einen Sinn zuspricht.

Iphigenie ist Priesterin und ihr Leben hat sie im Dienst der Götter, also durch den Glauben an die Gerechtigkeit der Götter, an ein objektives Gute, an ein sittliches Maß in der Welt ertragen und geläutert. Dieser Glaube droht sie zu verlassen, der alte Titanenfluch scheint wieder wirksam zu werden — die Begnadung welcher sie ihre sittliche Macht und Ruhe verdankt scheint von ihr zu weichen, und ihr ganzes eignes Ringen scheint ihr, die durch Tun, Leiden und Streben das Heil verdient zu haben glaubt, einen qualvollen Augenblick lang sinnlos vergebens, die Götter scheinen ungerechte Tyrannen, der Fluch dessen Überwindung Aufgabe und sichre Hoffnung ihres Daseins war wird zur untilgbaren Wirklichkeit: die sittlichen Grundlagen ihres Lebens und Glaubens wanken. Sie hat an einen Sieg des Guten über das Böse, des reinen frommen Menschen willens über das blinde Verhängnis geglaubt, sie hat ihr Leben darauf gegründet und durfte sich dabei des göttlichen Beistands, der göttlichen Bürgschaft sicher halten — nun muß sie auf einmal in den Göttern selbst nur Vertreter der herzlosen unsittlich bösen Willkür sehen: das Parzenlied ist die Erinnerung eines gläubig geläuterten Menschen an die Möglichkeit daß Sühnung unmöglich sei, daß der Mensch der Spielball unsittlicher Kräfte sei.

Dieser Konflikt als ein innerlicher ist durchaus unantik, ja er ist protestantisch .. aus einem analogen Verzweiflungsgefühl des jungen Luther ist der Grundgedanke der Reformation entstanden: die Rechtfertigung durch den Glauben. Auch Luther verzweifelte daran durch alle guten Werke und Kasteiungen der Erbsünde ledig zu werden, in die Gnade Gottes zu kommen, bis er im Glauben das erlösende Prinzip fand. Doch gilt diese Analogie nur für die innere Lage, den Grad der seelischen Verzweiflung, nicht für den Inhalt des Konflikts, sie gilt nur psychologisch, nicht metaphysisch. Denn für Iphigenie handelt es sich um einen Erbfluch, nicht um eine Erbsünde, und ihr ist ja gerade der sittliche Menschenwille selbst die sühnende, die erlösende, die rechtfertigende Macht, bei Goethe kann der Mensch von sich aus die Erlösung erringen, bei Luther nicht. Nicht die unendliche Kluft zwischen dem sündigen Menschen und der Glorie Gottes ängstet Iphigenie, sondern gerade die Möglichkeit daß die Götter nicht auf der Seite des Guten stehn, daß es keine göttliche Gerechtigkeit, kein sieghaft Gutes gibt. Aber trotzdem, es ist unantik innerlich an einer Diskrepanz zwischen Glauben und Wirklichkeit zu leiden. Der eigentlich antike vorplatonische Mensch bekämpft die Götter oder unterwirft sich ihnen ohne Rücksicht auf ein absolut Gutes das in der Menschenbrust als Gesetz und Gewissen waltet. Das Gute ist entweder was die Götter befehlen, dann lebt er in Harmonie mit ihnen . . oder was dem Menschen nützt und wohltut, dann deutet er die Götter entweder danach um oder, wenn sie es ihm weigern, trotzt er ihnen, ringt mit ihnen oder unterliegt ihnen: der Kampf ist jedenfalls äußerlich, und erst bei Euripides beginnt er sich zu verinnerlichen, insofern die Menschen im Kampf mit den Göttern, irre geworden an der Gerechtigkeit der Götter, sich dialektischer Waffen bedienen. Gotteslästerung aus Skepsis ist der erste Schritt zur Verinnerlichung des Ringens zwischen Mensch und Gott.



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