> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Italien Seite 80

2015-10-13

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Italien Seite 80




Doch vor allem hat Goethe die italienische Reise als Augenmensch und zur Bildung seines Auges unternommen: nur wenn man sich das vergegenwärtigt, versteht man ihre Ergebnisse, und die Art der Auswahl die er aus dem italienischen Erfahrungskreis getroffen hat. Er hatte schon in Weimar in der Ausbildung der Augen, im rechtschaffen sinnlichen Erfassen der Gegenwart, der Gegenstände ein sicheres Heilmittel gegen Grillen und überschwängliche Schwärmerei gefunden, in Italien aber traten ihm erst die Gegenstände nah die des Anschauens voll würdig waren. Das ganze Gebiet der bildenden Kunst sollte ihm hier erst erschlossen werden. Menschentypen und Landschaftsbilder unter flauem Licht, mit verschwimmenden Umrissen, welliges Hügelland, Übergangsformen und Mischfarben aller Art, das waren die Gesichte an denen sein formendurstiges Auge sich bisher hatte sättigen müssen — die Natur die er um sich hatte war (um seinen eignen Ausdruck anzuwenden) undulistisch. Von der großen Kunst der Antike und Renaissance wußte er aus Gipsabgüssen, Kopieen und Stichen gerade genug um sich nach ihrer lebendigen Anschauung zu sehnen und seine Ferne von ihr als einen unerträglichen Mangel zu empfinden. Der große Verkünder ihrer Herrlichkeit Winckelmann trug das seinige dazu bei, ihm dort eine Offenbarung und Erlösung zu versprechen.

Zu all den Empfänglichkeiten seines Geistes für die Kunst kam noch die produktive Tendenz, der Wille die Gestalten und Bewegungen der sichtbaren Welt nicht nur durch das Wort, sondern mit dem Augenmaterial, mit Linie und Farbe, als Licht und Schatten zu bannen. Man kann diese produktive Tendenz, die ihn zeitweise zum Glauben an eine Duplizität seiner Talente verführte, nicht einer eingebornen Schöpfergabe zuschreiben: was Goethe als Maler und Zeichner fehlt ist gerade der eigne Stil, der unverkennbare Griff der jedes Blatt als ein Goethisches erkennen ließe. Das ist nur umso auffallender als er kein Pfuscher, sondern über den Durchschnitt hinaus geschickt war, zum mindesten in Italien die technische Tüchtigkeit sich völlig aneignete. Goethe, der keine noch so beiläufige Zeile hinwerfen konnte die nicht flacher oder tiefer seinen Charakter trug, konnte mit aller Mühe keine Zeichnung hervorbringen die man, trotz hohem Talent, als Goethisch ohne weiteres bezeichnen möchte. Was bedeutet nun bei einem gegen sich selbst so strengen und ehrlichen Geist die so hartnäckig, so unermüdlich, mit solchen Hoffnungen und Zweifeln festgehaltene Neigung und Übung der bildenden Kunst in der Ökonomie seines Daseins, auch als er nicht mehr hoffen konnte es darin zur Meisterschaft zu bringen? Gerade die Charakterlosigkeit seiner Zeichnungen gibt uns Aufschluß darüber: sein Malen und Zeichnen ist nur der stärkste Ausläufer, die entschiedenste Betonung seines Willens zur reinen Gegenständlichkeit den er in dem angebornen Material seines Genies, in der Sprache niemals so ausleben konnte. Denn die Sprache ist schon ein Material das dem Subjekt angehört, aus dem das Subjekt gar nicht auszuscheiden ist.. Linie und Farbe sind nicht von vornherein subjektives, ja nicht einmal menschliches Material, sondern dingliches. Wenn Goethe allein mit den Dingen sein, die Dinge rein von aller Ichheit festhalten wollte, so mußte er sich nach einem gleichsam sachlichen Material umsehen, und das war Farbe und Linie. Zwar wußte er sich auch hier gebunden an seine Vorstellungs-und Sehart, und die wollte er auch gar nicht ausscheiden, aber die Gegenstände hielten wenigstens vor seinen Augen still, und waren für sein Auge Farbe und Linie, waren also identisch mit seinem sachlichen Material, während es bei dem Wort einer seelischen Umsetzung, eines subjektiven Symbols für die Objekte bedurfte. Und das Wort gab ja niemals die Sachen oder Bilder der Sachen, sondern die Eindrücke, Gefühle, Vorstellungen, Gedanken, also seelische Umsetzungen der Sachen. Sachen aber wollte er festhalten.

So wenig also Goethes Zeichnungen an sich bedeuten — trotz neuerlicher Versuche Goethe auch als bildenden Künstler zu verherrlichen — so wichtig sind seine Bemühungen als Ausdruck seines Willens zur möglichst klaren Gegenständlichkeit. Sie sind unterirdisch ihm gerade als Dichter zugute gekommen, und die Klarheit seines klassischen Stils ist ihm nicht so sehr angeboren als anerzogen in der jahrelangen Gewohnheit die Dinge fest und deutlich mit ihren Umrissen, Schatten und Perspektiven ins Auge zu fassen und sie der inneren Vorstellung einzuprägen, sich nicht mit dem vagen Begriff Baum oder Haus zu begnügen, sondern in das Gedächtnis die bestimmte Form dieses oder jenes Baums mit allen Details des wirklich gesehnen Dings einzupressen. Goethes Stil ist nicht denkbar ohne ein solches mit konkreten Bildern gesättigtes, zeichnerisch erzogenes Gedächtnis. Seine Reinheit, seine Bestimmtheit, seine sichere Anschaulichkeit hat er der Bemühung um zeichnerische Qualitäten zu danken, und in dieser Hinsicht hat sein dilettantisches Zeichnertum die vollkommenste Meisterschaft deutscher Prosa schaffen helfen. Die Prosa des jungen Goethe ist durch Fülle, Beweglichkeit und Innerlichkeit unübertroffen, aber sie gibt mehr die Wirkung der Dinge auf das Gemüt als den Anblick der Dinge für das Auge wieder, mehr ihre Gewalt als ihre Gestalt. Durch das Zeichnen ist Goethe mehr und mehr, absichtlich und bewußt, von der impressionistischen zur linearen Prosa gelangt, und sein Zeichnen, als der entschiedenste Ausdruck seines Drangs nach Vergegenständlichung, nicht so sehr angeborenes Genie als dunkler Instinkt für das was ihm auch als Dichter und Menschen not tat, war vielleicht der vorderste, wenn nicht der stärkste Anstoß für seine Flucht nach Italien. Der Wunsch, oder Wahn, es in der bildenden Kunst zur Vollkommenheit zu bringen, bedurfte Italiens noch dringender ais seine dichterischen, praktischen oder forscherlichen Bedürfnisse, oder vielmehr, all diese Bedürfnisse bedienten sich gleichsam der — an sich irrigen  Tendenz zur bildenden Kunst, um Goethe dringlicher nach Italien zu locken, und dadurch auch für sich den notwendigen Bildungserfolg zu erreichen.

Denn besonders als angehender bildender Künstler hat Goethe die Reise nach Italien unternommen. Wenn man die Briefe und Tagebuchblätter von der italienischen Reise liest, wie sie später zu einem Buch redigiert, verknüpft und durch erinnernde Übersichten kommentiert worden sind, so erscheint es beinah, als sei die eigentliche Kunsttendenz welche bisher nur beiläufig und jedenfalls weit überwogen von dem dichterischen, praktischen und Forschungsstreben auftrat, auf einmal in den Mittelpunkt von Goethes Dasein getreten und Herr geworden zumal über sein Dichtertum. In der italienischen Reise nehmen die Erörterungen über Kunst und Kunstwerke, Beschreibungen von Bildern, Statuen, Gebäuden, zagende und beseligte Berichte über eigne Fortschritte und Hemmungen im Kunststudium und Kunstübung den weitaus größten Raum ein, und auch was Goethe von Sitten, Landschaft, ja selbst von seinen dichterischen Vorsätzen erzählt, wird wieder und wieder bezogen auf bildende Kunst, auf die zeichnerischen oder malerischen Qualitäten (beide waren zu Goethes Zeit nicht so geschieden wie heutzutage) oder auf seine Architektur und Komposition hin geprüft. Einige bezeichnende Beispiele: Auf dem Weg vom Brenner bis Verona, im Tiroler Gebirg beschreibt er eine Landschaft: „Der Mond ging auf und beleuchtete ungeheure Gegenstände. Einige Mühlen zwischen uralten Fichten über dem schäumenden Strom waren völlige Everdingen“. Er sieht die Wirklichkeit schon durch die Formgebung eines holländischen Malers hindurch. Und besonders das „Gegenstände“! Felsen und Flüsse in lebendiger Gegenwart rein als Malstoffe zu sehen . . das ist alles eher als das Erlebnis eines Dichters, des Dichters der die Verse schreiben konnte „Rausche, rausche lieber Fluß“. Ferner in Bozen: „Die aufgebundnen Zöpfe der Frauen, der Männer bloße Brust und leichte Jacken, die trefflichen Ochsen die sie vom Markt nach Hause treiben, die beladenen Eselchen, alles bildet einen lebendigen bewegten Heinrich Roos“. Bei einem Viehmarkt fällt ihm zunächst ein Tiermaler ein. Lebendige Sitte, freie Landschaft schrumpfen ihm ein zu Motiven bildender Kunst. Er rühmt es allerdings selbst als eine alte Gabe von sich, die Welt mit den Augen desjenigen Malers zu sehen dessen Bilder er sich eben eingedrückt.





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