> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Kunst Seite 85

2015-10-17

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Kunst Seite 85



KUNST

Über die Art wie Goethe sich der dritten Zone, der Kunst, näherte habe ich schon in andrem Zusammenhang gesprochen. Die Kunst im engeren Sinn vor allem war das Ziel seiner Italienfahrt und sein bewußtes Studium. Hier sei zusammengefaßt: daß für ihn die italischen Kunstschätze die Mustersammlung des der Kunst Möglichen und Erlaubten darstellten: die Durcharbeitung aller Motive die aus dem Menschenleib als plastischer Gestalt und Bewegung sich ergaben. Die Darstellung des Körpers und seine plastische heitere Anordnung im begrenzten Raum war für ihn der Sinn der Kunst, und darum die nachphidiasische klassische und klassizistische Antike und Raffael ihr Gipfel, weil beide Körperlichkeit und Wohlräumigkeit am virtuosesten beherrschten. Sein Geschmack war durch Winckelmann, sein kunsthistorischer Gesichtskreis durch Heinrich Meyer bestimmt. Er legte bei seinen Urteilen den Hauptnachdruck auf lebendig gefühltes Gleichgewicht, Abrundung, Symmetrie, Maß des Körpers und der durch Körper ausgedrückten Bewegung. Schöne Form, Umriß und Zeichnung waren der Zweck des Bildes, das Kolorit diente dazu jenes zur Geltung zu bringen. Jedes Hervortreten eines einzeln Technischen oder Seelischen auf Kosten des harmonisch sinnlichen Gesamteindrucks war ihm eine Wertminderung. Darum hatte er wenig Sinn für alles Archaische, in welchem die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten noch befangen waren, für den Präraffaelismus, wo die seelische Innigkeit die leibliche Durchbildung überwog. Aber in gleicher Weise war ihm die mit und nach Michelangelo einsetzende Überspannung des technischen Könnens zuwider, weil „forciert“. Schon bei seinem zweiten römischen Aufenthalt tritt Michelangelo völlig hinter Raffael zurück: hier war ein Übermaß von Leidenschaft das ihm selbst durch die Meisterschaft hindurch Angst einflößte. Er vermißte den Ausgleich zwischen Raum und Körper, die RaffaelischeWohlräumigkeit. Wo er solche fand übersah er gern was wir heut als Süßlichkeit, ja als Leere empfinden. Sein Geschmack in der bildenden Kunst war in einem tiefen Sinn dekorativ: Kunst war ihm nicht nur Ausdruck maßvoller Menschlichkeit, sondern auch Schmuck der menschlichen Räume, sie hatte eine Aufgabe von innen her und nach außen hin. So fehlte ihm der eigentlich malerische Sinn für Farbenreize wie ihn der Impressionismus im 19. Jahrhundert ausbildete. Allem wesentlich Charakterischen, wesentlich Seelisch-extatischen und denjenigen Kunstmitteln welche zum Ausdruck mystischer oder transzendenter, über-oder unterleiblicher Regungen von den großen spanischen und holländischen Meistern erschaffen waren mußte er als den Störungen der menschlichen Harmonie sich verschließen. Was er an nordischer und deutscher Malerei später lobte galt weniger den seelisch malerischen Qualitäten als der treufleißigen Hingabe an die konkrete Erscheinung: er vermißte aber den großen Stil und die Wohlräumigkeit, oder vielmehr er bemühte sich sie, aus Billigkeit, gar nicht zu suchen und die Verdienste einer für ihn tieferen Stufe bei Altmeistern wie Rembrandt oder Dürer zu würdigen. Grünewald muß ihm widrig gewesen sein, und Rubens war ihm willkommen wegen der enormen Gegenwart quellenden Lebens.

Kunst war ihm nirgends Reiz, sondern Gestalt, und je mehr die Gestalt in Eindruck, in Farben, Licht oder Schatten, selbst Sinnenreiz aufgelöst wurde, desto weniger konnte er mit einem Bildwerk anfangen. Im Grund legte er überall den Maßstab griechischer Plastik an, wie er sie kannte und durch Winckelmann deutete. Man darf indessen nie vergessen daß er nur hellenistische Kopien kannte und daß die höchsten griechischen Trümmer damals noch unter der Erde oder unzugänglich weit ruhten. Die Verehrung für die griechische Kunst hatten ihre Wiederentdecker Winckelmann und Goethe zu befriedigen an den schon überreifen, feinen, glatten, technisch virtuosen, seelisch oft schon allzu geleerten hellenistischen Könnerstücken. Diese bildeten ihren Geschmack, verbildeten ihn wohl auch nach der Seite des Klassizismus hin, so daß Goethe vor den Tempeln in Pästum fast erschrak. Das noch zusammengefaßte, gedrungene Hellenentum war ihm durch das gefällig oder großartig Ausgefaltete des Apollo von Belvedere, des Laokoon, des Zeus von Otrikoli, der Juno Ludovisi verleidet. Zog er doch auch den Sophokles, ja den Euripides dem Äschylus vor. Diese Verzärtelung des Geschmacks durch Spätlinge eines en bloc verehrten Altertums aus Unkenntnis der großen Urgebilde, wie sie in Winckelmanns und Goethes künstlerischem Klassizismus zutage tritt, hat ihre Analogie in der Verehrung des Mittelalters und der Renaissance für Vergil, welcher als zunächst bekannter Abglanz die dem Homer gebührende Verehrung auffing und noch lange ins Rokoko hinein bewahrte, als der Altvater selbst zugänglich ward. Erst Herder brach diesen Bann völlig.

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