> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Italien Seite 79

2015-10-13

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Italien Seite 79





ITALIEN

Die Selbstbeschränkung hatte Goethe in den zehn Weimarer Jahren gelernt.. die Selbstgestaltung wie er sie bedurfte und sich dachte hatte er noch nicht errungen, wenn auch die Liebe zu Charlotte von Stein ihn auf dem Weg dazu gefördert hatte. Sein Gewinn an Übung und Erkenntnis war erkauft mit einem Verzicht auf freie Ausgestaltung seines Genies und seiner Natur, auch konnte ihm die zunehmende Sicherheit der Welt gegenüber, die Herrschaft über die Dinge nicht die Gefahr verbergen daß der Kern seines Wesens verkümmern müsse, wenn er, verbraucht und zersplittert durch die Beherrschung eines mannigfaltigen, aber im Grund kleinlichen und seinen Schöpferkräften unangemessenen Sachenkreises, nicht durch große Welt, durch einen weiten Horizont und die Anschauung einer gesteigerten Wirklichkeit regeneriert würde. Wie wenig er seines Genies und Titanentums entwöhnt war, trotz aller Selbstzucht, zeigen.die Konzeptionen der Iphigenie und des Tasso. Was er in Weimar gefunden hatte war Mannigfaltigkeit, Übersicht und Praxis, was er noch immer bedurfte war Schönheit und Großheit. Im Bedürfnis nach Schönheit hatte er Charlotte vielleicht überschwänglich gehuldigt—seinenWunsch nach Großheit konnte er, der Sinnen-und zumal Augenmensch, nicht aus der Historie oder Phantasie befriedigen, und je mehr er in Weimar gelernt (und verlernt) hatte was dort zu lernen war, desto unerträglicher wurde ihm das Mißverhältnis zwischen seinen dunklen Schöpferkräften und der Umwelt aus welcher er sie speisen, woran er sie betätigen mußte. 

Er hatte nach zehnjährigem Aufenthalt in Weimar nichts mehr zu lernen, nur noch zu verlieren. Die geschäftliche Routine hatte er sich erworben, das „Bedeutende“ der Gesellschaft begriffen und eingeordnet (Wilhelm Meisters Theatralische Sendung ist schon ein Beweis für den früh erworbenen Umblick) die Wege in die Naturwissenschaften hatte er sich bereits nach vielen Richtungen hin gebahnt: es konnte sich für ihn jetzt nur um Verarbeitung der reichlich gesammelten Erfahrungen, um Erreichung der erkannten Ziele handeln, und da stockte er auf allen Seiten. Er hatte gerade in Weimar gelernt was Außenwelt eigentlich sei, im Gegensatz zum inneren Menschen, welche Aufgaben sie stelle und welcher Mittel er zu ihrer Bewältigung bedürfe. Er hätte sich bei dieser Erkenntnis und Übung beruhigen können, wenn er ein wesentlich philosophisch kontemplativer oder ein wesentlich praktischer Mensch gewesen wäre. Aber er war weder auf Erkenntnis um der Erkenntnis, noch auf Tun um des Tuns willen gerichtet. Ihn unterscheidet von seinen sämtlichen deutschen Zeitgenossen (für welche ein Milieu und eine Stellung wie die Goethes in Weimar zu ihrer Ausbildung und Zufriedenheit gereicht hätte) daß er ein bildnerischer Mensch großen Stils war. Damit ist gesagt, einmal daß er einen Trieb nach Gestaltung großer Eindrücke hatte, entsprechend der starken Bewegung seines Innern, und sodann daß er großer Schau von außen bedurfte. Er konnte, nach der Weimarer Erziehung zur Objektivität, nur um so weniger eine Traumwelt aus seinem Innern hervorspinnen. Mehr wie je bedurfte er der Kontrolle und Bestätigung seiner Gesichte durch die Außenwelt, mehr wie je verlangte er von sich ein objektiv gerechtfertigtes Weltbild. 

Die großen heroischen Entwürfe seiner Jugend waren gespeist aus seiner mächtigen Selbstigkeit allein und empfingen ihren großen Stil aus der Neuheit des Eindrucks welchen der Zusammenprall mit der Wirklichkeit auf eine so große Seele üben mußte. Diese unbedingte Aussprache seines Ich hatte der Weimarische Goethe sich selbst versagt . . die Wirklichkeit als ein Ganzes, dem Ich Gegenüberstehendes, war ihm zu vertraut geworden: aus diesen beiden Quellen konnte für ihn also der Strom großen Schaffens nicht mehr fließen. Solange Goethe an und in den Weimarer Umgebungen noch zu lernen hatte, war er beschäftigt, und über der Aneignung des neuen Weltstoffs kam ihm nicht die Kluft zwischen seinem Ich und dieser Welt zum Bewußtsein. Sobald er ihn sich angeeignet hatte, überfiel ihn eine tiefe und stetig wachsende Unbefriedigung, eine neue Form des faustischen Hungers. Auch Weimar war kein Augenblick zu dem er sagen konnte: »Verweile doch«.

Nicht mehr im Stand mit der bloßen Auswirkung seines großen Ich sich zu begnügen, und in Weimar bei der Suche nach großartigen Massen und Maßen, wie sie seinen Kräften entsprächen, erfolglos, auch von seiner Liebe nicht gesättigt und ausgefüllt, nur gemäßigt und beschwichtigt, von seiner Wissenschaft nur ins Weite gewiesen aber nicht gehoben, von seiner Praxis beschäftigt und geschmeidigt aber nicht gesteigert, als Dichter reich an Konfliktstoffen aber ohne Lösung, als bildender Künstler sich abmühend an idyllisch engen Gegenständen und in dumpfer Technik, richtete Goethe ungeduldig den Blick nach einer Wirklichkeit die zugleich wahr und weit, groß und geformt, natürlich und gehoben sei . . die mit runder Gegenwart der Objekte zugleich den Forderungen einer hohen Seele und anspruchsvoller Sinne genüge. Als eine solche Welt schwebte ihm seit seiner Kindheit Italien vor, insbesondre Rom. Was ihn nach Italien trieb, mit einem Fieber, daß er „zuletzt kein italienisch Buch oder Bild mehr ohne Qual ansehen konnte“, war der unerträglich gewordne Widerspruch zwischen seiner großen Seele und seinen engen Umgebungen. Dieser Widerspruch machte seine Seele ungeduldig bis zur Verworrenheit, wenigstens verlor er die Sicherheit, da er nicht mehr wußte was er mit seinen Kräften anfangen sollte. Zuviel können für eine gegebne Situation ist kaum weniger verwirrend als zuwenig können, zu deutlich sehen stört die Klarheit fast ebenso wie zu trüb sehen, und so dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir in den Monaten vor der Flucht nach Italien fast denselben Klagen über Wirrsal und Dumpfheit wieder begegnen wie in der Wertherzeit. Was Goethe in Italien zu finden hoffte, war also zunächst wieder Gleichgewicht zwischen großen Forderungen und großen Gegenständen, großen Stil alles Sichtbaren, eine weiträumige und formenreiche Natur, mit klaren Umrissen und eine Kunst die den Menschen unverschnörkelt und unverschnürt in edlen Maßen und freier Haltung als vollkommene Gestalt in Ruhe und Bewegung darstelle, sodann ursprünglichere, sinnlich bedeutsamere und gefälligere Sitten und Typen, eine Kultur die sich nicht im Kampf gegen die Natur, sondern mit und an ihr entwickelte.

Was Goethe nicht, oder wenigstens zuletzt in Italien suchte (was jedoch der durchschnittliche deutsche Reisende jener Tage, seinen Archenholtz in der Hand, zumeist dort suchte) waren geschichtliche Erinnerungen mit mehr oder minder empfindsamen Gedanken über Vergänglichkeit — das was Jakob Burckhardt Ruinensentimentalität nennt, ferner politische oder soziale Vergleiche und Werturteile, oder literarische, schöngeistige und ästhetisch philosophische Reflexionen. Anschauung suchte Goethe, nicht Gefühl oder selbst Erhebung . . Anschauung: das war für ihn die Einung von Ich und Welt: im Auge setzt sich das Sehende, das Ich, mit dem zu Sehenden, der Welt, ins Gleiche. Und seinem sonnenhaften Auge fehlte in Weimar die entsprechende Gegensonne. Sein Auge war ein Gefäß das erst in Italien bis zum Rand mit Welt gefüllt werden konnte.

Was Goethe nach Italien an positiven Mitteln zur Bewältigung der neuen Welt mitbrachte — außer dem Negativen: der Sehnsucht, dem Bedürfnis, der Forderung — war zunächst eine vollkommen ausgebildete Sinnlichkeit, besonders des Auges, als seines Zentralsinnes, des seinen Gesamtleib repräsentierenden Organs, zugleich weit umfassend, tief dringend und fein empfänglich, dann eine zarte und starke Innerlichkeit, fähig jeden äußeren Eindruck in die Tiefe zu leiten und in neues Leben zu verwandeln, Anschauungen in Erlebnisse und Empfindung umzusetzen, jedes Sinnenmaterial seelisch zu bewältigen, endlich eine sichere und helle Geistigkeit, voll Ordnung in den Begriffen und unfehlbarem Unterscheidungsvermögen für das Wesentliche und Zufällige, für das Echte und Falsche, für Ausnahme und Regel, für Typus und Besonderheit, für Subordination und Koordination. So ausgestattet als Künstler, Dichter, Forscher kam er in das ersehnte und gelobte Land.





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