> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG Seite 74

2015-10-08

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG Seite 74




WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG

Wenn die ersten Weimarischen Jahre überhaupt der Selbsterziehung Goethes zum Leben und Wirken mit der gesetzlichen Gesellschaft gewidmet sind, der Ausbildung all der Sinne und Kräfte wodurch man zum Tun und Wirken, nicht nur zum Sinnen und Schaffen tauglich wird, zumal des hellen Umblicks und Durchblicks der menschlichen Verhältnisse, Beschäftigungen und Zustände, so ist sein Roman Wilhelm Meisters theatralische Sendung der literarische Niederschlag dieser Tendenz, das umfangreichste seiner bisherigen Werke und die Verbindung zwischen seiner pathetisch erotischen und seiner Bildungsproduktion: das einzige größere Werk Goethes aus den ersten Weimarer Jahren das vor der italienischen Reise zu einem innerem Abschluß gelangt ist und das Goethische Weltbild einerseits, das Goethische Streben andrerseits in diesem Zeitraum symbolisch festhält. Was er sonst in dieser Zeit selbsterzieherischer Contemplatio und Actio vollendet hat ist entweder Sammlung und Ordnung seines Bildungsstoffs in Natur und Geschichte, oder dichterischer Ausdruck seiner gehobenen Augenblicke des Liebens und Leidens, oder Gelegenheitspoesie im Dienst der höfischen Geselligkeit. All diese Elemente seines Weimarer Lebens haben am Ur-Meister Teil, aber sie erklären und umfassen ihn nicht, sie kommen aus dem Ganzen seiner damaligen Existenz, aber sie stellen sie nicht dar und drücken sie nicht aus.

Goethes Grundtendenz, sein Ich an der Welt zu bilden und mit ihr ins Gleichgewicht zu bringen, das große Problem jener Jahre, ist der Ursprung und der Gegenstand dieses Romans: sein Ausgangspunkt ist nicht mehr wie bei seinen bisherigen Dichtungen ein durch innere Lebensfülle entzündeter Konflikt, sondern eine Lebensart, nicht mehr eine Leidenschaft, sondern ein Streben, und die Welt erscheint nicht mehr als der bloße Widerstand woran oder worin das Ich sich bricht, sondern als ein aktiv bildendes Element: sie empfängt nicht erst Sinn und Wert als Gegenspiel des Helden wie im Götz oder als Spiegel des Helden wie im Werther, sondern hat eine selbständige Geltung und ihre mannigfachen Gestalten und Schichten sind nicht nur das Milieu oder die Ausstrahlung Wilhelm Meisters, die erst durch seinen Charakter und sein Schicksal entstünden oder erschienen, sondern sie sind von vornherein da, unabhängig von ihm und ziehen ihn in ihren Kreis zu gegenseitiger Wechselwirkung: die Handlung entsteht nicht aus der Innerlichkeit des Helden, sie ist nicht die Funktion eines Charakters sondern ein selbständiges symbolisches Geschehen wodurch „Welt“, Gesellschaft sich manifestiert: viel eher sind einige Charaktere die Funktionen der Handlung. Wenn Goethe und Schiller später, wesentlich angeregt durch die Wiederaufnahme der Arbeit am Wilhelm Meister, sich über die Theorie des Romans unterhielten, und man daraus als einen gesetzlichen Unterschied zwischen Epos und Drama abgeleitet hat daß im Drama der Held die Handlung, im Epos die Handlung den Helden trage, so sind solche Feststellungen weniger das allgültige Gesetz als eine Deutung der Konzeption aus welcher der große Goethische Bildungsroman stammt.

Damals war Goethes persönlichstes Problem die Selbständigkeit der Welt und die Wirkung der äußeren, zumal gesellschaftlichen Welt auf einen allseitig bildungsfähigen Menschen — wie das Problem seiner Sturm-und-drang-zeit die Selbstbehauptung seines Ich gegenüber der Welt war. „Erkenne dich, leb mit der Welt in Frieden.“ Damit aber hatte die Welt eine selbständige, ja eine überwiegende Macht bekommen und war als solche in den Gesichtskreis des Schauens und Darstellens getreten wie nie zuvor. War bis zum Werther das große reiche Ich der wesentliche Inhalt der Goethischen Produktion, so ward es jetzt eingefügt in ein Ganzes und nicht mehr als aktives oder passives Zentrum, sondern als Reagens der Welt behandelt. Freilich, die „Welt“ (Welt hier immer im Sinn eines gesellschaftlichen Kosmos angewandt) ward für Goethe nie soweit Selbstzweck, daß das Ich darin ein bloßer Zufall, ein Beiwerk geworden wäre, ein künstlicher Faden an dessen zufälliger Einheit alle möglichen Welterfahrungen ungezwungen zu einer Handlung aufgereiht werden konnten . . derart ist ja der Bildungsroman Goethes von Nachahmern, besonders von Romantikern mißverstanden und zum Weltanschauungsroman umgedeutet worden, z. B. von Novalis. Diese gedankenreichen Geister ersannen sich einen Helden den sie dann durch allerlei mehr oder minder anschaulich als Situationen verkleidete Aphorismen und Gesinnungen durchführten. Nein, Goethes Wilhelm Meister ist, seiner Konzeption nach wenigstens (erst in den Wanderjahren ist es anders geworden) kein verkleidetes System der Weltkenntnis, sondern eine Dichtung, d. h. eine symbolische Darstellung seines eigenen Lebens, und Ich und Welt sind nicht in eine zufällige Verbindung gesetzt, sondern das Wechselverhältnis beider ist die Einheit des Romans: er ist nicht konzipiert aus dem Leiden des Einzelnen an der Welt wie der Werther, sondern gerade aus dem Streben zur Welt und in ihr und dem Weimarischen Erlebnis der Bildung des Ich durch die Welt. Beide Faktoren sind gleich notwendig und untrennbar, beide gleich aktiv und passiv in diesem Roman.

Das Ich des Helden ist allerdings hier nicht von innen nach außen, von der Empfindung zur Handlung gesehn, wie im Werther, sondern umgekehrt. Wilhelm Meister ist nicht in dem Sinn die Verkörperung eines einmaligen Goethischen Konflikts wie Werther, die Distanz zwischen dieser Gestalt und dem Goethischen Erlebnis ist anders . . während bei Werther die spezifische Erlebnisform die Gestalt gezeitigt, ist bei Wilhelm Meister die Erlebnisart symbolisiert, und Wilhelm darf nicht als ein Symbol des Individuums Goethe betrachtet werden, sondern als ein Symbol des Typus dem auch Goethe als bildungsfähiger junger Mensch sich zugehörig fühlt.. der Werther ist vom Ich aus, der Wilhelm Meister vom Selbst aus konzipiert: d. h. im Werther projiziert sich Goethes Subjekt nach außen, im Meister spiegelt er eine schon reflektierte Vision seines eigenen Daseins: er drückt sich nicht aus, sondern er stellt sich dar. Schon in diesem Verfahren aber erkennen wir die Wandlung die Goethe durchgemacht hatte: er war sich selbst zum Objekt, zu einer Anschauung geworden: und die theatralische Sendung ist der erste deutsche Bildungsroman nicht nur deshalb, weil die Bildung eines Menschen (im Goethischen Sinn) hier das erstemal Träger der Charaktere und der Handlung geworden ist, sondern weil er selbst das erste dichterische Produkt solches Bildungsprozesses ist.

Die Romane der Weltliteratur waren bis dahin entstanden aus dem Trieb des Berichtens, des Fabulierens, oder des Belehrens. Auf der einen Seite grenzt die Gattung Roman ihrem Ursprung nach an die Geschichtschreibung und das Märchen, auf der andern, in ihrer späteren Entartung, an den Traktat und die Predigt: der Alexanderroman ist ein Beispiel des ersten, die Clarissa des Richardson der zweiten Art. Abenteuer und Sitten wurden ursprünglich als Selbstzweck zur Beschäftigung der Phantasie geschildert, später als Mittel benutzt um bestimmte Gesinnungen zu propagieren oder zu bekämpfen: erst mit der Renaissance wurden, über Handlungen und Sitten mit oder ohne Nutzanwendung hinaus, menschliche Charaktere als solche Gegenstand der dichterischen Aufmerksamkeit und wie beim Drama auch beim Roman Selbstzweck der Darstellung. Mit den gigantischen Karikaturen des Rabelais fängt es an. Aus der Beobachtungskraft des Satirikers, der Sitten schildern und verspotten will, steigt das Interesse am Menschen selbst: und aus dem satirischen Kampf gegen die abenteuerlichen Ritterromane konzipiert dann Cervantes den ersten Roman dessen Gegenstand der Mensch selbst ist, die menschliche Bedingtheit: mit dem Don Quixote erst wird die Romangattung zu einer im tieferen Sinn dichterischen, d.h. zu einer Form sprachlicher Menschendarstellung: wie es Lyrik, Drama, Idylle und Epopöe bisher schon waren, Träger des seelischen Pathos und des Mythus.

Cervantes hat zunächst nur wenige Nachfolger gefunden, welche den Sinn seiner Leistung begriffen oder unbewußt betätigten: in Deutschland den Grimmelshausen, in Frankreich mit gewaltigem Abstand Scarron, Lesage und Voltaire, in England Fielding. War aber der Roman einmal Gefäß des Menschen, so wurde er bald Gefäß des Ich: die Autoren erkannten in dieser Form die Möglichkeit nicht nur das Handeln und Sein dessen was sie als den „Menschen“ geschaut, erlebt, beobachtet, gedeutet hatten darzustellen, sondern ihr eigenes Fühlen unter dem Vorwand der Romanhandlung auszusprechen. Dies geschah in der Epoche der Aufklärung und Sentimentalität die im nördlichen Europa eine Folgeerscheinung des Protestantismus ist: d.h. der Verselbständigung des menschlichen Subjekts, wie die Renaissance (welcher der Menschenroman seinen Ursprung dankt) die Verselbständigung des Individuums, der Person ist. Subjekt und Person oder „Ich“ und „Selbst“ verhalten sich etwa wie Seele und Leib. Die Begründer des Seelenromans sind Rousseau und Sterne: durch sie grenzte der Roman an die Lyrik, ward zu einem Vorwand der Ichdarstellung, das Ich nicht mehr gefaßt als allgemeines Symbol des wesentlichen Menschentums überhaupt, wie im Simplizissimus des Grimmelshausen (oder in Bunyans Pilgerfahrt) sondern als eine spezifische Person, die des Autors. Goethes Werther hat in Deutschland das erstemal das Wesen und Leiden eines bedeutenden Ich im Roman symbolisch behandelt: innere und äußere Handlung, Subjekt und Individualität, Charakter und Konflikt nicht nur, wie Rousseau und Sterne, mehr oder minder willkürlich verknüpfend, sondern vereinigend: Handeln und Leiden sind hier das erstemal in der Romanliteratur notwendige Auswirkungen eines Seins, und dies Sein ist das Sinnbild des Dichters selbst: die lyrischen Elemente seines Wesens haben im Roman sich symbolisiert.

Mit Goethes Werther ist die Verpersönlichung des Romans vollendet und auch die Romangattung ganz in den Kreis der Selbstdarstellungen des modernen Menschen hineingezogen, das moderne Ich Gegenstand der Erzählung geworden. In seinem zweiten großen Roman, Wilhelm Meisters theatralische Sendung, scheint sich Goethe auf den ersten Blick wieder dem alten Handlungs-und Abenteuerroman zu nähern, ja, der besondem Spielart des Schelmenromans die Scarron in seinem Komödiantenbuch gezüchtet, und sich der lyrischen Identität zwischen Erlebnis und Erzählung, Dichter und Träger der Erzählung zu entschlagen. Aber nur scheinbar: nicht so sehr das Verhältnis zwischen Erlebnis und Erzählung hat sich geändert als das Erlebnis Goethes selbst. Im Werther handelte es sich um ein Sein und daraus folgendes Leiden, im Meister um ein Werden und daraus folgendes Streben. Schon die Titel zeigen es an: Werthers Leiden und Meisters Sendung. Der Mensch der aus diesem Erleben die beiden Romane entwickelte war derselbe geblieben und sogar die Aufgabe seines Gestaltertriebs war die gleiche: aber sein Leben sah er jetzt von einer andren Stufe aus und alles gliederte sich jetzt um einen andren springenden Punkt. In seinen ersten Weimarer Jahren brannte ihn etwas anderes auf den Nägeln als in seinen Wetzlarer: aber beide Male dichtete Goethe nicht aus einem abstrakten Problem heraus, sondern aus der Notwendigkeit der Selbstgestaltung. War zur Wertherzeit die große Frage seines Daseins »Wie ertrage ich die Fülle des Seins, der Liebe und Sehnsucht« so war er jetzt vor die Frage gestellt »Wie entwickle ich meine Kräfte an der äußeren Welt in die ich gestellt bin?« Was war ihm in Wetzlar gegeben? sein überströmendes Genie und eine unerreichbare Geliebte: dies ist der Keim zum Wertherkonflikt. Mannigfaltiger war der Aspekt den ihm der Blick auf sein Dasein in Weimar bot: der Vor und Rückblick über seinen eigenen Weg war selbst ein Element seiner damaligen Begabungen, seine Begabungen empfand er als mannigfaltige Pflichten und Richten, und die Außenwelt war ihm nicht in eine Geliebte konzentriert, sondern divergierte nach allen Seiten als Hof, Amt, Theater, Gesellschaft, Natur und Wissenschaft — als ein vielfältiger Umkreis von Anregungen, Bedingungen, Hemmungen und Erfahrungen. Nicht mehr in ein explosives Erlebnis zusammengepreßt empfand er sein eigenes Selbst, sondern als ein Sichausbreiten, ja Zerrissensein, nicht mehr als dichtes Begehren auf einen Punkt hindrängend, sondern als Vagieren, Dilettieren, Suchen, Sammeln — Streben. Nicht mehr um Tod und Leben handelt es sich, das von einem Punkt aus entschieden wird, sondern um die möglichen Formen des Lebens — und Leben war nicht mehr ein Seelenzustand, sondern ein Stoff des Ich. Die Welt war nicht mehr bloß die Negation des schöpferischen Ich aus deren Begegnung Sein oder Nichtsein sich ergibt, sondern ein Ich-bildender Faktor, und nicht mehr der Konflikt, sondern die Entwicklung war die Ausdrucksform des Helden. Entwicklung statt Konflikt, Bildung statt Erschütterung, Streben statt Begierde: das war die neue Haltung in die Goethe vom Werther zum Meister gewachsen war, und sein Urerlebnis war nicht mehr das Wesen der eigenen Genialität, d.h. Lebensfülle, sondern das Werden des eignen Charakters, d. h. Lebensform men. Es kam ihm also bei der Konzeption des Romans weniger auf den Konflikt an durch den ein eigentümliches einzigartiges Ich untergeht, als auf die Normen unter denen ein Ich überhaupt der Welt gegenüber sich behauptet und bewährt. Somit hörte die „Welt“ auf bloßer Hintergrund zu sein und ward zur bildenden, nicht nur zur vernichtenden oder hem* menden Wirklichkeit.





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