> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Mathematik Seite 93

2015-10-22

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Mathematik Seite 93



MATHEMATIK

Dies sind die Hauptzüge von Goethes Natur-Kunst-und Geschichtgesinnung. Italien hat dazu den Grund gelegt und die folgenden Jahrzehnte sind in wissenschaftlicher Hinsicht der genauen Nachprüfung, Erweiterung, Stoffsammlung, Darlegung und Anwendung der italienischen Apercus gewidmet. 1790 schrieb er die Metamorphose der Pflanzen, 1791 und 1792 die optischen Beiträge, seine ersten Versuche in der Farbenlehre: das Formulieren und Aussprechen seiner Anschauungen selbst, weit entfernt das Ausgesprochene für ihn zu erledigen, weckte passive Feindseligkeit oder offnen Widerspruch bei der wissenschaftlichen Welt, der er ein Fremdling war und ein Eindringling scheinen mußte. Denn Goethes Art die Dinge zu sehen und zu behandeln verriet den Dichter, und während damalige Naturwissenschaft auf Teilen und Zerlegen, auf mechanischer oder mathematischer Weltbetrachtung beruhte, versuchte Goethe eine Anschauung vom Ganzen und Einen aus zu vermitteln, und das Leben selber in den Erscheinungen als ein wissenschaftliches Prinzipium zu fassen, statt sich mit der Beschreibung seiner Niederschläge und der Berechnung ihrer Teile zu begnügen.

Der Gegensatz in den er bei all seiner Naturforschung gegen die herrschende und gültige Wissenschaft geriet läßt sich am besten mit seinen eignen Worten bezeichnen. Er hat am Schluß seines Lebens den morphologischen Streit zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire betrachtet und dabei die wissenschaftliche Gesinnung der Gegner gegenübergestellt. Geoffroy de Saint-Hilaire vertrat Goethes Richtung, Cuvier die der Gegner: »Cuvier arbeitet unermüdlich als Unterscheidender, das Vorliegende genau Beschreibender, und gewinnt sich eine Herrschaft über eine unermeßliche Breite. Geoffroy de Saint-Hilaire hingegen ist im stillen um die Analogien der Geschöpfe und ihre geheimnisvollen Verwandtschaften bemüht. Jener geht aus dem Einzelnen in ein Ganzes, welches zwar vorausgesetzt, aber als nie erkennbar betrachtet wird; dieser hegt das Ganze im innern Sinne und lebt in der Überzeugung fort, das Einzelne könne daraus nach und nach entwickelt werden. Wichtig aber ist zu bemerken, daß manches, was diesem in der Erfahrung klar und deutlich nachzuweisen gelingt, von jenem dankbar angenommen wird; ebenso verschmäht dieser keineswegs, was ihm von dorther einzeln Entschiedenes zukommt; und so treffen sie auf mehreren Punkten zusammen, ohne daß sie sich deshalb Wechselwirkung zugestehen. Denn eine Voranschauung, Vorahnung des Einzelnen im Ganzen will der Trennende, Unterscheidende, auf der Erfahrung Beruhende, von ihr Ausgehende nicht zugeben. Dasjenige erkennen und kennen zu wollen, was man nicht mit Augen sieht, was man nicht greifbar darstellen kann, erklärt er nicht undeutlich für eine Anmaßung. Der andere jedoch, auf gewisse Grundsätze haltend, einer hohen Leitung sich überlassend, will die Autorität jener Behandlungsweise nicht gelten lassen.“

Hier ist ausgesprochen was die exakte Wissenschaft gegen Goethe einzuwenden hatte. Daß sein Auge im Einzelnen ein Ganzes, im Seienden ein Werdendes, im Gebildeten ein Bildendes mitsah wollte sie ihm nicht zugeben und nahm es für dichterische Phantasie, die man ja dem Verfasser des Werther erlauben mochte, aber in der Wissenschaft für Unfug hielt. Und so nahm man seine Morphologie für Dichtung, Allegorie oder gar kunstgewerbliche Spielerei — man lese nur in Goethes Bericht über die Geschichte seines botanischen Studiums die ärgerlichen, zum Teil possierlichen Mißverständnisse denen seine Metamorphosenlehre ausgesetzt war. In der Optik erging es ihm noch schlimmer. Sie war von einem großen Mathematiker und Mechaniker gegründet auf seine Sehart und war dadurch zu einer anerkannt mathematischen Wissenschaft geworden. Denn selbst die Entstehung einer Wissenschaft, die Einreihung eines Erfahrungskomplexes ist abhängig von der individuellen Sehart, ja dem individuellen Charakter des Mannes der sich damit beschäftigt. So hatte der Mathematiker die Licht-und Farbenerscheinungen der Mathematik vindiziert — er nahm sie als einen von der menschlichen Organisation unabhängigen Komplex, der sich zerlegen und berechnen ließ, und stellte zum Zweck der Berechnung und Zerlegung seine verwickelten und künstlichen Versuche an. Auch diese dürfen wir nicht isoliert nehmen: sie sind die Folge der ganzen Weltgesinnung auf. der Newtons Wissenschaft beruhte, die Weltgesinnung nicht nur dieses großen Einzelnen, sondern eines Zeitalters. Für diese Gesinnung war die Welt ein von der Gottvernunft geordnetes Gefüge, und die Aufgabe der Menschenvemunft war die Erkenntnis der Gesetze und Proportionen nach denen die Welt geordnet war.. Gesetze und Proportionen aber lassen sich durch Zahlen ausdrücken. Gott ist für diese ganze Epoche der große Weltmechanikus, — Mathematik war die Offenbarungsart, die Methode Gottes für die Descartes, Spinoza, Leibniz, für Locke, Kepler, Galilei und Newton. Was ihrer Erfahrung sich bot wurde nicht als Gestalt oder Trieb, sondern als Berechenbares und Meßbares aufgefaßt, alle Erscheinungen können auch so aufgefaßt werden, und müssen dann auch so eingestellt werden. Die Erfahrung ist niemals unabhängig von der gerade geltenden Metaphysik, mag auch den Empirikern diese Abhängigkeit nicht zum Bewußtsein kommen: die Art wie man in jedem Zeitalter Erfahrung macht, ja was man jeweils unter Erfahrung versteht, ist bedingt durch die philosophische Grundgesinnung.

So hat Newton als Mechanist unter den Lichterscheinungen schon rein mathematische Erscheinungen gesehn, sie von vornherein, unter unbewußter Ausscheidung ihrer physiologischen und psychologischen, ihrer vitalistischen Seite, eingestellt auf ihre Berechenbarkeit. Sie so einzufangen, daß sie sich teilen, messen und berechnen ließen, war sein Zweck bei seinen Versuchen: denn nur dies hieß damals für ihn wie für sein Zeitalter: erkennen. Goethe, eine andre Natur, verstand unter Erkennen etwas andres und mußte die knifflichen aufs Berechnen abzielenden Anstalten für zweideutige Versuche halten die Wahrheit zugunsten eines Vorurteils oder Irrtums zu verschleiern, er witterte hinter Newtons Verfahren fast einen moralischen Defekt, mindestens eine intellektuelle Unreinheit, weil er nicht bedachte daß für Newtons Weltgesinnung eben diese Künstlichkeit der einzig richtige Weg war zur Berechnung, d.h. für Newton zur Erkenntnis und zur Wahrheit überhaupt. Aber gerade dieser Weltgesinnung, die auch nach Newton die Wissenschaft beherrschte, mußte nun wieder Goethes Verfahren, wenn nicht unreinlich, so doch pfuscherhaft erscheinen. Für Goethe war nicht nur der Inhalt der Wahrheit etwas andres, sondern schon ihre Form. Er kam an die Farben heran vom Sehen, und suchte darin nicht berechenbare und zerlegbare Objekte, sondern Wirkungen einheitlicher Kräfte: „Taten und Leiden des Lichts“. Unter diesem Gesichtspunkt, mit diesem Willen ordnete er die einzelnen Erscheinungen, und Wahrheit war für ihn in diesem Fach nicht Einsicht in die Zusammensetzung und die Verhältnisse der Farben, sondern ihre Entstehung, ihre Wahrnehmung, ihre Wirkung mit Bezug auf den Menschen, das Wechselverhältnis von Sehen und Licht, von Subjekt und Objekt, insofern es sich durch Farben äußert. So mußte er das Vorkommen der Farben in der Gesamtnatur untersuchen und die Wirkung ihres Gewahrwerdens auf den Menschen durch die gesamte überlieferte Geschichte verfolgen. Das Phänomen der Farbe zu begreifen in steter Beziehung zum Menschen, sofern der Mensch ein auf Natur reagierendes und der Natur angehöriges Wesen ist: das war sein Begriff der Wahrheit, sein Wille zur Wahrheit in diesem Gebiet. So untersuchte er, stets geleitet von seinem Weltgefühl, welchem Subjekt und Objekt als gesetzliche Entsprechungen gegeben waren, erst die Bedingungen der Farbe durch das lebendige Subjekt d.h. das Auge, dann die Manifestationen der Farbe im Subjekt: physiologisch . . zwischen Subjekt und Objekt: physisch.. und an den Objekten: chemisch. Im Anschluß daran untersucht er den Gebrauch den die Natur von ihrem Farbenvorrat macht, die koloristischen Prinzipien der Natur bei der Ausstattung ihrer bunten Geschöpfe, Pflanzen, Tiere, ferner die sinnlich sittliche Wirkung der Farbe auf die Menschen, immer eingedenk daß Erscheinung und Wirkung Objekt und Subjekt gemeinsam voraussetzen.

Bedingung, Erscheinung, Wirkung der einheitlichen Naturkraft sofern sie, für ein bestimmtes Organ des Menschen, als Licht und Farbe lebt und erlebt wird, d.h. tut und leidet: das ist der Gegenstand des didaktischen Teils der Farbenlehre. Der polemische Teil hat die Aufgabe, kraft dieser dynamischen Auffassung des Lichts die Enge, Willkür und- Knifflichkeit der mechanischen, rechnenden darzutun, kurz, die Goethische Wahrheit, gegründet auf Anschauung der Natur als erscheinender und wirkender, gegen die Newtonische Wahrheit, gegründet auf Berechnung der Natur als erschienener und geordneter durchzusetzen. Der historische Teil endlich soll das Verhältnis des menschlichen Geistes zur Erscheinung und Wirkung der Farben in der Geschichte verfolgen.

Goethes Kampf mit Newton, der nicht nur wissenschaftlich interessant ist, sondern biographisch für ihn folgenreich geworden ist (deswegen behandle ich ihn an dieser Stelle) ist also ein Kampf nicht nur zweier Theorien, sondern zweier gegensätzlicher Seharten, zweier Weltgefühle. Will man es auf die knappste Formel bringen, so sage man: Goethe sah und suchte die Wahrheit als Erscheinung und Wirkung . . Newton als Zahl und Verhältnis. In den beiden Worten Erscheinung und Wirkung liegt schon das Geheimnis der Aktivität, des Werdens: denken wir an die aktivische Endsilbe ung, sie drückt den Doppelsinn des Goethischen Gedankens aus: „Erscheinung“ ist zugleich Gestalt und Geschehen, der Akt und das Ergebnis des Erscheinens .. ebenso Wirkung. Goethe hatte sein Augenmerk immer zugleich auf das Gewordene und das Werden gerichtet, er sah Gewordenes unter der Form des Werdens. Das Werden aber ist nicht berechenbar, nur entwickelbar und deutbar. Erscheinung und Wirkung sind ferner nicht denkbar ohne den welchem erscheint und auf welchen gewirkt wird: ohne den Menschen. Damit ist gesagt daß Goethe Erscheinung und Wirkung in stetem Hinblick auf das Subjekt beobachtete und behandelte, also nicht nur die Farben, sondern auch das Sehen.

Seine Methode der Forschung, als einer steten gesetzlichen Vermittlung zwischen Objekt und Subjekt, entwickelt er in dem Aufsatz »Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt«. Den schwankenden und betrüglichen Anteil gesetzlich abzugrenzen mit dem das Subjekt schon beim Machen der Erfahrung, beim Sammeln des Materials auf die Erscheinungen einwirkt oder von ihnen Einwirkungen erleidet, das Subjekt gegen Überwältigung durch die Objekte, die Objekte gegen die Vergewaltigung durch das Subjekt sicherzustellen, die Grenzen des Subjekts und des Objekts, beide von der Natur gezogen, nachzuprüfen: das war für ihn die Aufgabe des Versuchs. Goethe zog ja beim Forschen auch das forschende Organ in den Kreis der Naturbetrachtung. Newtons Versuche galten, ohne Nachprüfung des subjektiven Anteils, nur den Objekten: die spannte er auf die Folter und fragte sie, gewiß daß sie ihm Wahrheit antworteten, wenn nur die Folter richtig funktioniere, während Goethe die Wahrheit nicht von der Folter, sondern von der Fragestellung erwartete. Vorgefaßtes System und Isolierung der Versuche, die Gefahr des Forschers der seine Vernunft und Sehorgane als fertig und richtig hinnimmt, wie es der Mathematiker Newton tat, statt ihren Anteil mitzuprüfen, war die Gefahr vor der Goethe warnte: „In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als isolierte Fakta ansehen, so wird dadurch nicht gesagt, daß sie isoliert seien.“ Darum drang er auf Vermannigfaltigung, auf genaue Folge der Versuche, um das Urteil vor erschlichenen Argumenten zu sichern, vor voreiligen Schlüssen, um den Experimentator selbst gleichsam zu objektivieren, um seine Erfahrungsweise dem zu Erfahrenden anzugleichen.

Newton hatte es mit einer fertigen, objektiv gewordenen, ein für allemal geordnet daliegenden Welt zu tun, zu deren Erforschung Gott die Mittel gleichfalls wie fertig geschmiedetes Handwerkzeug dem Menschen in den Kopf gelegt. Daß auch hier bei jeder Erscheinung ein neues lebendiges Geschehen und Bemühen statthabe, daß Forschen nicht ein Anwenden fertiger Denkapparate auf fertige Gegenstände, sondern ein frisches Aufnehmen frischer Einwirkung sei, war Goethischer Glaube, und indem Goethe dem Sehen des Werdens zu seinem Recht verhelfen wollte, störte er die Kreise der Berechner des Gewordenen. Er schien ihnen ohne das mathematische Handwerkszeug weder zu wissen was der Gegenstand der Erkenntnis sei noch wie man demselben sich nähere. Daß ein Nichtmathematiker Optik treibe, hat von vornherein ihn verdächtig, ja lächerlich gemacht. Optik galt als mathematischer Bezirk.

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