> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG Seite 76

2015-10-10

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG Seite 76




Doch ist das Dämonische hier nicht in den Helden hineingelegt, nicht als eine schicksalhafte Leidenschaft gegeben, sondern umgesetzt in selbständige Gestalten: Mignon und der Harfner sind die Verkörperung alles dessen was im damaligen sich klärenden, sozialisierenden Goethe an Unberechenbarem, Ahnungsvollem,Übergesellschaftlichem, Dämonischem wirkte. Ohne diese beiden Gestalten wäre der Wilhelm Meister ein Gesellschaftsgemälde wie die Balzacs oder ein künstlerischer Bildungsroman wie der grüne Heinrich, oder ein philosophischer, wie die der Romantiker. So wie der Werther durch die Gewalt einer kosmischen Leidenschaft über das bloße Seelengemälde hinausgesteigert wird, so der Wilhelm Meister durch die beiden Verkörperungen des Dämonischen (das nicht, wie es schon die Romantiker in Theorie und Nachahmung taten, mit dem Romantisch-Abenteuerlichen verwechselt werden darf). Auch hier bekundet sich die Entwicklung Goethes vom Seelischen zum Gegenständlichen: im Werther war sein Dämonisches damals freilich noch nicht als solches konzipiert — vereinigt mit dem erschütterten Ich, äußerte sich als Leidenschaft des Helden. Jetzt trat es ihm als selbständige Gewalt entgegen, in zwei Gestalten gedrängt. Auch das darf man sich natürlich nicht vorstellen als habe Goethe sich gefragt: wie bringe ich nun das Dämonische in meinem Roman unter? Wie mache ich ihn „tief“? Nein, der Dämon war in ihm und der Umsetzungsprozeß ging nicht rational sondern instinktiv, fast vegetabil vor. Aber während die übrigen Gestalten des Romans aus der Beobachtung von Ich und Welt relativ erklärlich sind, sind Mignon und der Harfner völlig irrationell, und nicht aus der gesellschaftlichen, seelischen oder Abenteuersphäre konzipiert, mögen auch anregende „Modelle“ nachgewiesen werden können. Anregung ist nicht Gestaltung.. gestaltet ist hier etwas andres als eine psychologische oder soziale Erfahrung: Mignon und der Harfner stammen aus einer andren Schicht von Goethes Wesen und Leben als alle andren Figuren des Meister. Freilich, nicht diese zwei Figuren isoliert machen den Roman zu jener geheimnisvollen Schöpfung: sie sind nicht dazu gedichtet, sondern wie der Roman nun einmal ist, sind alle seine Schichten innerlich gleichzeitig und vereinigt ins Licht der Vision gehoben. Wenn in Goethe nicht auch die Elemente gewesen wären die im Roman nachher zu Mignon und Harfner wurden, so stünde das ganze Werk auf einer tieferen Stufe der Offenbarung, wäre es oberflächlicher. So aber bekommt das ganze Werk ab von dem Geheimnis das in diesen beiden beschlossen ist und das von ihnen ausgehende Licht rückt alles was im Meister vorgeht in einen andren „moralischen Raum“.

Aus verschiedenen Schichten seines einheitlichen Wesens sind diese verschiedenen Gestalten konzipiert, aber diese Schichten sind selbst voneinander durchdrungen. Wir müssen unterscheiden zwischen dem Seelen-und Lebensgehalt aus dem die Visionen eines solchen Werks stammen, den äußeren Anstößen unter denen sie sich geformt haben, zu Symbolen zusammengeschossen sind, und den technischen Mitteln mit denen er sie herausstellt und verknüpft. Goethe hat später am Schluß der Lehrjahre die ganze Maschinerie erklärt, die Bedeutung der geheimnisvollen Gestalten Mignons und des Harfners in der Romanhandlung beinah rationalistisch plausibel gemacht, so daß man meinen könnte, sie wären aus bestimmten Kompositionsgründen, aus Prinzipien der Romantechnik ersonnen worden, und ihr ganzes Geheimnis scheint sich aufzulösen in der kunstvollen und künstlerischen Überraschung. Fraglos gewinnen die beiden geheimnisvollen unerklärlichen mit einem dunklen Fluch und Schicksal beladnen Gestalten dadurch noch an Schwere und Tiefe daß sie in den Kreis des im eigentlichen Sinn schicksallosen Völkchens treten und ihr verborgenes Schicksal mit den zufälligen Abenteuern der Schauspieler verflechten. Philine und Mignon erhellen und verdüstern sich gegenseitig und Wilhelms Bildsamkeit erscheint gesteigert durch die bloße Tatsache daß er teilnimmt an der süßen Läßlichkeit, der anmutigen Genußsucht des leichten Mädchens und der herben verschlossenen Gewalt, der geheimnisvollen Schicksalsglut des Kinddämons, und daß beide sich um ihn bemühen.

Beide haben gewiß Züge aus Goethischer Beobachtung und aus Gründen der abenteuerlichen Erzählung — gewiß hat Goethe leichte schöne Sünderinnen gekannt wie Philine und man mag der Mignon aus einer geheimnisvollen Reisebegegnung Züge nachweisen, gewiß hat die Lust am Fabulieren und Komponieren auf die Bewegung und Gebärden der Gestalten des Theaterromans eingewirkt: manche Gestalten sind um der Füllung, manche um des Tempos, manche um des Kontrastes willen eingefügt, aber genährt sind sie alle aus Goethes eignem Wesen —die dämonische Sehnsucht die ihn nach Italien getrieben hat, das beinah unterirdische Gefühl des Verhängnisses, die Freude am Spiel, die tätige Tüchtigkeit, alles was in diesen Weimarer Jahren ihn bedrängte und ihm begegnete ist in Gestaltungen dieses Romans zum Vorschein gekommen, auf Gestalten dieses Romans verteilt worden. Die Handlung ist hier allerdings nicht so zugleich mit den Gestalten und dem Erlebnis konzipiert worden wie im Werther: die Komposition ergibt sich nicht so von selbst aus dem Erlebnis Goethes wie im Werther. Die Lust am Fabulieren, der Wille zur Weltdarstellung, zur Kunstübung, ist hier unverkennbar, während der Werther konzipiert ist wie ein lyrisches Gedicht. Aber immerhin stammt die Theatralische Sendung noch spontan aus der Fülle des Sehens, Wissens und Erfindens, nicht aus der Theorie des Romans, des Epos, unter deren Einfluß später die Verwandlung in die Lehrjahre vorgenommen wurde.

Der Wilhelm Meister ist das erste, ja fast das einzige Werk Goethes in welchem der Wille Menschencharaktere zu sammeln und zu zeichnen wenn nicht der alleinige so doch ein wesentlicher Antrieb der dichterischen Gestaltung ist, und nicht zufällig erscheint darin der große Menschenschöpfer Shakespeare als belebende Macht. Überall sonst sind die Menschen bei Goethe entwederVerdichtungen seiner eignen Kräfte und Gegenkräfte oder, besonders in seinen späteren Jahren, Träger von überpersönlichen Gesetzen oder dekorativen Gedanken. Weder Werther und Faust noch die Wahlverwandtschaften und die Wanderjahre sind aus der Menschenbildnerfreude geboren, Götz und Egmont, Hermann und Dorothea, sowie die Novellen sind aus Bekenntnisdrang, historischem Stoff und Kunst- oder Lebensgesetzen zu ihren Menschenbildern gelangt, nicht entstanden aus der Anschauung von Menschen und um der Darstellung von Menschen willen: sie geben nicht die Welt in Charakteren, weil sie die Welt gleichsam nur in diesem Medium fingen, wie Shakespeare, sondern sie geben Charaktere, weil sich Leidenschaften oder Zustände oder Gesetze daran am besten zeigen lassen.

Gewiß ist der Wilhelm Meister als Ganzes auch nicht aus der Menschensammlung Goethes geboren, sondern aus dem Bildungsprozeß und seiner Zustands-und Sittenkunde, und zum wenigsten der Charakter des Titelhelden ist nicht als „Charakter“, sondern als Bekenntnismittelpunkt konzipiert. Aber in keinem andren Werk haben sich Charaktere gegenüber dem Bekenntnisgehalt oder der Lehre oder der Handlung so verselbständigt, and wenn auch in keinem andren Werk Goethes Handlung so über Stimmung und Lehre überwiegt, wie in der Theatralischen Sendung, so ist doch auch in keinem das Menschenmaterial worin und wodurch sich die Handlung vollzieht so mannigfaltig und rund durchgebildet, ohne Transparenz der Goethischen Eigenerlebnisse und ohne Belastung durch den historischen Stoff: nur hier ist die Menschenbeobachtung selbst unmittelbar schöpferisch geworden, und nur hier ist es deshalb nötig die Hauptgestalten dieses an lebendigen Menschenbildern reichsten Goethischen Werks für sich zu betrachten, da sie aus Goethes Seele oder aus Goethes Lektüre, aus seinen Kräften, Stimmungen, Theorien sich nicht allein begreifen lassen, und wir ihre Ursprünge nicht kennen außer durch sie selbst, und nur in dieser Form. Daß Goethe zu diesem Roman geradezu gesammelt hat, wie sonst nie, zeigt eine Briefäußerung im Hinblick auf die Ausstattung seines Werks: er habe „das Bedeutende der Judenheit nun bald beisammen“.

Unter den Charakteren sind viele, die meisten, bloße Milieufiguren, ihr Wesen und ihre Züge fallen zusammen mit den Bedingtheiten ihres Standes und vergegenwärtigen nur, durch verschiedene Temperamente und Begabungen gebrochen und zugleich belebt, das Wesen des Theaters als einer Lebensweise, als eines Berufs und als einer Gesinnung. Wie es keinen Stand gibt der nicht aus bestimmten Anlagen und Bedürfnissen, Eigenschaften und Gewohnheiten sich entwickelt hätte, der nicht die Zustand, die Standwerdung ursprünglich bewegter Menschenarten wäre, so sind die meisten Menschen der unteren und mittleren Lagen wesentlich die Menschwerdung von Berufszuständen, und nur diejenigen nennen und empfinden wir als „Individualitäten“ und „Charaktere“ worin die schöpferischen Kräfte unmittelbar Einzelmensch werden, ohne erst durch schon geprägte Allgemeinheiten, Stände, Berufe, befangen oder gar aufgesogen zu werden. In jedem Menschen sind ursprüngliche, noch unvermittelte Kräfte bedingt durch den Kreis worin er lebt oder woher er kommt, aber nur in einzelnen bleibt noch ein Überschuß über diese Bedingnisse hinaus zu selbständiger Gestaltung: eben diese unterscheiden sich von Massen-und Berufsmenschen als „Charaktere“, während vielfach uns als Eigenart des Einzelnen erscheint was nur die Auswirkung uns minder vertrauter Berufsbedingungen, nicht einmaliges Menschtum ist.

Ebenso müssen wir bei derTheatralischen Sendung unterscheiden zwischen denjenigen Gestalten die nur Schauspieler-oder Bohemetypen schlechthin sind (und deren ganzer Charakter, so individuell lebendig er uns, weil einem fremden Bereich entstammend, zunächst erscheint, nur die Verkörperung bestimmter Berufsbesonderheiten und nur um dieser willen eingeführt ist) und den magisch einmaligen Menschen und Seelenbildern, den unmittelbaren Visionen Goethes. Einige der Figuren in Goethes Roman sind um des Theater willens da, sind wesentlich Schauspieler, andre sind Urgeschöpfe die auch Schauspieler oder Vaganten sind: nur diese leben in unsrer Vorstellung sofort auf, wenn man an Goethes Bildungsroman denkt, ja sie sind uns als Charaktere deutlicher gegenwärtig als Wilhelm selbst, welcher weder ein beruflich bedingtes noch ein bereits durchgestaltetes Wesen ist, sondern eben seinem Ursprung nach der bildungswillige und fähige jugendliche Seelenstoff worein sich die bestimmteren Wesenheiten eindrücken, an dem Stände, Charaktere und Schicksale wirken. Er ist das Gegenteil des „Charakters“, des Umrissenen: die menschgewordene Empfänglichkeit die nur deshalb nicht ins ganz unbestimmt Leere verläuft, weil ihr ein Streben Zusammenhalt und Richtung gibt.

Unter den Genossen und Liebschaften Wilhelms sind nur vier, durch ihr eigenes volles Menschtum oder durch ihr geheimnisvolles Schicksal, selbständige Charaktere jenseits ihres Berufs, unabhängig von ihrem Beruf: Philine, Aurelie, der Harfner und Mignon. Philine ist nicht die typische lockere Schauspielerin, die Vagantin mit den leichten Sitten, sie ist ein anmutig unverantwortliches, seelisch und sinnlich freies Geschöpf welches die Welt als einen Schauplatz des schwer oder leicht zu erringenden Genusses ansieht, sich geschaffen fühlt Freude zu empfangen und zu spenden, möglichst ohne Gefahr, ohne Pflicht und vor allem ohne Opfer. Mit dieser Anläge und Gesinnung hat sie sich instinktiv dem Lebenskreis zugewandt der ihr innerhalb der Gesellschaft größtmöglichen Spielraum gewährt, wo die sinnliche Freiheit mit dem geringsten Aufwand erkauft wird, wo die Zweideutigkeit ein Reiz und nicht eine Gefahr, wo ihre Not, d. h. ihr Bedürfnis, fast eine Tugend, ihr Charakter ein Gewinn, kein Hemmnis ist: dem Schauspielertum wie es damals geschätzt, bedurft und verachtet wurde. Ihr Leben beruht nicht auf Ehre, sondern auf Genuß, und nur insofern ihr die Ehre den Genuß erleichtert oder erschwert, kommt die für sie in Betracht. Und wie zur Ehre steht sie zu allen Prinzipien worauf die Gesellschaft beruht: Gewinn, Ordnung, Sitte und Pflicht . . sie ist ihnen nicht geradezu feindlich, aber es sind ihr Mittel, als Förderungen, oder Reize, als Widerstände: und so ist auch ihr Schauspielertum nur die Gesellschaftsform worin sie sich dieser Mittel als solcher am lockersten bedienen und diese Reize auf die ungefährlichste Weise erproben kann. Sie ist die holde Genießerin, Verführerin — Hetäre als Wesen, nicht als Beruf, unter der gemäßesten Gesellschaftsform: als Schauspielerin.





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