> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG Seite 78

2015-10-12

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG Seite 78




Das einfache Dasein, der Einfall von oben, das unbedingte Geschenk des Himmels, die hinzunehmende sich aufdrängende Schau, die wie im Traum Leib und Namen hat, ohne daß wir wissen woher und warum, das „Irrationelle“ „Inkommensurable“ „Unerforschliche“ das Dichtung erst zur Dichtung macht, ist ja fast überall in Goethes Kunst, aber es liegt bei ihm viel mehr in der Sprache oder in Stimmungen oder in der Weltschau als in seiner Menschenschau, deren Vermittlung durch ein Unvermitteltes wir fast überall nach weisen können: so unmittelbar gegenwärtige, durch sich selbst aus Gott lebendige Geschöpfe wie Shakespeare, grundlos und unergründlich seiende und wesende, hat Goethe außer Mignon keines gebildet. Er erlebte seine Welt nicht von vornherein in Menschen, wie Shakespeare, sondern in Zuständen, Räumen, Gesetzen — und die verkörperte er, setzte er um, verdichtete er, mehr oder minder spontan, in Menschenbildern, als Medien, Gleichnissen, Sinnbildern, Mythen, Allegorieen seiner Grunderlebnisse. Nur Mignon hat als Gestalt schon, nicht etwa nur durch das darin ausgedrückte Erlebnis, die Urwirklichkeit, die Wesensdichte, als stamme sie nicht aus der Goethischen, sondern aus der Shakespearischen Schöpfungszone, aus der die Visionen gleich als Menschen heraufgeholt werden ins Licht, ohne erst eine Zwischenzone der Menschwerdung zu durchdringen. Der Mignon allein unter den Goethischen Gestalten haftet kein Werden an, sie ist schlechthin und bei keiner andren Gestalt sind daher die gerade in diesem Fall anekdotisch so ergiebigen Modellschnüffeleien so durchaus unfruchtbar. Alle Beobachtung, alle Treue des Nachzeichnens wäre nicht im Stand Mignon die dichterische Traum-Wirklichkeit zu geben die ihr Wert, ihr Wesen und ihr Geheimnis ist, und ebensowenig ist ihre Lebendigkeit zu erklären aus bloßen Bekenntnissen: sie ist wirklich und unbegründet wie ein Traum.

Unnahbarkeit und Undurchdringlichkeit, nicht nur für ihre Mitgeschöpfe, sondern auch für uns ist ihr wesentlich eigen — sie bewegt sich zwischen ihnen und uns als ein Dämon in Kindsgestalt, fähig wohl aller unsrer Triebe, aber darüber hinaus einem nicht irdischen oder nicht seelischen Gesetz untertan, das als Fluch, Geheimnis, Hemmung, Wahnsinn in unsrer Seelenweit erscheinen muß, eine wahre Einigung mit Menschen unmöglich macht, und sie unter Menschen als Verbannte weilen läßt, mit unbezwinglicher Sehnsucht aus dieser Verbannung heraus. Diese absolute Dämonensehnsucht (weniger nach etwas, als von etwas) deutet sie, menschlich verhaftet, bald als Liebe zu einem erlösenden Menschen, bald als Drang nach einem schöneren Land, bald als Aufschwung in die unbedingte Urheimat.

Alle Lieder Mignons sind nur die Ausbrüche dieser dämonischen Sehnsucht, welche zugleich Druck eines Geheimnisses und Drang aus einer ungemäßen Welt ist. Wie die Harfnerlieder Schicksalsgesänge, sind die Mignonlieder Sehnsuchtsgesänge. Ihr Geheimnis kennt sie nicht, sie fühlt es bloß, sie ist ein Dämon und kennt sich nur als Menschenkind — daher ist sie unter Menschen nirgends recht zu hause, weiß nicht warum und möchte es doch gern sein, sucht Erlösung auf menschliche Weise und kann sie auf diesem Weg nicht finden, bis sie ihre Menschenform zersprengt durch das Unmaß der in ihr eingepreßten Dämonenkräfte, welche sich menschlicherweise eben als maßlose Sehnsucht äußern müssen, als Liebesleidenschaft, als Heimweh, als Todesahnen. Ihre Lieder sind Dämonengesänge aus Menschenmund und ergreifen durch diesen unheimlichen Doppelsinn, das schwermütige Schweben zwischen ihrem wahren Ursprung und den bloß menschlichen Motiven wodurch er laut wird, die unnahbare Ferne und Fremde ihres Gehalts und die leidenschaftliche Glut und Innigkeit ihres Tons, der jene Fremdheit überwinden möchte, ihr Geheimnis, das um das Dämonentum webt, und ihre Fülle, die aus der Menschlichkeit quillt. Sie sind zugleich entrückt und beladen. Sie ist ein Doppelgeschöpf, und ihre Zwiegeschlechtigkeit oder vielmehr Ungeschlechtigkeit ist nur das menschliche Zeichen daß sie der nicht mensch-leiblich bedingten Welt entstammt, die sie in ihrem rätselhaften Abschiedsang heranruft. Dämonen sind wie Engel geschlechtslos, gehen sie aber in Menschenleiber, in zu enge Menschenleiber ein, so ist das Geschlecht für sie zugleich Wahn und Verwirrung. Als Dämon leidet sie an allen Menschenschranken in die sie eingehen mußte, und dazu gehört auch das Geschlecht. Ihr Dämonentum kann sie nur leidend in Menschenformen, d. h. als Leidenschaften, ausleben, aber nicht diese Formen sind ihre Substanz.

Freilich von diesen Formen aus hatte Goethe einen Zugang zu dieser Vision, konnte er sie sich menschlich warm, zutraulich, selbst bekenntnishaft machen, ohne ihr Geheimnis, das für ihn so undurchdringbar blieb wie für uns, zu lüften. Aber es wäre ein Mißverständnis, wenn man etwa Mignon nur als Verkörperung der Goethischen Sehnsucht, diese Sehnsucht als ihren Ursprung erklären wollte. Von seiner Sehnsucht aus hat er die dem Menschtum zugewandte Seite des Dämonenkindes beleuchtet, angeglüht und ihre Lieder nicht geschaffen aber gespeist mit eigenen Gefühlen. Doch die ursprüngliche Vision, die er nicht suchte und ersann, die sich ihm traumhaft aufdrang, ist die des unter Menschen, ja in Gesellschaft verbannten, zu Leib, Geschlecht, Raum und Zeit, zu Werk und sogar Beruf verurteilten Dämons, der sich schlechthin sehnt — sehnt nach Liebe, Aussprache, Heimat, Jenseits. Wie solche Sehnsucht leiden macht das zu sagen war Goethe gegeben aus Eignem, wie keinem zweiten . . aber das Geheimnis der Herkunft und Verbannung aus der diese Sehnsucht sich emporringt, das ließ er uns verschlossen, weil es ihm selbst zwar sichtbar, daher auch als Mignonwesen gestalthaft und gestaltbar, aber nicht erklärbar war. Mit dem Harfner gehört Mignon eben dadurch und nur dadurch zusammen daß sie beide, der eine durch Schicksal, die andre durch Wesen, nicht in die Welt und Form gehören worin sie leben müssen. Dies gemeinsame Negative verbindet sie: beide stehen unter einem Fluch der jenseits ihrer Seelen liegt, nur daß er sich beim Harfner durch sein Leben, bei Mignon durch ihr Wesen bekundet. Den Fluch beider kannte Goethe, als menschliches Leiden, das menschlichen Ausdrucks bedürftig und fähig, aber seiner Herkunft, selbst seinem Sinn nach für den Menschengeist transzendent, unerforschliches Geheimnis, hinzunehmendes Verhängnis sei.

Die vier Gestalten Philine, Aurelie, Harfner und Mignon sind außer der Wilhelm Meisters selbst, obwohl unter sich verschiedenen Seelenschichten angehörig, in der Theatralischen Sendung die einzigen Gestalten höheren Stils die ihr spezifisches Leben dem Sinn für Charakter, Individualität oder besondres Schicksal des Einzelwesens verdanken. Auf einer tieferen Stufe könnte man noch dahin rechnen die Theaterprinzipalin Retti und ihren Liebling Herrn Brendel. Doch was an ihnen als Individualität wirkt ist bei näherm Zusehn nur die Verzerrung und charakteristische Enge womit sie sich von der ausgeglicheneren und in einem weiteren seelischen Raum verteilten Gesellschaft abheben als Pöbel. Verzerrte Typen sehen persönlicher, eigenartiger aus, und treffen infolge dessen die Einbildungskraft heftiger als rund ausgeglichene.. und in guter Gesellschaft wird ein närrisch geputzter, unanständiger oder betrunkener Geselle als die „Individualität“ wirken, durch sein bloßes Anderssein, durch sein Herausfallen. Die beiden „possenhaften Intermezzisten“ Madame Retti und Brendel sind denn auch mehr durch ihre Abgrenzung nach außen, durch ihre Relation zu den andren, d. h. durch ihre Wirkung Charaktere, als durch ihr inneres Wesen: es sind Komödien-und Komödiantentypen, die das Theatermilieu nach unten hin abschließen, wo es in die Misere und die Lumperei übergehend aus der Welt des Scheins, des Strebens und der Bildung, der Kunst oder selbst noch des Genusses in die gemeine Notdurft des völlig entgeisteten Alltags sich verliert. Auch diese beiden sind — so gut wie alle andren außer jenen fünf von der Seele oder dem Schicksal aus geschauten Gestalten — aus ihrem Beruf oder Milieu, als Berufstypen, nicht als Seelen-oder Schicksalsträger zu nehmen.

Ihnen am nächsten steht das Ehepaar Melina: sie sind vom Theater als einem bloßen Geschäft und leichtsinnigen Betrieb bestimmt, ohne höhere Bildungsideen damit zu verbinden, ohne Pflicht-und Ehrgefühl, verhaftet im Alltag ihres Berufs, der für sie mehr ein notwendiges Übel als die Anwendung ihres Menschentums bedeutet, im dürftigen oder genüßlichen Augenblick kurzatmig und kurzsichtig umhertappend, von Stimmungen und kleinen Begehrlichkeiten bewegt, von kleinen Nöten und Freuden gedrückt oder geschwellt, übrigens keine entarteten, verzerrten oder niedrigen Menschen, leidlich hübsch, leidlich gescheit, leidlich gutartig, nur ohne jeden Schwung und ohne Seelenkraft, geborene Philisternaturen, die nur durch eine jugendliche Wallung, wie sie auch gewöhnlichen Geschöpfen widerfährt, aus der bürgerlichen Bahn in die Boheme geraten sind. Ein typischer Weg ins Abenteuer, ins Theater wird durch ihren Lebensgang gezeigt: der negative, aus Unfähigkeit oder Ungeschicklichkeit im geordneten Bürgerleben, nicht aus einer positiven Anlage oder Leidenschaft heraus. Das Ehepaar Melina stellt diejenige Art Schauspieler typisch dar die sich aus mißglückten oder deklassierten Bürgern rekrutiert, für die das Theater nur der notwendige Ersatz einer geordneten Welt ist: den Bohemien als negativen Spießer.

In denselben Bereich gehört, nur mit mehr Liebreiz und sinnlicher Fülle ausgestattet, Marianne, Wilhelms erste Geliebte. Sie vertritt die Boheme-Wirtschaft des Theaters in Liebesdingen, nicht wie Philine aus einer positiven hetärenhaften, mit Kunst und Eigensinn, ja mit seelischer Freiheit und Überlegenheit verwirklichten Anlage, sondern aus Schwäche, liebenswürdiger Weichheit und molliger Schlamperei, also aus Negationen. Sie ist im Grund ein harmloses Bürgerkind, ein unbedeutendes „süßes Mädel“ das verführt und entgesellschaftet ist, ein bloßes Opfer — und sie wird zur Schauspielerin, und als solche zur Buhle, als deklassierte Bürgerin. Was bei Philine ursprüngliche Menschenart und eigner Charakter ist, das Dirnentum, kommt bei Marianne aus verfehltem Leben, und neben der geborenen Verführerin Philine, die zur Boheme kommt als einem Beruf den sie beherrscht und übersieht, ist sie die gewordene Verführte, die dem Beruf unterliegt und von ihm aufgesogen wird.

Mit Serlo und Laertes erst treten wir in den höheren Kreis ein wo das Theater zwar noch als Beruf die Menschen bedingt (nicht als eine mögliche Erfüllung urmenschlicher Anlagen und Bedürfnisse benutzt wird, wie von Philine, Aurelie und Wilhelm selbst) aber doch eine positive Welt, nicht bloß die Negation des bürgerlich geordneten Lebens, nicht ein notwendiges Übel für sie bedeutet. Für Serlo ist das Theater durchaus ein tüchtiges edles Handwerk, und er lebt und webt darin als kluger Praktiker, der Theaterdirektor dem es nicht gerade um Geist und Bildung dabei zu tun ist, aber doch immerhin um eine erfreuliche Kunst und ein achtbares Geschäft. Er hat eigene Ehr-und Pflichtgefühle und Begriffe vom Theater und fürs Theater, nicht gerade wie sie der geistige oder religiöse Mensch vor Geist und Gott fühlt, aber wie sie der anständige Kaufmann und Beamte vor Publikum und Behörde kennt, von denen er Geltung und Würde, Gewinn und Erfolg empfängt. Er hat ein rein berufliches, nicht eigentlich urmenschliches Würdegefühl, wie es aus Zwecken, nicht aus Idealen stammt. Er vertritt wesentlich die praktisch-positive, die beruflich handwerkliche Seite des Theaters, mit Tüchtigkeit und Lauterkeit. Durch ihn grenzt das Theater an die bürgerliche Welt, nicht wie bei Marianne, Melina, Retti, Brendel, als Aufhebung, sondern als Ergänzung der bürgerlichen Ordnung vermittelst geistiger, beruflich zu verwendender Kräfte.

Laertes ist der Vertreter des Theaters als eines Bildungsbereichs und er steht dadurch von der ganzen Theatergesellschaft sowohl seiner Gesinnung als seinem Sinn nach am nächsten bei Wilhelm selbst: er ist zum Theater wohl gekommen aus einem gewissen Trieb zu freierem poetischerem Leben, wo man geistige Interessen als Beruf treiben kann, er ist Berufschauspieler weniger um der Rollen als um der Stücke willen. Übrigens ist er nur skizziert, und da eben Wilhelm der geistige Mensch in und zugleich über dem Theatermilieu ist, so kommt dem geistigen Schauspieler, nur um des Milieus willen vorhanden, keine besondre Stelle zu. Laertes ist ein wohlgeratener temperamentvoller junger Mann ohne wesentliche Eigenzüge die durch seinen Beruf unterstrichen oder verwischt würden, ein junger Acteur mit geistigen Zügen, wie Wilhelm Meister ein geistig strebender Jüngling mit theatralischen Aspirationen ist.

Sind in der Theatralischen Sendung schon die Vertreter des eigentlichen Theatermilieus nicht so sehr Eigenseelen als Berufstypen, und ist ihr Menschtum, mit jenen vier Ausnahmen, entweder schattenhaft oder nur vom Beruf aus gezeigt, so gilt dies noch mehr von den Mitgliedern der Gesellschaftskreise welche, mindestens im Ur-Meister, nur als Gegensatz oder Folie der Theaterwelt erscheinen. Sowohl die Eltern Wilhelms als Werner, strebsame, tüchtige, verständige, nüchterne, mehr oder minder läßliche Bürger, sind nur Träger von typischen Zügen ihres Standes, und die Angehörigen des Adels sind nur Standespersonen mit den allgemeinen Zügen des Höhergestelltseins, und zumal ihre dem Theater zugewandte Seite, das Gönnertum, ist beleuchtet, in verschiedenen Schattierungen woran allein man, über den Stand hinaus, gewisse Temperaments- oder Wesenseigentümlichkeiten wahrnehmen kann . auch die Sonderbarkeiten des Grafen sind kaum fähig ihn bis zum eigenen Charakter, über sein Grafentum hinaus, zu verdeutlichen: er wird beschrieben und nicht gebärdet, nicht gestaltet, und auch nach den Schrullen die man von ihm erfährt, und die mehr der Abenteuerhandlung als der Charakterzeichnung dienen, weiß man über ihn nicht mehr als in den Sätzen steht womit er eingeführt wird: „daß er ein Herr von großen Kenntnissen und vieler Welt war. Er hatte viel gereist, und man sagte von ihm, er habe in allen Dingen einen entschiedenen Geschmack. Die wenigen Sonderbarkeiten, mit deren Geschichte man sich von ihm trug, kamen nicht in Betrachtung.“ Er ist ein Herr von Stande, der nebenbei gebildet und beschränkt, gütig, eigensinnig, abergläubisch ist, ohne daß diese Züge ihn zu einem eigenen Wesen machten.

Eine etwas andere Dosierung verwandter Eigenschaften, die ebenfalls mehr am Stande haften als der Stand an ihnen, bezeichnet den literarisch dilettierenden Baron, und vollends der Prinz und die Seinen erscheinen nur unbestimmt von ferne als die Träger allgemeiner vornehmer Gesinnung und guter Manieren. Es ist als habe Goethe selbst an Wesen dieser Sphäre keine andren Forderungen gestellt als daß sie eben Träger ihres Standes, der Vornehmheit, des gebildeten, leutseligen Wesens seien, da sie schon ohne individuelle Einzelseele, ohne Charakter im engeren Sinn dann einen selbstgenügsamen Wert, auch Bildungswert, repräsentierten. Mindestens kam es bei den Wesen höherer Stände nur darauf an daß der Einzelne den Forderungen dieser Höhe genüge, die sich nicht auf Individualität sondern auf Sozietät, nicht auf Begabung sondern auf Gesinnung, nicht auf Gefühl oder Leistung sondern auf Haltung, nicht auf Tiefe sondern auf Anmut, Eleganz, Schönheit, nicht auf das innere Sein sondern auf das äußere Erscheinen, nicht auf seelischen Gehalt sondern auf sinnliche Ordnung und Form beziehen. Der Einzelne mochte sein wie er wollte — und Goethe bemerkte wohl die Sonderbarkeiten der einzelnen Standespersonen, aber er bewertete sie nicht als solche, wenn sie nur nicht unter das adlige Gesamtniveau heruntersanken, oder durch ihre bloße Individualität das vornehme Gefüge zerstörten. Denn wenn in den unteren Ständen der Wert erst in der Individualität ruht, in der Leistung, der Persönlichkeit, so bilden die hohen Forderungen die Rang oder Adel als solche an Würde, Haltung und Gesinnung ihrer Angehörigen stellen, durch sich schon einen Wert, und wer diese Forderungen standesgemäß erfüllt, bedarf gar keines individuellen Zuschusses oder Überschusses mehr. Hier ist ja der sittliche Anspruch (noblesse oblige: für Goethe nicht nur ein gesellschaftlicher, sondern auch ein sittlicher Anspruch) schon so hoch gespannt, daß man schon etwas sein muß, um nur ihm zu genügen. Adel, so gefaßt, ist für Goethe ebenso sehr Pflicht als Recht, und wer ihn als Pflicht erfüllt, ist berechtigt sich eigner Individualität zu entschlagen, ist eigener gesonderter Leistung überhoben. Wer die mit dem Stand eines Königs gegebnen Pflichten nur richtig ausfüllt, muß bei der Höhe dieser Pflichten, schon wenn er nichts als ein richtiger König ist, wenn er ganz in seinem Stand aufgeht, einen Wert haben der ihn der Forderungen an persönliche Eigenart überhebt. Bei den höheren Ebenen ist Wert und Anspruch »darauf bleiben« nicht »sie überragen« und je höher die Bluts-und damit Pflichtenstufe ist der einer angehört, desto weniger braucht er sich durch individuelle Leistung hervorzutun, bemerkbar zu machen, desto mehr ist er nur Träger der Ordnung, Zeichen der Ordnung, desto mehr beruht sein Wert auf dem Ganzen dem er würdig angehört.

So hat Goethe etwa die gute Gesellschaft empfunden, seitdem er in Weimar mit ihr zu tun, sich mit ihr abzufinden hatte, und den Niederschlag dieser Empfindung sehen wir in der Art wie die Angehörigen des Adels in seinem Gesellschaftsbilde gezeichnet sind. Auch die adligen Frauen in der Theatralischen Sendung haben keine eignen Gesichter.. sie sind mehr eine Atmosphäre gütigen und anmutigen Daseins als bestimmte Personen mit solchen Eigenschaften. Erst in den Lehrjahren hat Goethe versucht sie in dieser allgemeinen Atmosphäre zu Personen zu verdichten und zu umreißen, auch hier nirgends mit dem Erfolge wie bei den Geschöpfen der niedrigeren erdnaheren Schichten, bei welchen die Personen als solche oder als Leistung oder als Beruf sichtbar werden mußten, um zu sein, wo der Charakter nicht aufgehoben war in einem Niveau. Der Adel ist an sich minder bedingt durch Charakter und Beruf als das Bürgertum oder die Boheme und dadurch auch minder charakteristisch, die Frauen sind immer noch minder bedingt als die Männer: darum sind die adligen Frauen in der Theatralischen Sendung bloß schöne Schemen, die uns Kunde geben von einer sehr deutlich erlebten Atmosphäre, aber nicht von deutlich erlebten Individualitäten.

Den Übergang zwischen der Bohemewelt und der Adelswelt bildet —außer dem all- empfänglichen Wilhelm selbst, der ihn von innen mitmacht — als äußere Verkörperung Jarno, der Sekretär des Grafen, beinah der einzige vom Geist, nicht vom Schicksal oder Beruf aus individuell durchgestaltete Mannscharakter des ganzen Romans. Er ist Mann des überlegenen Verstandes, in keiner der beiden Welten befangen, in die Theaterwelt mit reifer Bildung und Kritik hineinreichend — er vermittelt ja Wilhelm die entscheidende Bekanntschaft mit Shakespeare — an der Adelswelt beteiligt durch Stellung und Tätigkeit, nirgends gebunden, überall bedurft, die Welt aber als Schauplatz seiner Person überblickend, welche wesentlich auf der Anwendung desVerstandes, der bei ihm vorherrschenden, ja fast allein ausgebildeten Seelenkraft beruht. Jarno gehört zu der Reihe der mephistophelischen Charaktere — womit mehr ein Vorherrschen des Verstandes über die andren Seelenkräfte und allenfalls eine gewisse Lieblosigkeit als ein eigentlich böses oder satanisches Wesen bezeichnet wird. Er ist der nirgends, we» der seelisch noch pflichtig, sich hingebende Beobachter, Kritiker, Überblicker der Menschenarten und des Welttreibens, vom „Egoisten“ durch seinen freischwebendenVerstand selbst unterschieden, da er nichts für sich begehrt als eben die Freiheit des Verstands und des Beobachtens. Er ist kalt, aber nicht bös, er hat keine Liebe, aber er hat Gewissen, als einer der die Dinge nicht nur nutzen, sondern erkennen will . . er ist daher der geborene Forscher, und erscheint später mit Recht in den Wanderjahren als der menschenferne Montan, der nur noch forscht und unter den Naturerscheinungen und -gesetzen sich allein zu Hause weiß. In der Theatralischen Sendung hat er diese letzte Folgerung seines Verstands noch nicht gezogen, und der Forschbereich seines Verstandes sind noch die Menschen und ihre Künste. Jarno hat einige Züge von Merck angenommen, und auch dieses scharfkantige Modell des allverständigen, ebenfalls durch seinen Geist über-oder zwischen-sozialen Beobachters mag seiner Deutlichkeit und Gestalthaftigkeit zugute gekommen sein. Wie Jarno in der Theatralischen Sendung den Übergang zwischen Boheme und Adel bildet, wie er Wilhelm auch ästhetisch die Welt erst zur Welt erweitert durch die Vermittlung Shakespeares, so bildet er auch den Übergang von der Theatralischen Sendung zu den Lehrjahren — worin Wilhelms Bildung aus unwillkürlichen Abenteuern und Leidenschaften fortgesetzt wird auf einer höheren Stufe, und durch bewußte Lenkung geistig überlegener Menschen. Von diesen ist Jarno der erste der ihm wirksam begegnet, gleichzeitig mit der noch ahnungsvoll fernen adligen Welt der Gräfin und Nataliens, und der einzige der ihm schon in der Theatralischen Sendung begegnet. Jarnos Verstand ist das erste bewußte Bildungsprinzip das an Wilhelm arbeitet und auf ihn wirkt. Mit Jarno schließt seine enge Theatralische Sendung ab, und beginnen seine Lehrjahre zu allgemeiner Menschenbildung in weiterer Welt.





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