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2015-10-23

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Rückkehr Seite 94



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Soviel von den Gründen wodurch Goethe bei seinem Wissenschaftlichen Hervortreten in Gegensatz gegen die katheder-und Zeitschriften-beherrschende Wissenschaft geriet. Zurückkehrend zu dem Gang seiner Lebens- und Geistesentwicklung, fragen wir nach der Wirkung von Goethes wissenschaftlichem Hervortreten. Diese Wirkung war negativ: dem vereinzelten Zuspruch entfernter Freunde, der sich aber auch mehr auf einzelnes glückliches Detail als auf das Ganze der Goethischen neuen Naturanschauung bezog, stand breite Gleichgültigkeit und Ablehnung, ja gehässige Mißachtung gegenüber, bei der ganzen Fachwelt. Die meisten begriffen überhaupt nicht was der Dichter wollte, oder wer es begriff fand den Widerspruch gegen Newtons Lehre anmaßend, die in der mathematisch physischen Wissenschaft kaum geringerer Glaubwürdigkeit und Sicherheit sich erfreute wie etwa die Keplerischen Gesetze. Newtons Farbenlehre galt nicht als eine Sehart, oder als ein heuristisches Prinzip, sondern als mathematisch bewiesene Wahrheit, und ein Dichter oder Maler der auf Grund irgend welcher Kompositionsprinzipien oder poetischer Gefühle gegen die Riechtigkeit des pythagoräischen Lehrsatzes Zweifel erhoben hätte konnte nicht unfreundlicher empfangen werden als Goethe.

Auf Goethe wirkte diese kalte und gehässige Aufnahme mit der Kraft eines neuen Erlebnisses zurück, und dies neue Erlebnis, nach Goethischer Weise wieder in Haltung und Leistung umgesetzt, ist es was uns hier eigentlich angeht: denn es ist eine der größten Erfahrungen über die menschliche Art und die gesellschaftlich geistigen Zustände die er in seinen späteren Jahren noch am eignen Leibe zu machen hatte, und nur am eignen Leib erfahrene, nicht an Andren beobachtete Erscheinungen sind fruchtbar. Goethe hat bekannt daß er über gewisse gehässige Seiten der Menschennatur, über Neid, Dünkel und Borniertheit besonders in der Gelehrtenwelt niemals ins Reine gekommen wäre ohne seine wissenschaftlichen Bemühungen. Er war auch dafür dankbar . . und es war, so schmerzlich ihn diese neue Erfahrung zuerst treffen mochte, nicht seine Art lange darüber zu greinen, er ordnete auch diese sofort produktiv theoretisch und praktisch in sein Weltbild ein, als Erkenntnis wie als Verhaltungsmaßregel. Der Gelehrte als zunftbedingtes Geschöpf war seiner Typensammlung ein wertvolles neues Exemplar.. und nach dem trocknen Stubengelehrten Wagner, dessen achtbares und gutartiges Bild unsterblich durch die Jahrhunderte geht, konnte er aus langgesammelter, mit gründlicher Autopsie genährter Verachtung die gleich unsterbliche Schilderung der ganzen Zunft als solcher in sein Weltgedicht aufnehmen: „Daran erkenn ich den gelehrten Herrn“..

Goethe, seines redlichen Forschens sich bewußt, der überzeugenden Klarheit seiner Darlegung sicher, ganz Gewissenhaftigkeit, ganz Eifer, den Fakten rein und ohne selbstischen Hintergedanken hingegeben, sah sich von der Zunft als Pfuscher oder Schwärmer mißachtet, seine Sehart als Unwissenschaft, sein Verfahren als Spielerei verdächtigt, und dabei auf der andren Seite weder eine gründliche Nachprüfung der Versuche noch überhaupt ein reines Bemühen um Erkenntnis, wie es ihm selbstverständlich war, sondern bequemes Festhalten am einmal ergriffenen System, Nachbeten und Nachlernen altgelehrter Sätze, jurare in verba magistri, Glaube an Worte ohne Anschauung, wenn nicht gar außerwissenschaftliche Motive wie Furcht, Neid, und Dünkel, gegenseitige innere und äußere Abhängigkeiten, und dadurch ein Inveteraszieren von Irrtümern bei denen viele ihren Vorteil oder ihre Ruhe gefunden hatten oder zu finden hofften: all diese typischen Phänomene des wissenschaftlichen Reichs gingen ihm durch sein Eindringen in diese Grenzen mit unerfreulicher Klarheit auf, trafen ihn mit mehr als bloß intellektueller, mit seelischer Macht, und ließen ihn bei tiefer Ehrfurcht vor der Wissenschaft fortan ein wohlbegründetes Mißtrauen gegen ihre Vertreter hegen.

Aber was er durch sein wissenschaftliches Bemühen öffentlich und im Großen erfuhr, den ersten entschiedenen Widerstand der Welt gegen sein Wesen und Wirken, die sachliche Erfahrung die er als junger Genius im Götz und Prometheus innerlich vorweggelebt hatte, ist nur ein Symptom für die veränderte Stellung der Masse, des Publikums, ja der Gesellschaft gegen ihn überhaupt, nach seiner Rückkehr aus Italien. Wie er innerlich umgeformt wurde durch Italien haben wir gesehen. Wir müssen einen Blick werfen auf die Art wie die Welt diesen verwandelten Goethe zunächst empfing und wie dieser Empfang auf ihn wiederum zurückwirkte. Denn wenn wir es bei dem voritalienischen Goethe wesentlich mit seiner Innerlichkeit zu tun hatten, so haben wir jetzt seine Wirkung zu betrachten, sofern sie Gegenwirkung in ihm selbst erzeugt: das Verhältnis zur Außenwelt hatte sich ja gerade durch Italien gewandelt . . was ihm früher Stoff war wird ihm jetzt zu Gesetz. Indem erWiderstand erfuhr, hatte er sich danach einzurichten mit seiner innern Ökonomie.

Seltsames Schicksal! der junge kampflustige, hochmütig ausfahrende, im selbstigen Schöpfertrotz unbekümmerte Genius, der Übertreter der Regeln und Konventionen, hatte die Gesellschaft die er beleidigte verführt, das Publikum um das er sich nicht kümmerte hingerissen und die Menge die er verachtete überwältigt. Der einsame und eigensinnige Titan der Wetzlarer Jahre war vergöttert von einem Schwarm von Anhängern, war der Führer einer literarischen Generation, von den Älteren bekrittelt oder bekopfschüttelt, aber, nach dem europäischen Ruhm des Werther, keinem gleichgültig, in Hingabe und Widerstand bezaubernd, Überwinder jeder Kälte und Feindschaft. Der durch Italien gereifte Goethe, gerechter gegen die Mitmenschen, mit dem lautersten Willen zur Einordnung, ja zur Unterordnung, zur Anerkennung der Grenzen und Eigenheiten, zur geselligen Selbstbeherrschung, ja zur entsagenden Bescheidenheit, mit der klaren Einsicht in das Wahre und Nützliche und dem Wunsch der Mitteilung, voll froher Hoffnung den heimischen Freunden seinen neuen Reichtum auszuspenden, streng gegen sich und schonend gegen Andre, wenn auch ihren Ernst und Fleiß fordernd: dieser verwandelte Goethe, aus dem gelobten Land zurückkehrend in seine gedrücktere Umgebung, fand die Freunde betreten über seine maßvolle Haltung, enttäuscht über seine leisen und stillgeformten Dichtungen, gleichgültig und bis zur Abwehr verständnislos für seine Naturforschungen. Beim großen Publikum fast verschollen, oder verdrängt durch die lauten agitatorischen Verkünder allgemeiner Ideale, wegen seiner Ruhe als kalt verschrien, wegen seiner Objektivität und Wissenschaftlichkeit wenn nicht als Sonderling so doch als Apostat seines eigene liehen gefühlvollen und begeisterten Genies mißbilligt, von der angebeteten Geliebten selbst mit Gehässigkeit wie sie aus enttäuschter Liebe kommt empfangen, mit Eifersucht wegen einer körperlichen und häuslichen Liebschaft geplagt und als Fremdling empfunden, so trat er wieder in die Heimat ein.

Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen,
Da ich dich kenne, bin ich fast allein — 

dieser Anruf an die Muse fand jetzt seine bittre Bestätigung. Was Goethe bei und nach seiner Rückkehr durch diese Enttäuschung gelitten, die ihm ein Lebenshoffen, ein Ziel seiner Selbstzucht verkümmert hat — das fruchtbare Bildungsleben für und mit Gleichgesinnten — können wir nur ahnen, vor allem aus dem Tasso: in dies Werk sind noch die verhaltenen Schmerzen seiner Enttäuschung eingeströmt. Leidenschaftliche Ausbrüche, Klagen und Herzensergießungen, wodurch nichts geändert worden wäre, hatte er sich verboten. Doch als alter Mann hat er gestanden, er habe seit der Rückkehr aus Italien kein volles Glück mehr empfunden . . d. h. nicht mehr das Glück das in der unbehinderten Auswirkung unserer Lebenskräfte besteht, sei sie lust-sei sie schmerzvoll. Nach der Rückkehr aus Italien hat Goethe freiwillig und unfreiwillig entsagt: das liebefähigste Herz hat sich nie mehr völlig hingegeben, der sprachbegabteste Mund hat sich nie mehr völlig ausgesprochen. Er hat schweigen, ablehnen, mißtrauen und abbiegen gelernt, und bald als Exzellenz, bald als Olympier Schutz gesucht nicht nur gegen die Gluten seines Innern, sondern auch gegen die Nichtigkeiten seiner Umwelt.

Denn wir können zweierlei Gründe der Goethischen Resignation unterscheiden: die eine ist freiwillig und gehört zu seiner Mäßigung, zur bewußtten Abkehr vom Titanismus, und bedeutet nur den Ausdruck seiner neuen klassizistischen, humanistischen, objektivistischen Kunst«, Lebens-und Geistesgesinnung: Resignation, Selbstbeschränkung jedes Überschwangs als ästhetisches, sittliches, wissenschaftliches Prinzip »In der Beschränkung zeigt sich der Meister«. Aber in dieser Resignation wurde er höchst unwillkommen von außen unterstützt, auch hier wieder ist sein Dämon von einer Tyche begleitet. Was er sich freiwillig vorgenommen hatte, wurde ihm noch durch das Verhalten seines Kreises aufgezwungen, wenigstens in den ersten Jahren nach der Rückkehr, und bekam dadurch für ihn einen schmerzlicheren Beigeschmack. Zu der freiwilligen Resignation seiner titanischen Wünsche trat die unfreiwillige Resignation auf seine humanen Hoffnungen, zur Beschränkung seines Kräftemaßes die Verkümmerung seines Wirkungskreises, zum bereichernden Sollen ein verarmendes Müssen, oder vielmehr Nichtdürfen. Erst Schiller hat ihn von diesem Zustand, wenn nicht dem leidvollsten so doch unbefriedigtsten seines ganzen Lebens erlöst, der erste Mensch der Goethes Daseinsform und Bildungswillen in ganzem Umfang begriff, der einzige der ihm mit persönlicher Großheit entsprach. Diese gezwungene Resignation hatte verschiedene Grade, je nach den Menschen bei denen Goethe auf Mißverständnis und Unglauben stieß. Die Geliebte, die Freunde und das Publikum: das Eigenste, die Nahen und die Fernen waren ihm gleichzeitig entfremdet. Das Schmerzlichste war der Verlust Charlottes.

Eine Liebe hatt ich, sie war mir lieber als alles!
Aber ich hab sie nicht mehr! Schweig, und ertrag den Verlust!

Dies ist die lakonische Grabschrift auf eine zehnjährige Gemeinschaft und sie verschweigt eine Welt von Gram. Man darf in dem Bruch zwischen diesen zwei edlen Menschen nicht nach Schuld suchen. Liebe ist nichts was sich durch Willen bewahren läßt, so wenig wie Jugend oder wie Glauben, sie beruht auch nicht auf der Einsicht oder der Täuschung, sondern auf einer den Liebenden selbst unbewußten Notwendigkeit ihres gesamten Wesens, sie ist — zum wenigsten bei Menschen deren Charakter und Schicksal eines sind und einen gemeinsamen Sinn haben — ein Vorgang wie das Reifen und Welken, die Lösung einer Aufgabe die der Lebenskraft von innen her gestellt ist. Wenn diese Aufgabe sei es durch die Liebe selbst sei es durch ein andres Erleben gelöst ist, so hat sie keinen Sinn mehr und stirbt ab.

Goethe ward durch Italien vollkommener zu dem gereift was er durch Charlotte von Stein zu werden begonnen hatte: Maß, Klarheit und humane Ruhe, die er bei ihr zuerst gesucht und gefunden, hatte er in Italien erst ganz sich angeeignet. Charlottes Erzieherrolle war zu Ende, eine vitale Notwendigkeit war sie ihm nimmer. Nicht daß er sich das bewußt gesagt und nach Wüstlingsart die ausgepreßte Zitrone weggeworfen hätte! So geht das Erlöschen einer Liebe zwischen großen Herzen nicht vor. Er kam zurück mit Dankbarkeit, Neigung, Vertrauen, Verehrung.. nur die bedingungslose leidenschaftliche Hingebung, der Ausdruck eines überschwänglichen Bedürfens, war nicht mehr da, und er konnte keine Empfindung heucheln die er nicht lebte. Und Charlotte war zu feinfühlig um das Erkalten nicht zu merken, zu weiblich unbedingt und nicht Heilige genug um sich mit dem halben Besitz eines solchen Menschen zu begnügen. Eh sie sich mit dem verdünnten Aufguß der Liebe zufrieden gab, wollte sie lieber gleich den Haß und die Entfremdung. Denn der Haß ist der leidenschaftlichen Liebe verwandter als die flaue Zuneigung.

Die gehässigen Äußerungen Charlottes bezeugen die Tiefe ihrer Liebe und ehren sie, und man darf von der beraubten Frau nicht die bequeme Objektivität der hundert Jahre später salbadernden Schulmeister verlangen die über sie richten. Goethe war verwandelt und brauchte sie nimmer, sie war dieselbe und brauchte ihn noch, und konnte nicht aus ihrem Bedürfnis begreifen daß sie ihm sollte entbehrlich geworden sein. Da schob sie ihm denn, verzeihlich und irrig, nach geringerer Weiberart, gewöhnliche Mannsmotive unter, die Goethes in der Weltgeschichte einzigen Umbildungsprozeß verkannten. Das Verhältnis Goethes zu Christiane Vulpius, das Charlottes Eifersucht erregte, ist ein Symptom seiner Resignation, nicht eine Ursache seiner Abkehr von Charlotte.

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