> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Gesellschaftskritik Seite 111

2015-11-01

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Gesellschaftskritik Seite 111



Nur an der ersten, nicht an der zweiten Zufälligkeit krankt die Einleitung der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter. Hier hat sich Goethe nicht unnütz damit belastet eine Intrige zu erfinden, um in ihrem Verlauf seine Gedanken zu entwickeln: er hat einfach die verschiedenen Standpunkte gegenüber der Revolution, die Gesinnungen der verschiedenen Temperamente und Berufe typischen Vertretern in den Mund gelegt und sie dialogisch äußern lassen, wie es ohne künstliche Erfindung möglich war. Emigranten die auf ihrer Reise, unter der Einwirkung und Nachwirkung des Weltereignisses das sie vertrieben, in politischen Zwist geraten, infolge verschiedenen Temperaments und Stands, und dialektisch leidenschaftlich ihre Standpunkte verfechten: das war damals auf allen Straßen zu sehen, und ergab eine so ungezwungene Situation für Goethes Zweck wie er sichs nur wünschen konnte.

In ähnlicher Weise hat ja auch Plato zur Darlegung dialogisch und dialektisch auszuführender Gedankenreihen, zur Entwicklung von geistigen, politischen, sittlichen Problemen, die aus den mannigfachen Gegensätzen des Menschen und der Menschen sich ergaben, angeknüpft an Situationen des Alltags wobei solche Probleme zur Sprache kommen konnten: der Dialog ist zur Erörterung von menschlichen Gegensätzen die gemäße Gattung, das Drama zur Verkörperung: und da Goethe es damals weit mehr um Erörterung als um Verkörperung der Revolutionsprobleme zu tun war, so war die dramatische Behandlung ein Mißgriff, die dialogische nicht. Freilich ist die Einleitung zu den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter auch weniger zu Goethes Dichtungen zu rechnen als zu seinen Abhandlungen. Die Revolutionsdramen aber sind weder Abhandlungen noch Dichtungen, ja nicht einmal ein Zwitter aus beiden, sondern eine Durcheinanderkneuelung beider, Erörterung die fortwährend die Verkörperung zerreißt und abbiegt. Um sich die Unangemessenheit dramatischer Behandlung von Gegenständen zu verdeutlichen welche erörtert werden sollen, wie Goethe die Revolutionsprobleme erörtern wollte, denke man sich etwa, Goethe habe ein Drama über Probleme der Farbenlehre geschrieben — nun, die politischen Angelegenheiten waren ihm kaum viel weniger wissenschaftliche als die optischen: er war hier nicht viel weniger bloßer Forscher und Betrachter als im Gebiet der Farben — und als bloßer Forscher und Betrachter kann man meisterliche Dialoge und Abhandlungen verfassen, aber keine lebendigen Dramen.

Die Einleitung zu den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter ist zu sondern von der Novellensammlung der sie nur als Rahmen dient. Der politische Zwist der Beteiligten wird ja gerade zum Anlaß politische Gespräche zu meiden und an ihrer Stelle runde reine Geschichten zu erzählen die sich von der unheilvoll aktuellen Luft abschließen und in einem rein menschlichen Element atmen. Aber diese Novellen sind bezeichnenderweise erst später verfaßt, 1795, als Goethe durch Schiller bereits der politischen Befangenheit entrückt war in eine künstlerische und dichterische Stimmung. Die Einleitung ist ein politischer Rahmen zu einer poetischen Erzählungsreihe, und zwar war hier der Rahmen vor dem Bild da.

Entworfen wurden diese Unterhaltungen aus der Absicht politische Probleme zu erörtern. Erst unter der Hand, als Goethe der Politik, wesentlich durch Schiller, enthoben wurde, wandelte sich der Plan zu einer Novellen-Sammlung, und die Einleitung blieb als politische Rahmenerzählung übrig, sie erschien dann auch nicht mehr als Politik, sondern als Begründung einer unpolitischen Haltung. Sie war darum ganz geeignet für Schillers un- oder überpolitische Horen, als eine Art Hinweis wie wenig politisches Gespräch in einem ruhig gebildeten Kreis am Platz sei, welchen Zwist und Schaden es stifte, wie es das Niveau drücke. Die politische Einleitung erschien, ergänzt durch die außerpolitische Novellensammlung, nicht mehr als Einführung politischer Diskussion, sondern als Warnung davor . . die Politik war aus dem Zweck der Unterhaltung zum Mittel der Rahmenerzählungstechnik geworden. Sie bedeutet für diese Novellensammlung jetzt ungefähr dasselbe was die Pest in der Einleitung zu Boccaccios Decamerone bedeutet: die abschreckende Mauer um einen heiteren Garten, den düstern aktuellen Hintergrund zu einer hellen überaktuellen Sicht.

Ehe jedoch Goethe aus dem Gesichtskreis der Revolution sich seinen eigentlichen Bezirken zuwenden konnte, eh er sich der Gesellschaftskritik unter Rücksicht auf dies noch unverarbeitete Ereignis entschlagen konnte, mußte er ihm von allen Seiten beikommen: wie fasziniert konnte er den Blick nicht davon wegkehren, und wandte unwillkürlich was ihm an Stoffen und Formen zufällig damals unter die Hände kam, zu einer Deutung dieser Begebenheiten. Da sein Verhältnis zur Revolution zufällig, keine notwendige Auswirkung seines Daseins war, so haben auch die dahin gehörigen Leistungen etwas Zufälliges und Willkürliches. Man sieht nicht ein daß sie geschrieben werden mußten und daß sie gerade so geschrieben werden mußten: wohl aber versteht man warum Goethe damals unproduktiv war und warum er, wenn er dennoch produzierte unter irgendeinem äußeren Anlaß, nur Zufallswerk hervorbringen konnte. Goethe wollte sich hier um jeden Preis einen übermächtigen Eindruck vom Leib halten, indem er ihn gleich in bloße Betrachtung verwandelte, und dieser Eindruck war dazu noch nicht reif: er war zu fremdartig um gleich in Goethes Weltbild eingeordnet, zu nah um sofort mit geistiger Freiheit überblickt, und doch zu wenig innerlich Goethe adäquat um seelisch angeeignet werden zu können. Nachdem Goethe es mit dramatischer Distanzierung versucht und mit dialogischer Erörterung der Symptome, trat er noch weiter davon weg, um gleichsam aus der fernsten Vogelschau die seelische Region zu überblicken in welcher die Menschen überhaupt sich um Staat und Gesellschaft abmühen, gemeinsam dem Genuß, dem Besitz oder dem Ideal nachjagen. So entstand wohl der zwischen Spielerei und Ernst, zwischen Satire und Märchen schillernde, unvollendete allegorische Roman Die Reise der Söhne Megaprazons. Das Werk schildert die abenteuerliche Reise von sechs Söhnen Megaprazons, durch welche mehrere menschliche Gesinnungen und Eigenschaften allegorisiert werden, zu verschiedenen Inseln und Ländern, welche wiederum auf die mannigfachen Zustände und Verfassungen hindeuten. Pate gestanden haben hier Werke wie des Morus Utopie, Campanellas Sonnenstaat, Swifts Gulliver und Märchen von der Tonne, Voltaires Candide, das Märchen vom Schlaraffenland, vielleicht auch Rabelais’ Abtei Thelem, kurz satirisch didaktische Erzählungen worin Ideale der besten Gesellschaft oder des besten Staats oder der besten Welt mit den wirklichen Eigenschaften und Zuständen der Menschen kontrastiert werden, sei es um weltfremde Prinzipien und Theorien lächerlich zu machen, wie Candide und Gulliver, sei es um die niedere Wirklichkeit durch eine denkbare und mögliche, allegorisch vorausgezeichnete höhere zu richten, wie Campanellas und Morus’ Utopien. Urbild der Gattung ist Platos Beschreib bung der Atlantis. Die Reise der Söhne Megaprazons scheint nach den erhaltenen Bruchstücken als eine Vereinigung beider Tendenzen beabsichtigt gewesen zu sein: die Länder welche die Reisenden anfahren sind einerseits offenbar utopische Ideale, andererseits Wirklichkeiten und Möglichkeiten, und die in den Reisenden verkörperten Gesinnungen und Eigenschaften werden durch ihre Abenteuer bald auf ihre natürlichen Schranken zurückgewiesen, bald auf ein Ideal vorausgewiesen und daran gemessen.





  

Keine Kommentare: