> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG Seite 75

2015-10-09

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- WILHELM MEISTERS THEATRALISCHE SENDUNG Seite 75




Dieser Bildungsroman trägt den Titel Wilhelm Meisters Theatralische Sendung. Was bedeutet das Theater als Mittelpunkt eines so reichen Gehalts wie der Bildungsgang eines jungen Menschen der als Sinnbild des Goethischen Bildungsgangs konzipiert ist? Innerhalb eines solchen Rahmens ließ sich kein besserer Anhalt finden als das Theater. Zunächst: das Theater ist ein Teil der gesellschaftlichen Schichtung, d. h. der bildenden Weltfaktoren deren Einwirkung auf den jungen Menschen Goethe darstellen wollte. Sodann: von diesen Gesellschaftsschichten ist es die einzige die in unmittelbarem Zusammenhang mit Geist und Dichtung steht: es ist geradezu die Brücke zwischen der geistigen Welt der ein junger Dichter angehört und der Gesellschaft an der er sich entwickeln sollte. Das Theater ist gedacht als die poetisch angewandte Gesellschaft: denken wir etwa an das französische Drama Racines, das uns gleichsam das kondensierte und potenzierte Ideal der Hofgesellschaft Ludwigs XIV. gibt, oder an die Wiedergeburt des englischen Renaissancelebens in Shakespeares Theater. Solche Muster schwebten Goethe vor. Drittens ist das Theater — derart beiden Welten, der ideellen und der praktischen, angehörig — das einzige Bildungsmoment welches sich ohne Zwang als Handlung, als Milieu darstellen ließ. Denn Kunstwissenschaft und Dichtung — geistige Vorgänge — haben kein sinnlich greifbares Milieu, keine darstellbare Atmosphäre.. wir müssen nur einen der in Nachfolge des Wilhelm Meister entstandenen romantischen Künstlerromane bis selbst zu Kellers Grünem Heinrich und Heyses Im Paradiese mit diesem Urbild vergleichen, um den symbolischen Vorzug des Theaters als Romanmilieu, als Handlungsraum zu empfinden. Heute freilich wäre das Theater auch nicht mehr von diesem Symbolwert. Auf der einen Seite hat es die Idealität verloren und ist ein Geschäftsbezirk wie andre auch, auf der andern hat es die Abenteuerlichkeit verloren, die ihm Spannung, Tiefe und Hintergrund gibt, und der Theatermann ist ein achtbarer Bürger, Beamter, allenfalls Industrieritter wie andre auch: kurz das Theater ist nicht mehr eine geistig sinnliche Zwischen weit, bereichert durch die Spannung zwischen der aktuellen Welt der es dient und der Schein-und Traumwelt die es schafft oder beherrscht, sondern es ist auf der gleichen Ebene wie das übrige Alltags- und Geschäftsleben.

Aber zu Goethes Zeit war das Theater noch eine Hoffnung, nicht eine Enttäuschung: von der Wiederbelebung dieses geistig sinnlichen Reiches versprachen sich die besten Geister einen neuen Vernunftmorgen, wie Lessing, einen neuen Sittentag, wie Schiller, eine neue Bildungsluft, wie Goethe, und deuchten sich nicht zu hoch ihre besten Kräfte in seinen Dienst zu stellen. Und eben weil die Schauspieler immer noch in einer Art Narren-und Schelmenfreiheit außerhalb der geordneten, nach Konventionen gerichteten Gesellschaft lebten, und doch auf sie wirkten, waren sie die geeigneten Träger jedes neuen Ideals das von einem neuen freiem Leben und Geist her die Gesellschaft steigern und verwandeln konnte. Denn gerade wie der Schauspieler lebt der Dichter, der höher geistige Mensch überhaupt, außer und über der Gesellschaft mit seinem Innern, mag er auch äußerlich ihr sich einfügen. Es ist Goethes besondre Stellung gewesen daß er gesellschaftlich einen hohen Rang einnahm, kein bloß geduldeter Paria, kein „elender Skribent“ war, und doch alles Gesellschaftliche geistig übersah, nicht in den Konventionen der Gesellschaft innerlich befangen blieb.

So hatte er als ein geistig freier Mensch innere Beziehung zum Theater und konnte es benutzen, und als sozial anerkannter Mensch äußere Beziehung zur Gesellschaft: aus seiner eigenen Lebenstellung mußte sich ihm das Theater als Symbol eines Bildungsromans aufdrängen. Von seinem geistigen Dasein aus war also das Theater in einem Werk das eine Entwicklung durch alle Kräfte der Welt darstellen sollte das Sinnbild, das sinnliche Bild für Geist, Kunst und Poesie. Von seinem gesellschaftlichen Leben aus war es eine unübertreffliche Folie für die sogenannte gute Gesellschaft: mit seiner ungebundenen Sippe konnte er erst das Wesen der Gesellschaft durch Gegensatz verdeutlichen und vermannigfaltigen. Goethe hat Eckermann gegenüber auf diesen Vorzug des Artistenmilieus im Meister hingewiesen. Von der Romanhandlung, dem Unterhalterzweck der Erzählung aus betrachtet bot dies Milieu alle Vorteile des Schelmen-und Abenteurerroman  wie sie die gute Gesellschaft nie geboten hätte. Das Theater als Mittelpunkt war also im Ur-Meister biographisch, geistig, romantechnisch begründet: der Held, die Atmosphäre und die Handlung des Werks als einer deutschen Bildungsgeschichte im ausgehenden Rokoko konnte keine bessere Entwicklung und Darstellung finden, als an diesem vielseitigen Symbol, das gleicherweise dem Geist, der Gesellschaft und dem Abenteuer angehörte.

Aus diesem dreifachen Sinn des Theaters als zentralem Symbol erklären sich die verschiedenen Funktionen die es am Helden zu erfüllen hat, und die Schauspieler und Schauspielerinnen sind die Träger dieser Funktionen des Theatergeistes, der Theatergesellschaft und der abenteuerlichen Handlung. Die höchsten Ansprüche die Goethe an das Theater als geistiges Weltbild stellte, als ein großes Bildungsmittel der Nation, an das Theater als dichterisch sittliche Wirkung werden in diesem Roman verkörpert durch die Stellung Shakespeares: sie ist vorbereitet durch die kindlichen Träume und Dichterspiele Wilhelms, durch sein Puppentheater welches die erste Verwirklichung seiner dichterischen Träume ist. Shakespeare selbst aber, zu 3 gleich der größte Dichter, der Schöpfer der dramatischen Welt und ein Theatermann, hatte wie kein andrer seinen Platz in diesem Werk: Shakespeare ist das große Symbol des Theaters als einer geistigen Welt. Marianne und ihre Duenna, Philine, Serlo, Aurelie, Laertes, die Theaterprinzipalin und ihr zerlumpter Schützling, Melina und seine Frau dagegen geben das Theater als Atmosphäre und Gesellschaft- bzw. Bohemesschicht: das „Bedeutende“ dieses Milieus wie es sich an einzelnen Personen ausfaltet und ausprägt. Die Handlung ist dazu da diese typischen Charaktere zu individueller Geltung zu bringen: ihre Nöte und Vergnügungen, den Geschäftsgeist oder die Exaltiertheit der schauspielenden Vaganten, ihre unbe» denkliche und anmutige Genußsucht, ihre kleinen Eifersüchteleien, Zänkereien und Liebeleien, all die losgelassenen Menschlichkeiten die sich ergeben aus der Ungesetzlichkeit eines Outcastslebens, die sinnliche Freiheit und geistige Beschränktheit derer die vom Tag für den Tag leben. An jeder dieser Gestalten lernt Wilhelm durch Teilnahme an ihrer Existenz, und indem er innerlich, durch seine Herkunft wie durch seinen Charakter und Geist, sie alle übersieht, werden ihm die Elemente ihrer Freiheit und Beschränktheit zu Erweiterungen seiner Menschenkenntnis, zu Organen der Welttüchtigkeit, und das Lehrgeld das er in manchen Abenteuern und Enttäuschungen zu zahlen hat kommt ihm als Überblick und Gewandtheit heim.

Wilhelms Verhältnis zu den Theaterleuten entspricht dem Goethes zu der Gesellschaft überhaupt: innere Überschau und Übung bei äußerer Einordnung. Die verschiedenen Mitglieder dieses Milieus sind gegeneinander abgestuft und zeichnen sich deutlicher durch ihre Gegensätze, und wie Individuum sich von Individuum abhebt, so das ganze Milieu wiederum von der guten Gesellschaft: durch eine Stufenfolge von Begierden von der Prinzipalin bis hinauf zu Philine und Aurelie wird die Boheme entwickelt, durch eine Stufenfolge von Konventionen und Neigungen die gute Gesellschaft, und Wilhelm profitiert von beiden. Von allen Gestalten des Romans hat nur der Held jenes dunkle, nur bei entscheidenden Wendungen erhellte Streben nach Vervollkommnung, und ob er zu den armen Vaganten herab? sieht und sich ihren Lockungen hingibt, oder ihre Mängel verklären und bessern will, oder zur guten Gesellschaft hinaufsieht, geschmeichelt durch ihre Gunst und voll Hoffnung in ihr und durch sie Großes zu wirken: immer erscheint er, ohne durch Macht, Größe, Aktivität in seinen Umgebungen hervorzuragen — bald durch die Welterfahrung, bald durch die Kraft, bald durch den Rang seiner Mitspieler in den Schatten gestellt — als Mitte des Ganzen, bloß weil er der einzige ist dem alle Eigenschaften der andren Zuwachsen, an dem sie bilden.

Während die andren für sich Personen, Geliebte, Gönner, Neider und Genossen sind und Wilhelm für sie nichts andres ist, sind sie für Wilhelm selbst über ihre jeweilige Person hinaus Wirkungen und Elemente einer Welt zu der er sich erweitert, indem er in sie eintaucht. Durch den Charakter Wilhelms, dessen Unsicherheit, Eindruckswilligkeit und Weichheit eben dumpfes Streben ist, werden die übrigen Figuren des Romans erst Atmosphäre und Handlung. Darum sind alle andren Gestalten bestimmter als die des Helden: das Bestimmtere, Ausgewirktere, Bedingtere hilft den Werdenden, Suchenden und in jedem Sinn Geistigeren formen, er wiederum beleuchtet, erwärmt, und distanziert durch sein geistiges Fluidum die Gegenstände und Figuren der Umgebungen. Diese stete Wechselwirkung des geistig Bildsamen, seelisch Suchenden und der sinnlichen Bestimmten, charakteristisch Beschränkten, des weiten weichen Jünglings und der engeren, härteren, sichreren Gestalten, von denen jede genau weiß was sie will und ist, während Wilhelm kein bestimmtes Ziel sieht, weil sein Ziel erst aus ihm wachsen kann — dieser Gegensatz zwischen schon verwirklichten Wesen und einem zu seiner Wirklichkeit erst reifenden gehört zu den besondren Zaubern und Tiefen des Werks, wie es der besondre Zauber der Goethischen Jahre ist denen es entstammt. . freilich mit dem Unterschied, daß Goethe nach außen hin schon eine umrissene Größe war und seiner Umwelt nicht nur bezaubert hingegeben, sondern mit überlegener Gewalt gegenübertrat. Aber Wilhelm ist nicht Symbol für das was Goethe war, sondern
für das was er an sich sah im Vergleich zu den Forderungen die er an sich stellte. Nicht sein Genie, das den Prometheus Götz Werther erzeugt hatte und mit dämonischer Gewalt die Menschen bezwang, war ihm Problem, sondern die relative Unzulänglichkeit seines ruhelosen Geistes der bedingten, gegen ihn andringenden Welt gegenüber . . und so liegt das Gewicht seiner damaligen Symbolik nicht auf dem was ihm selbstverständlich war und was nur wir von außen als anbetungswürdiges Wunder erfahren: seinem Genius, sondern auf seiner Menschlichkeit. Nicht seine Dimension sah er, sondern seine Struktur, die von der Dimension unabhängig ist. Nicht mehr die Gewalt des Fühlens und Schaffens die in ihm beschlossen war und als Werther oder Prometheus hervorbrach, sondern der Wille zum bildenden Sehen objektivierte sich im Meister.

Nie wieder vorher und nachher hat Goethe des Schilderns sich mit einer solchen sinnlichen Innigkeit beflissen wie in der Theatralischen Sendung, nicht aus einem idyllischen Genügen an Milieumalerei, sondern aus einem tiefen Gefühl für den bildenden Wert des Sehens, der ihm damals mit frischer Gewalt aufging. In Italien lernte er das auswählende, symbolische, malerische Sehen, in der Wertherzeit das ahnungsvolle Zusammenschauen: damals aber war seine Epoche des Beobachtens, des seelenvollen Eindringens mit wachen Sinnen, damals empfand er wie nie vorher oder nachher die bildende Macht der menschlich bestimmten Umgebungen. Niemals hat er wieder eine solch magische Schilderung eines Milieus gegeben wie im Ur-Meister die des Elternhauses. (Er hat sie als zu holländisch in den Lehrjahren gestrichen, nachdem sein Sinn an italienischer Großheit sich ausgeweitet hatte.) Als er in Dichtung und Wahrheit dasselbe Milieu zu schildern hatte, da wußte er wohl von jener bildenden Gewalt der sinnlich erfahrenen Umgebungen und zeichnete es aus dem Wissen gut nach, aber im Ur-Meister kommt die Schilderung nicht nur aus dem rückschauenden Wissen, sondern aus dem frisch erlebten Gefühl: nicht nur das Wissen um den Wert des Sehens, nicht nur das Sehen selbst, sondern das Erlebnis des Sehens war nötig zu solcher Belebung eines Raums durch bloßes Veranschaulichen seiner Inhalte.

Aber der Wilhelm Meister ist nicht nur der Roman eines bildsamen Charakters und bildender Elemente: in dem Leben aus dem dies Werk konzipiert ist waren noch tiefere Kräfte wirksam als das angeborne Naturell und die Gesellschaft die sich gegenseitig bewirken oder beleuchten und deren dehnbarstes und geschmeidigstes Sinnbild das Theater ist. Goethes Leben stand unter dem Dämon, einer zugleich dem Genie und dem Schicksal angehörigen, von der Seele und von den Begebenheiten her, innen und außen wirkenden Macht, und in den ersten Weimarer Jahren, gerade als der Urmeister konzipiert wurde, ergriff ihn die Idee des Dämonischen. Da eröffnen sich ihm von allen Seiten seines individuellen Bildungsprozesses ahnungsvolle Ausblicke in überpersönliche Tiefen, über alles Lieben, Lernen, Leiden hinaus ein Schauer des Schicksals das ihn treibt. Auch sein Bildungsroman enthält diesen kosmischen Schauer und steht dadurch auf höherer Stufe als alle andern noch so guten und reichen Bildungsromane.





Keine Kommentare: