> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Klassizismus und Rationalismus Seite 104

2015-10-28

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Klassizismus und Rationalismus Seite 104



Dem jungen Goethe war der Kunstprozeß bedingt durch das Verhältnis zwischen Natur und Genie, sein ästhetisches Problem der möglichst freie Ausdruck des möglichst glühend gefühlten oder geahnten Lebens, der Einklang zwischen gottbeseelter Welt und gottgetriebenem Herzen. Dem nachitalienischen Goethe war das ästhetische Problem (Gott und Genie stillschweigend vorausgesetzt) die Auseinandersetzung zwischen Stoff und Form, zwischen Wissen und Können, zwischen Regeln und Individuum, zwischen Wahrheit und Schönheit, zwischen Natürlichkeit und Stil. Die Fragen die er sich jetzt vorlegt, die zumal den Briefwechsel mit Schiller füllen, sind: welche Stoffe können Gegenstände und Motive der dichterischen Behandlung werden? welche dichterischen Formen und Gattungen sind dem oder jenem Stoff angemessen? welches sind die ästhetischen Eigenschaften und Wirkungen der einzelnen Gattungen Epos, Lyrik, Drama, Ballade, Epigramm usw.? welches sind die spezifischen Kunstmittel jeder Gattung? Jetzt erst treten die bewußten Erwägungen auf über Motivierung, Komposition, Verzahnung, Vorbereitung und Entwicklung: kurz eine zwar nicht zum System ausgebildete oder als System dargestellte, aber für vorkommende Einzelfälle durchdachte Ästhetik, eine Annäherung an die vorherderische, von Opitz bis Lessing gültige Betrachtungsweise (der Art wenn auch nicht dem Gehalt nach) die der Kunstdichtung als einem Können Mittel zuwies und Regeln vorschrieb — während Herder nur nachfühlen und erklären wollte wie Dichtung entsteht, nicht lehren wie man dichten müsse. Dem Inhalt nach stand freilich Goethes und Schillers Ästhetik auf einer höheren Stufe: sie hatte die Herderischen Ideen schon verarbeitet und konnte an Lessing, d. h. an einen Lessingisch gedeuteten Aristoteles wieder anknüpfen und Normen nicht nur des Seins sondern des Sollens aufstellen, ohne dessen rationalistische Beschränkungen, vor allem die Lehre von dem moralischen Endzweck der Dichtung, zu teilen.

Goethes Ästhetik ging nicht wie die rationalistische Lessings von dem Aufnehmenden, sondern wie die historische Herders vom Schaffenden aus, nicht von Zwecken, sondern von Gründen und von Wirkungen: aber da er selbst Schaffender, nicht wie Herder bloß Nachfühler war, konnte er sich nicht mit einer bloßen Analyse der dichterischen Wirkungen begnügen, nicht bloß erkennen wollen warum die Griechen so und die Briten so wirkten: wenn er, durch den italienischen Bildungsprozeß veranlaßt, überhaupt einmal zu reflektieren anfing, mußte er, um seiner eignen Produktion willen, zugleich sich darüber klar werden welche Mittel und Wirkungen ihm, nach seiner Kenntnis der Natur und seines Wesens, möglich und erlaubt seien, was er, bei Anerkennung der Griechen als der obersten Muster alles menschlichen und also alles künstlerischen Ausdrucks einerseits und bei Anerkennung seiner modernen Person und Welt andrerseits, überhaupt könne und dürfe. So näherte er sich bei der Untersuchung der Frage was der moderne Mensch als ein moderner mit andren Stoffen und Fühlweise dichterisch könne (welches eine historische Frage war) der historischen Ästhetik Herders. Dagegen bei der Frage was der moderne Mensch als Mensch überhaupt dichterisch solle (welches eine dogmatische Frage war) näherte er sich der normativen Ästhetik Lessings: wie für Lessing waren die Griechen für Goethe nicht ein historisches Volk unter andren, sondern das kanonische, regelgebende. Die Ästhetik Goethes vereinigte also die historisch relative Ästhetik Herders mit der normativen Lessings. Auch hier entstand freilich seine Theorie nicht aus einem absoluten Drang nach der Erkenntnis wie es historisch mit der Dichtung gewesen sei, und wie es ästhetisch überhaupt sein solle, sondern aus dem praktischen Bedürfnis seiner Kunst.

Für ihn persönlich bedingte sich das Kunstproblem etwa derart: wie weit kann ein moderner Mensch die Griechen, das heißt die allgültigen, kanonischen, klassischen Menschen, als Künstler erreichen? welche Mittel hat die moderne Seele um klassische Wirkungen zu erzielen? wie kann der idyllisch bürgerliche, gesellschaftlich zersplitterte Zustand, der reflektierende, empfindsame Einzelne ein Epos oder ein Drama hervorbringen welches das wesentliche Menschliche so ausdrückt oder darstellt wie Homer oder Sophokles? sind in diesem modernen Zustand die klassischen Grundgattungen möglich welche Ausdrucksformen eines allgemein Menschlichen sind? Dies war Goethes ganz persönliche Fragestellung, auf die ihm weder der wesentlich historisch gerichtete Herder, noch der wesentlich logisch normierende Lessing mit seinen moralischen Hintergedanken befriedigende Auskunft geben konnte. Denn Herder gab wohl Antwort darauf wie die Griechen das Menschliche ausgedrückt hätten, aber nicht wieso sie kanonisch und klassisch geblieben seien auch für uns, und Lessing gab wohl eine Antwort warum die Griechen kanonisch seien und warum Aristoteles, recht verstanden, Recht habe, aber nicht darauf wie der spezifisch Moderne dies Kanonische erreichen könne.

Auch innerhalb der ästhetischen Erwägungen sah Goethe nach der Rückkehr aus Italien sich vor den Zwiespalt gestellt der sein äußeres Leben zu dieser Zeit verbitterte. Er hatte sich mit Aufwand all seiner Kräfte, durch Praxis und Forschung, durch Instinkt und Willen zu einer griechischen Haltung und Gesinnung erzogen: d. h. seine angeboren starke, sinnliche und erdfromme Natur hatte er gereinigt von den Dünsten und Wolken nordisch empfindsamer Herkunft und Umgebung. Er hatte dem südlich Klassischen in sich zum Sieg verholfen über das nordisch Moderne, er hatte das nach seinem Gefühl allgemein Menschliche, für welches die Griechen höchstes Symbol blieben, durchgebildet trotz dem Widerstand moderner Zersplitterungen, Trübungen und Beschränktheiten. Aber mit diesem persönlich erlangten Erfolg stand er nur um so vereinzelter gegen seine Umgebung, stellte er sich erst recht in Gegensatz zu seinen nach wie vor unklassisch sentimentalen Zeitgenossen. Je mehr er in sich selbst die Harmonie fand desto unharmonischer ward sein Verhältnis zur Umwelt: diese bittere Erfahrung beherrschte ja seine ersten Jahre nach der Rückkehr aus Italien. Der Kampf den er in sich glücklich überwunden, der Zwiespalt zwischen zwei Seelen den er in sich durch Italien glücklich geschlichtet hatte setzte sich jetzt nach außen hin fort, d. h. bedrückte ihn als passiver Widerstand der dumpfen Welt mit der er sein klassisches Reich nicht begründen konnte, und die er doch als sozialer und objektiver Mensch nicht entbehren konnte. Sie war ihm ein belastender Gehalt und zugleich ein unentbehrlicher Stoff.

Aus dieser Stellung zwischen Griechentum und Publikum sind die Bemühungen Goethes um einen gereinigten Geschmack, sind die zwei Seiten seiner klassizistischen Ästhetik zu verstehen: die positive Feststellung dessen was kunstmäßig ist im griechischen Sinn, und die negative Abwehr dessen was im schlechten Sinn modern ist. Sein Klassizismus und Griechenkult, wie er sich in dem Briefwechsel mit Schiller kundgibt, vor allem seine Bemühung um die aus Homer abzuleitenden Gesetze des Epos (das Epos war ihm die gegenständliche Gattung schlechthin, die übersubjektivste, unsentimentalischste) ist keine abstrakte Theorie, sondern der auf Begriffe und Regeln gebrachte Ausdruck seiner eignen Natur. Wenn er theoretisch aussprechen wollte was er nach der Rückkehr aus Italien empfand und forderte, so mußte es ein klassizistisches Programm werden. Und diese Aussprache seiner Kunst-und Geschmacksforderung konnte nicht anders als zugleich ein Protest gegen den Geschmack und zumal gegen das literarische Niveau und die Handwerksübung seiner Zeitgenossen sein. Diese Umwandlung vom genialisch gefühlvollen Schöpfer zum bewußten Ordner und Kenner der Kunstkräfte und Kunstgesetze war sein persönliches Erlebnis und keinem andren Deutschen sogleich verständlich. Die dichterische Praxis war damals Empirie mehr oder minder begabter Individuen, denen manchmal Gutes durch glücklichen Fund gelang .. die Theorie und Kritik war entweder Geschmäcklerei oder Rationalismus mit moralisch didaktischen Hinter-, wenn nicht gar Vordergedanken.

Nur Kant hatte eine von Moral wie von Empfindsamkeit wie von Historismus gleich freie Abgrenzung des Kunstreichs im allgemeinen gegeben, welche aber erst anwendbar und wirksam werden konnte, wenn ein produktiver und zugleich von vornherein theoretisch-philosophischer Geist sie weiterbildete. Also alle Praxis war mehr oder minder glückliche Willkür, die Theorie war von Nichtdichtem, von Literaten oder Philosophen, jedenfalls von Leuten denen die Sinne Nebensache waren. Es fehlte ein Niveau, ein Ganzes bestimmter Geschmacksregeln, eine Geschmackskonvention über die man sich von vornherein verständigen konnte, ein Maß für die Praxis und ein Symbolum für die Theorie. Goethe war der einzige im höchsten Sinn schöpferische, sinnliche und der einzige im höchsten Sinn zugleich philosophische Geist der um 1790 wenigstens für seine Person über ein allgemein Gültiges in der Dichtkunst ins klare gekommen und über bloßes empirisches Tappen hinaus gelangt war: nicht indem er die Kunstgesetze a priori ableitete, sondern indem er seine eigene Natur als ein Gesetzliches in der großen Natur erkannte und aussprach, ein Gesetzliches das die Griechen schon als Kunst verwirklicht hatten. Goethe war der einzige der es wagen konnte nach Regeln zu verfahren, ohne in sterilen Rationalismus zu verfallen, weil seine Regeln nur verallgemeinerte Bedürfnisse seines schöpferischen und zugleich gesetzlichen Genies waren. Und er war der einzige der, selbst wenn er nur seiner Natur folgte, nicht in bloße Empirie verfiel, der einzige als Person schon gesetzliche deutsche Dichter, eine unerreichte Einheit von Individualität und Normalität, nicht nur eine große Persönlichkeit, sondern wie Nietzsche formuliert „eine Kultur“, ein Niveau, ein Gesetz durch sein bloßes Dasein, kurz, ein Vorbild. Wenn irgendeiner, war er berufen als ästhetischer Gesetzgeber zu walten, zugleich heimisch im Geist und in den Sinnen.

Zwar an eine bewirkende Wendung nach außen, an eine Literaturpolitik oder -pädagogik hätte er von sich aus schwerlich gedacht. Seine theoretischen Mühen gelten zunächst nur seiner Selbstaufklärung und sind nur zur Erleichterung seines Schaffens unternommen. Die Menschen die auf einem andren Niveau standen zu bessern und zu bekehren war nicht sein Drang und er hat es lediglich versucht, um sich nur die allernotwendigste Luft zum Atmen, zur Ausdehnung zu sichern. So hat er zunächst seine Weimarer Freunde, mit zweifelhaftem Erfolg, heranzuziehen probiert. Vollends pädagogisch-theoretisch auf ein Publikum zu wirken das er nicht kannte und vor allem nicht sah, war seiner sinnlichen Natur nicht angemessen. Sich selbst auszubilden war immer seine Hauptsorge, und da zur Selbstausbildung auch die Aussprache und Darstellung des eignen Selbst gehörte, so kam es zur Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit. Keine große Kraft bleibt allein: sie wirkt ins Weitere ob sie will oder nicht. Doch freilich ward Goethe zum Theoretisieren immer mehr durch gefühlte Mängel in sich oder draußen als durch das Gefühl seiner Fülle oder seines Könnens veranlaßt, und dort hat er am meisten theoretisiert und sogar polemisiert wo er am meisten Widerstand fand: in der Wissenschaft.

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