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2015-10-15

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Natur Seite 83



NATUR

Mit diesem Stab durchmaß Goethe die Natur, und zwar zunächst praktisch, insofern sie mit seinem Kunststudium zusammenhing. Unter der Hand wurde ihm das Mittel zum Selbstzweck, und die Erkenntnis des Sichtbaren an sich fesselte ihn, und seiner Anlage nach ließ ihm auch das Sichtbare keine Ruhe, bis er ihm eine Erklärung, d. h. eine Einsicht in seine Kräfte und Bedingungen abgenötigt. Das Studium der menschlichen Gestalt führte ihn wieder zur Anatomie, worin er zu Rom Unterricht nahm. Das Interesse für das Material der Bildhauer führte ihn über das Studium der verschiedenen Marmorsorten tiefer in Mineralogie und Geologie hinein, und er getraute sich nicht eine Landschaft zu verstehn, wenn er nicht die Lagerung ihrer Erd-und Bergschichten, den Lauf ihrer Gewässer, die Struktur ihres Bodens genetisch ergründet hatte. Wie Bedürfnisse der Malerei ihn zu Optik oder Farbenlehre führten, ist erwähnt. Der Blick des Landschafters wies ihn auf die Gestaltung und Bewegung der Wolken und auch hier vertiefte er eine halbdichterische Deutung der Luftbewegung bis zu einer wissenschaftlichen Meteorologie, an welche sich eine Formenlehre des Luftreiches anschloß, ebenso wie Knochenlehre und Farbenlehre Auszweigungen der einen Goethischen Tendenz, ein Einfaches, Göttlich Urtümliches, der Bewegung und Entwicklung Fähiges durch mannigfache von der Natur selbst gesetzte Schranken bedingt, sei es gesteigert, sei es gehemmt, immer aber gestaltet und umgestaltet zu sehen. So schrieb er der Erde — der Gedanke war ihm schon bei der Fahrt über den Brenner „aperucartig“ gekommen — eine ein? und ausatmende Tätigkeit zu, eine Systole und Diastole (wie seine Bezeichnung dieser seiner gesamten Naturlehre wesentlichen Vorstellung ist) und leitete daraus die meteorologischen Erscheinungen ab.

Es ist hierbei für Goethes griechischen Instinkt bezeichnend daß er bei der Erklärung des Wetters nicht über die Erde in den Weltraum hinausgreifen, sondern alle Lufterscheinungen auf terrestrische Einwirkung zurückführen wollte. „Er stehe fest und sehe hier sich um“, das war auch in diesem Fall seine Gesinnung. Die Erde empfand er als ein kugelhaft in sich abgeschlossenes Lebewesen, gleichsam mit einem eignen körperartigen Organismus und eigner Atmosphäre, die er durch eigne Normen tätig und leidend wissen wollte, ohne willkürlich maßlose und zufällige Eingriffe aus dem unermeßlichen und gestaltlosen Weltraum. Mit andren Worten: seine Vorstellungsart war selbst bei Betrachtung der anorganischen Naturreiche, der Luft und der Steinwelt, wesentlich bedingt durch das eigentliche Körpergefühl, auch hier war ihm der menschliche Organismus, die begrenzte in sich abgeschlossene, aber von inneren eignen Bildungskräften erfüllte Gestalt, das Maß, ja das Bild der Erscheinungen.

Seine ganze Naturlehre ist die ins Theoretische projizierte, auf alle Natur reiche angewandte Umsetzung eines mit seinem Leib schon gegebnen Instinkts, der ihn bis in die entlegensten Forschungen hinein führte, und dieser Instinkt war eben der griechische, wie er sich in dem Wort avd QioTtos (griechisch) manifestiert, auf deutsch: der Leib ist die Grundlage unsrer Erkenntnis, der Sinn der Welt. Goethes Unmöglichkeit bei der Entstehung der Erde sich vulkanische Gewalt wirksam zu denken, bei der Entstehung des Wetters siderische Einflüsse zuzugeben, bei der Farbenlehre eine mechanische Teilung des Lichtes, alles hat denselben positiven Grund in seinem Körpergefühl, welches einer inneren Bildungskraft mit dem Trieb zu sukzessiver Gestaltung und Verwandlung versichert war. Das Anorganische erkannte Goethe wohl widerwillig an, aber es erleben und ihm Einfluß auf seine Erklärung der Erscheinungen zugestehen konnte er eigentlich nicht, da auch in seinen Theorien sein körperhafter Künstlerinstinkt zu mächtig wirkte.

Goethe dachte nicht mit dem isolierten Gehirn, sondern mit dem ganzen Leib, und der stand unter jenem griechischen Imperativ. Aus seinem Körpergefühl heraus wehrte er sich gegen die Annahme eines Gotts der von außen stieße, das All im Kreis am Finger laufen ließe. Aus dem Gefühl einer inneren durch sich selbst göttlichen Bildungskraft, die kein Gesetz, sondern nur Bedingnisse und Stoff von außen empfange, wehrte er sich gegen jede teleologische Deutung des Naturgeschehens. Zweck sein selbst war ihm jedes Geschöpf, wie es dem gesunden Körper gemäß ist sich zu fühlen als ein von innen nach außen wachsendes, nicht ein von außen her zusammengesetztes und aufgezogenes Wesen.

War also jenes Körpergefühl Goethes schon der anorganischen Natur gegenüber so mächtig, daß er in Meteorologie, Farbenlehre und Geologie auf organische Deutungsarten, oder wenigstens Analogien angewiesen war, so war er im Bereich der organischen Welt erst recht bei sich zu Hause, und hier konnte er noch unbefangener und ungezwungener das Grundgefühl das ihn mit der Natur verknüpfte in wissenschaftlichen Symbolen aussprechen. Die Lehre von der Bildung und Umbildung organischer Naturen, die ihn als Botaniker auf die Entdeckung der Pflanzenmetamorphose, als Anatomen auf die Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens führte, ist noch entschiedener als seine Meteorologie, seine Geologie und selbst die dem Umfang nach gewichtigere Farbenlehre mit der Mitte seiner Existenz verbunden. In der anorganischen Naturwissenschaft fand er für sein Weltgefühl bedeutende Analogien oder Allegorien, in der organischen die faßlichsten Symbole.

Die beiden Entwicklungslehren, von Tier und Pflanze, sind Anwendungen der einen Anschauung: daß die bildende Kraft aus einem einzigen Organ, verschiedenen Bedingungen gemäß, die verschiedensten Formen hervorbringe: die Entwicklung der Mannigfaltigkeit aus dem Einfachsten, durch Stufen und Grenzen hindurch. Die Betrachtung eines zerborstenen Schafsschädels auf dem Lido in Venedig vermittelte ihm das Apercu, oder vielmehr erhellte ihm die Ahnung zum schauenden Bewußtsein, daß alle Formen des Knochenbaus Umbildungen und Anwendungen des Wirbels seien. Durch die ganze Reihe der Wirbeltiere bis zum Menschen hinauf verfolgte er das Gesetz und die Bedingungen dieses Bildungsprozesses, immer geleitet von dem Gedanken (wiederum nur Umsetzung seines Körpergefühls) daß die Natur ihre Formenfülle aus einem einfachen Prinzip, von einer göttlichen zentralen Kraft her erziele durch selbst geschaffene Hemmungen, Bedingungen und Stufen.

Auch die Pflanzenmetamorphose ging ihm nach stufenweiser Erleuchtung endlich in Sizilien zu voller Gewißheit auf: auch hier waltet die Anschauung einer Urform, besser einer formenden Urkraft welche einerseits die verschiedenen Teile der Pflanze selbst als Einheit durchdringe, zur Mannigfaltigkeit entwickle, anderseits dem ganzen Pflanzenreiche als gemeinsamer Typus, als Urpflanze zugrunde liege. Man darf nun freilich diese Urpflanze, dies Urtier mehr als eine Deutung des Angeschauten denn als eine Entdeckung im exakt wissenschaftlichen Sinn ansprechen.

Beide Konzeptionen, begründet mit einem außerordentlich umfangreichen Anschauungsmaterial und einer gegenständlich klaren Deduktion, gehören mehr der Philosophie, mehr der Deutung der Erfahrungen als der Erfahrung selbst an. Das hat schon Schiller betont bei jenem Gespräch worin Goethe ihm die Urpflanze entwickelte: »Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.« Das hat auch zu allen Zeiten die Einwände der sogenannten exakten Wissenschaft gegenüber Goethes Lehrenbegründet. Aber der Unterschied der Goethischen Naturphilosophie von derjenigen der Schelling, Hegel, Steffens ist der daß seine Ideen nicht aus einem anderweitig konzipierten Begriffssystem in die Erscheinungen hineingedeutet, sondern aus den tief und gewissenhaft erforschten Erscheinungen herausentwickelt wurden, auf Grund seines Lebens mit und in den Erscheinungen. Er sah in den Erscheinungen, in den Erfahrungen Symbole erlebter Kräfte, nicht Allegorien von erdachten Begriffen. Wenn er sich so gegen die apriorisch konstruierende Naturphilosophie abhob, so hatte er auch das Recht sich gegen die selbstgenugsamen Empiriker zu wenden, welche nur Erfahrungen machen und darstellen wollen, ohne zu wissen wieviel Idee, ja System jede zu machende Erfahrung schon voraussetzt, jeder gemachten und ausgesprochenen, vollends in einen Zusammenhang mit andren gebrachten Erfahrung schon zugrunde liegt. Wie er keinen absoluten von den Sinnen unabhängigen Geist anerkannte, so auch keine absoluten vom Geist unabhängigen Fakten. Der Gegensatz zwischen Erfahrung und Idee bestand für ihn praktisch nicht, da er aus der Anschauung selbst schon die Deutung zog, da sein „Denken gegenständlich war, sich nicht von den Gegenständen trennte“. da er, mit andren Worten, symbolisch sah: im einzelnen Fall das Allgültige mit seinen Abweichungen, in Millionen Fällen die Modifikation des einheitlichen Gesetzes. Seine Naturphilosophie ist also zugleich verknüpfende und durch Bezug auf ein Gesamterleben der Welt vertiefte und erleuchtete Erfahrung, nicht Anwendung von Begriffen auf Erfahrungen, auch nicht eine bloße Isolierung und Aneinanderreihung isolierter Erfahrungen. Er erfuhr von innen nach außen, nicht umgekehrt.

Zu den aus der Erfahrung symbolisch abgeleiteten Ideen womit Goethe das Ganze der Natur deutete gehören die Polarität und die Steigerung, die er selbst als die Haupttriebräder der ganzen Natur bezeichnet und als das glückliche Ergebnis seiner vertieften Naturkunde in späteren Jahren gepriesen hat. Er schreibt darüber 1828 in dem Rückblick auf seinen aphoristischen Aufsatz „die Natur“ und die Fortschritte die er seitdem in der Naturerkenntnis gemacht hat.

Da Goethes Reise nach Italien der Wendepunkt von der ahnenden zur anschauenden Naturforschung ist, so sei hier zusammengefaßt was sich auf die seelische und geistige Bedeutung von Goethes Naturforschung, auf seine innere Stellung zur Natur, auf seine Methode des Sehens bezieht, kurz auf die Form seiner Forschung. Auf den materiellen Inhalt seiner einzelnen Untersuchungen, geschweige auf die wissenschaftliche Richtigkeit oder Haltbarkeit seiner Ergebnisse kann ich nicht eingehen: seine Naturforschung ist nach dem Plan dieses Werks als Anwendung einer Goethischen Kraft, nicht als Aufreihung von sachlichen Ergebnissen zu behandeln.

Als Erfüllung seiner Naturkunde, wie sie erst Italien ihm gebracht, bezeichnet Goethe die Polarität und die Steigerung, „jene der Materie, insofern wir sie materiell, diese ihr dagegen, insofern wir sie geistig denken, angehörig; jene ist in immerwährendem Anziehen und Abstoßen, diese in immerwährendem Aufsteigen.“ Bei seinen Betrachtungen der anorganischen Natur wurde Goethe mehr von dem Prinzip der Polarität, bei denen der organischen mehr von dem Prinzip der Steigerung geführt. Systole und Diastole, aktive und passive Farben, Aus« und Einatmen, Ebbe und Flut, Licht und Finsternis, Männlich und Weiblich, Schwere und Ausdehnung: all das gehört in den Kreis der Polarität. Alle Erscheinungen des Wachstums, viele der Bewegung gehören in den der Steigerung. Gehen wir auf den Grund in Goethes Erlebnisart und Sehart aus dem jene Prinzipien, jene Deutungen wachsen, so kommen wir abermals auf sein Körpergefühl. Ei; empfand sich erstens als ein Wesen das aus Gegensätzen bestehe und zur Einheit und zum Ausgleich strebe, und zweitens als ein Wesen das wachse und steige. Dies war seine Grundgegebenheit, und von dieser Grundgegebenheit aus erlebte er das Ganze der Welt. Was er in sich mächtig fühlte das projizierte er in die Natur und auch hier erkennen wir seine Wissenschaft als eine tiefsinnige Umdeutung seines urgegebnen Mikrokosmus in einen Makrokosmus.

Seine Natur ist mit der Gottnatur eine konzentrische Kugel. Und so erklärt sich seine einzige Stellung innerhalb der Naturwissenschaft überhaupt: daß er zugleich in den Dingen lebte und ihnen als Beschauer gegenübersteht. Sie sind für ihn nicht nur Gegenstände sondern auch Zustände. Er hat sein Dichtertum auch als Forscher nicht verleugnet, und seine naturforscherlichen Ideen sind nicht die Begriffe sondern die Mythen des Naturgeschehens. Er sagt einmal etwa: »die Griechen brachten die großen Wahrheiten der Welt in Götter, wir bringen sie in Begriffe« und er war weit entfernt dies letztere als einen Fortschritt zu preisen.

In seiner eignen Naturforschung ist noch jenes Griechische wirksam, und wie sehr in ihm die uralte Einheit, nicht nur Verbindung, zwischen mythischem und wissenschaftlichem Weitblick vollzogen war, ähnlich wie in den jonischen Naturphilosophen, wie sehr Dichter und Gelehrter in ihm ein und dasselbe war, bezeugen seine beiden Lehrgedichte Metamorphose der Pflanzen und Metamorphose der Tiere. Goethes persönliche Erfahrung und Empfindung ist hier ausgeweitet zur umfassenden Deutung der Natur, die zärtliche Dichteregung zur klaren Überschau entwickelt, seine Liebe ist zum hellen Wissen geworden. Beide Gedichte lassen ahnen was das große Lehrgedicht über die Natur, das Goethe als dichterische Zusammenfassung seiner Naturerfahrungen geplant hat, geworden wäre. Sein antikes Muster Lukrez würde er hier ebenso durch warme Beseeltheit und tiefe Symbolik übertroffen haben, wie den Euripides durch seine Iphigenie. Für Lukrez ist bezeichnend eine gewisse sachliche Heftigkeit und gedrungenes römisches Feuer: er schrieb nicht aus der Liebe zur Natur, sondern aus einem Schauer, ja aus dem Gegensatz des schicksalhaften Menschen gegen das großartig schicksallose All. Goethes Naturdichtung setzt die Einheit von Mensch und All voraus und dient zu ihrer Verherrlichung.

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