> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Kultur Seite 84

2015-10-17

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Kultur Seite 84



KULTUR

T^VIE Natur ist die weiteste Zone in der Goethe die sinnlichen Erschei* nungen ordnet. Das Reich der Kunst ist dazu eine innere konzentri* sehe Zone, von der gleichen Mitte beherrscht, von dem gleichen Umkreis umfaßt, von den gleichen Kräften durchdrungen, aber mit eigenen Gestal* tungen, durch Vermittlung des menschlichen Bildnerwillens, der selbst der Natur angehört und ihr Verfahren konzentrierter fortsetzt. Zwischen der Natur und der Kunst als Zwischenzone vermittelt die Kultur, d. h. das Ganze der menschlichen Sitten, Gebräuche und Gesinnungen welche den bewußten Hervorbringungen des menschlichen Geistes zugrunde liegen. Auch auf diese Zone in ihrem ganzen Umfang hatte Goethe während der italienischen Reise sein Augenmerk. Kultur ist die bewußte Auseinander* Setzung des Menschen mit der Natur, die durch den Menschen gefilterte, gesiebte, verarbeitete Natur, wie die Kunst die durch den Menschen ge* steigerte, verdichtete, gestaltete Kultur ist. Die drei Zonen gehen ineinan!» der über —sie sind für den naturfrommen Goethe keine Gegensätze, son* dern eine Stufenfolge von menschlichen Steigerungen derselben Allkraft: die großen Kunstwerke sind nur die letzte Verdichtung und Zentration der Natur.

Als die Vorstufen zu diesem Gipfel, oder (um in unsrem Gleichnis zu bleiben) als den Umkreis dieser Mitte betrachtete und bewertete er auf sei» ner Reise die Formen in denen die Menschen sich gegen die bloße Natur schützen oder sie sich zu ihren Zwecken dienstbar machen, ihr Verhältnis zu den Elementen: den Landbau, die Wohnungsarten, ihre Sitten und Trach» ten, ihre Vergnügungen und Erwerbsarten, von den Befriedigungen der animalischen Bedürfnisse Hunger und Liebe bis zu den Verfeinerungen des Luxus und der höheren Bildung hinauf.

Unter den Begriff der Kultur fällt für Goethe auch die Religionsübung, der sinnliche Kultus, Gottesdienst und Pilgerzüge. Er sah dies nicht auf den religiösen Gehalt hin an, auf seelische Bedeutung und Innerlichkeit, sondern er faßte wesentlich das Typische der sinnfälligen Erscheinung, das Augenhafte, Körpermäßige daran auf. Der Katholizismus, war für ihn — das unterscheidet ihn von den meisten andren Italienfahrern — weder ein politisches System noch ein religiöser Inhalt, sondern eine kulturelle Er* scheinung. Am meisten interessierten Goethe auch hier diejenigen Wahr* nehmungen die ihm den Zusammenhang zwischen dem Menschen als einem Naturwesen und dem Menschen als dem Kunsterzeuger, zwischen Natur* geschöpf und Kunstschöpfer offenbarten: gerade als dies Bindeglied zwi» sehen Natur und Kunst war ihm die Kultur bedeutend.

Ein spezifisch kulturhistorisches Interesse fand er in Italien nicht, wie es die bedeutendsten Beobachter die nach ihm Italien bereisten gerade fan* den: Taine und Jakob Burckhardt, auch Stendhal, Gautier, Walter Pater: diesen war die südliche Kultur das Wichtigste und die Kunst war ihnen ja das faßlichste Symbol dieses menschlichen Treibens und Wesens. Goethe interessierte Kultur sofern sie an die Natur grenzte - daher seine Beob» achtungen über die Formen des Ackerbaus, besonders in Sizilien . . oder sofern sie an die Kunst grenzte — daher seine Bemerkungen über die Bau» art, über das Theater, ja auch über Gebärden und Redeweise, worin er eine der Grundlagen auch der Dichtkunst erkannte. Beispiele seiner Art der Be* obachtung sind seine gewissenhaften mit Sammler# und mit Maleraugen zu» gleich entworfenen Abrisse von Städteanlagen, Verona, Vicenza, Venedig. Neapel, seine Schilderung von Gerichtsverhandlungen, Theatervorstellung gen, Schul* und Akädemie*sitzungen, die Wiedergabe des Treibens in Lä» den, Märkten, Häfen, Kirchen. Aus Dutzenden solcher genau angeführten Augenblicksbilder heben sich drei hervor: die Schilderung der Gerichts* sitzung im herzoglichen Palast zu Venedig, die allbekannte Darstellung des römischen Karneval, und die Verteidigung der Neapolitaner gegen den Vors wurf des Müßiggangs durch Veranschaulichung ihres Gebarens, Wesens und Erwerbs. Bis zu welchen Details und Feinheiten der Beobachtung er geht, zeigt eine Stelle: „die Personen des Mittelstands (in Verona) schlenkern im Gehen mit den Armen. Personen von einem höheren Stande, die bei ge# wissen Gelegenheiten einen Degen tragen, schlenkern nur mit einem, weil sie gewohnt sind, den linken still zu halten.“

Besonders Goethes Aufenthalt in Neapel und Sizilien ist durch kultur» liehe Einzelheiten bezeichnet. Hier hob sich das Menschliche von der bloßen Natur noch unmittelbarer ab als in Ober# oder Mittelitalien, als in Rom, wo Natur, Geschichte und Kunst zu einer beinah unlöslichen Ein» heit verschmolzen waren. In Rom zumal trat die Kunst Goethe zu über* wältigend entgegen um ihm völlige Freiheit zu losgelösten, beiläufigen Sit» tenschilderungen zu lassen — das römische Karneval bildet denn auch einen Block für sich und ist nicht zufällig, als ein eignes Werk, als ein Neben» produkt, eine epische, fast novellistisch abgerundete Begebenheit veröffent* licht worden. Goethe hat dieses Stück gleichsam als eine Dichtung behan* delt und eine eigne von ihm öfter gepflegte Gattung damit eingeleitet: spätere Probestücke dieser Art sind seine Schilderung des Rochusfests in Bingen, und der Frankfurter Krönungsfeier in Dichtung und Wahrheit. Das Wesen dieser Gattung ist daß eine typisch<=wiederkehrende in festen For» men und doch zugleich immer neuer Bewegung sich abspielende Begeben» heit als einmaliges Erlebnis des Schilderers erzählt wird. Was Goethe dabei anzog war die Möglichkeit das Einmalige und das Wiederkehrende, das In» dividuelle und das Typische, das Willkürliche und das Gesetzliche an eis nem einzigen symbolischen Fall voll sinnlichen Lebens zugleich darzustel* len. Doch das war ein seltener Glücksfall in Rom: während in Neapel und Sizilien das menschliche Treiben auf Schritt und Tritt täglich vor seinen Au» gen unmittelbar aus der Natur herauswuchs und sich unvermittelter gegen die Natur abhob. Leben, Kultur, auch Architektur hat in Süditalien, ver* glichen mit dem künstlerisch und geschichtlich volleren Oberitalien, Mittel* italien und Rom, etwas von dem naturhaften Augenblick Improvisiertes, Unbekümmertes und unbefangen Nacktes. Wer von Rom nach Neapel kommt empfindet schon in der Bauart den Unterschied . . in Rom scheint alles für die Ewigkeit, in Neapel für den nächsten Tag gebaut, um wieder abgerissen zu werden. Die Kultur selbst scheint nicht der Natur in tausend* jährigem welthistorischen Kampf abgerungen und als eine fertigeWelt hin» gestellt, sondern sie erscheint in beständigem Werden und Vergehen von Tag zu Tag, sie ist darum dem Beobachter in ihrem Verhältnis zur Natur leichter zugänglich, deutlicher.. Naturformen und Kulturformen des Men» schenlebens, nicht so stark durch Geschichte vermischt und nivelliert, traten Goethe hier bezeichnender entgegen.

Dazu kam daß er nach Süditalien reiste mit größerer Ruhe der Beob* achtung, nachdem er in Rom das Wesen der Kunst sich angeeignet zu ha* ben glaubte. „Wenn man in Rom gern studieren mag, so will man hier nur leben . .“ Er hatte jetzt die Sicherheit des Blicks, die schnelle und be* queme Übersicht erlangt, um die er sich bisher emsig, angestrengt und fast krampfhaft bemühte. Nun fielen ihm die mannigfaltigsten Beobachtungen wie reife Früchte zu. So werden, je weiter er nach Süden vordringt, die Landschaftsbilder, die naturforscherlichen Apercus und die Sittenschilde* rungen dichter und leichter — während die eigentlichen Kunstbetrachtungen spärlicher werden. Wenn Goethe in Toskana, Venedig und Rom mehr die Natur in der Kunst gesucht hatte, so sucht er dort unten mehr die Natur im Leben und Treiben. Es ist ja im Grund immer dasselbe was er sucht, aber in immer neuen Gegenständen, Formen und Wirkungen.

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