> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Gesellschaftskritik Seite 112

2015-11-01

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Gesellschaftskritik Seite 112



Dies mag der Grundplan gewesen sein . . im Einzelnen Goethes Absichten, die bewußt rätselhaft ausgedrückt sind, zu erraten scheint mir bei diesem Werk so müßig wie bei dem Märchen von der Lilie und bei den Weissagungen des Bakis. Es genügt uns zu wissen daß Goethe, wie viele tiefen Menschen, zuweilen in Rätseln und ihm eindeutigen, für die Andren hundertdeutigen Zeichen zu reden liebte, aus Freude am offenbaren Geheimnis. Kleinere Geister zu beschäftigen, ohne sie zu befriedigen, ist ein Recht und eine Erholung der großen Geister, die es ja allzuoft schmerzlich erfahren müssen daß sie selbst da nicht begriffen werden wo sie die Lösung geben. Auch hatte der Mephisto in Goethe seine Lust daran, wenn die Denkfaulen, die an einer klar ausgesprochenen Weisheit stumpf vorübergingen, erst dann ihren Kopf anstrengen, wenn sie glauben zum Narren gehalten zu werden. Nur durch Zeichen zu reden erklärte Goethe für Scharlatansgepflogenheit, aber er wußte auch daß die Mittel der Scharlatane, richtig angewandt, die Aufmerksamkeit auf ein Problem lenken konnten, und wenn er in Rätseln sprach, so geschah es meist, um die allzu platten und allzu bequemen, zugleich aber auch die allzu hellen und überklugen, die bloß sinnlichen und die bloß verständigen Leser, die Schläfer und die Schnüffler zugleich zu wecken und zu necken, die übrigen mit einem puren Spiel der Formen zu ergötzen, Leser die Form als Form, Arabeske als Arabeske zu nehmen fähig wären. In solchen Rätseldichtungen benutzte Goethe die Materialien der Wirklichkeit genau so willkürlich wie der Traum es tut, der auch nicht ohne Inhalt, aber ohne logischen Sinn ist. Solche Rätselpoesie erinnert drastisch daran daß es auch einen unlogischen, unnützen, unverantwortlichen Sinn gibt, eine der Lebens-und Erdenschwere entbundene Wirklichkeit.

Bei den Weissagungen des Bakis und dem Märchen hat Goethe das deutlich ausgesprochen: dort handelt es sich um kaleidoskopisch buntes Durcheinanderwirbeln von einzeln genommen sinnvollen und reizvollen Geist-und Anschauungssplittern: der Sinn liegt in den Splittern, das Geheimnis in ihrer Verwirrung. Darum sind auch so viele sinnvolle Deutungen möglich, deren keine objektive Gültigkeit beanspruchen kann, und keine einen höheren Wert oder Wahrheitsgehalt vor der andern voraus hat als eine Drehung des Kaleidoskops oder eine Traumdeutung vor der ändern. Die Reise der Söhne Megaprazons ist indes nicht aus der Freude am Rätsel allein geboren, wie das Märchen, sondern bedient sich nur des Rätsels, um sich der aktuellen Schwere und Verantwortlichkeit zu entziehen. Nur daß es sich um eine politische Allegorie handelt, um eine scherzhaft allegorische Kritik von Verfassungen und Gesinnungen ist offenbar, und würde, selbst wenn es versteckter wäre, sich nach dem Zeitpunkt der Entstehung vermuten lassen. Zudem deutet der erste Absatz in den durchsichtig allegorischen Namen und den ihnen beigelegten Tätigkeiten, die diesen Namen entsprechen, gleich darauf hin daß hier allegorische Träger von Gesinnungen und Eigenschaften ihr Wesen treiben.

In dieser Allegorisierung ist Märchenluft. Das Märchen ist, als das unverantwortlichste aller Produkte der Einbildungskraft, wo es bei Goethe erscheint, immer sein Zeichen der Flucht. Wo ihm verboten war zu wirken, wo ihm unmöglich war zu gestalten und wo es unfruchtbar war zu forschen, da zog er, falls er nicht schweigen konnte und ihm die Dinge und Eindrücke auf den Leib rückten, immer noch das zweideutige oder vieldeutige Spielen damit der verneinenden Kritik vor. Als er die beruhigende Formel für die Revolution, ein in seinem Weltkreis vorerst überraschendes und inkommensurables Ereignis, nicht fand, floh er vor ihr ins Märchen oder zog ihre Elemente soweit möglich ins Märchen. Denn im Märchen werden so wenig wie im Traum die Dinge erklärt, begründet, verknüpft: sie sind einfach da und tragen, ob sinnvoll oder verrückt, ihr Recht in sich durch ihr bloßes Erscheinen und Geschehen. Das Märchen hat keine Verantwortung vor dem Gesetz — Natur-oder Sittengesetz: aber es hat alle Elemente der Wirklichkeit welche dem Natur-und Sittengesetz untersteht, und sein Reiz ist, wie der Reiz des Traums, daß es einer willkürlichen Deutung aus der gesetzlichen Wirklichkeit, einer willkürlichen Beziehung auf die gesetzliche Wirklichkeit fähig ist.

So mochte Goethe die Revolution zuweilen als ein wüster Traum erscheinen dessen Beziehung und Deutung er unverantwortlich in märchenartigen Werken suchte . . weniger die Revolution als diejenigen menschlichen Eigenschaften und Gesinnungen auf denen sie beruhte, die ihm zwar an sich nicht unbekannt, aber als Grundlage eines Weltzustandes bisher noch nicht vorgekommen, ja kaum denkbar waren. Er hat die Formel geprägt für das was ihm neu und irrational war an den menschlichen Grundlagen der Revolution: „Vor der Revolution war alles Bestreben, nach der Revolution verwandelte sich alles in Forderung“. Was ist der Unterschied? Bestreben ist die Funktion eines lebendigen Triebs, sich zu entwickeln, zu bilden, zu gestalten, zu befreien, zu wirken: es geht den ganzen Menschen an und setzt ihn voraus, es ist bewußt das was Tier und Pflanze unbewußt tun, indem sie die in ihnen beschlossene Lebenskraft anwenden und auswirken. Bestreben ist die natürliche Funktion des menschlichen Geistes. Forderung ist dagegen eine willkürliche, zufällige Hinwendung des Geistes zu bestimmten außerhalb des Menschen liegenden Gegenständen, Zielen, Gütern, Zwecken. Bestreben ist der Wille etwas zu sein oder zu werden, Forderung der Wille etwas zu haben oder zu gewinnen. Bestreben bezieht sich auf den Menschen, Forderung auf die Sachen. Bestreben kommt aus dem was man ist, Fordern aus dem was einem fehlt. Bestreben ist eine Eigenschaft, Fordern eine Beschäftigung oder Beziehung. Diese Verwandlung der Menschheit aus einer strebenden in eine fordernde schien Goethe eine Zeitlang die Gesetzlichkeit der menschlichen Natur in Frage zu stellen und er sah die daraus hervorgehenden Phänomene, namentlich die neuen Einstellungen und Zielsetzungen der menschlichen Grundeigenschaften als fast märchenhafte Willkür an: den Menschen als ein forderndes statt als ein strebendes Wesen zu sehen und zu begreifen, daran mußte er sich erst gewöhnen, erst von seiner eignen Natur abstrahieren. Wir finden den Typus des fordernden, wesentlich begehrlichen Menschtums in Goethes Schriften vor der Revolution nur als dumpfe Masse, in den Götzischen Bauern, und als lustige Karikatur nach Aristophanes in den Vögeln: all seine andren Menschen, selbst die halbverkommenen Schauspieler in der Theatralischen Sendung, streben oder wollen.

Jetzt aber erscheint das Fordern, und zwar das maß- und ziellose Fordern, das „Besserlebenwollen der Massen“ das sein Symbol im Mythus vom Schlaraffenland gefunden hat, als ein Grundzug des Menschentums, zumal der Gesellschaft, und eh Goethe diesen neuen Weltzustand als legitim und gesetzlich anerkannte, eh er die Folgen der Revolution so gut es ging zu nutzen und zu verwerten, die menschlichen, besonders die sozialen Forderungen auf würdige Ziele zu lenken suchte — die Wanderjahre sind da» für das bezeichnende Werk — nahm er ihn zunächst, nach der ersten unwilligen Bestürzung, als Märchen: so in der Reise der Söhne Megaprazons, so auch in der ersten Epistel und im Reineke Fuchs. Diese Werke haben freilich nicht einen unmittelbaren bewußten Bezug auf die Revolution, aber sie entsprechen einer seelischen Verfassung in welche Goethe durch die Revolution versetzt war: er war geneigt Utopien und Märchen zu schreiben. Sonst ist der Anlaß der Episteln und des Reineke Fuchs von der Revolution so entfernt als möglich: die Episteln handeln von dem Bücherschreiben und Bücherlesen, von den Gefahren der Lektüre und dem Verhalten des einzelnen Lesers und des Publikums. Die Episteln hat Goethe nicht verfaßt, um sich irgendwas vom Hals zu schreiben, um irgendwas darzustellen, sondern, wenn überhaupt je eine Dichtung, um sich in der Gattung Epistel, wie sie Horaz als klassisches Muster aufgestellt, zu üben. Zur Naturform dieser Gattung gehört schon daß sie, im Gegensatz zur Elegie, zum Lied, zum Epigramm, ein Brief in Versen ist, eine Plauderei, und als solche kein einheitliches Motiv zu haben braucht, sondern vom Hundertsten ins Tausendste kommen darf. Von dieser Erlaubnis macht Goethe Gebrauch, um in die eine Epistel eine Schilderung utopischer Sitten einzuflechten die der menschlichen Begehrlichkeit entsprächen.

Die Tiersage aber ward ihm, aus einer Lust am behaglichen Fabulieren ergriffen, zugleich als ästhetisches Experiment mit epischen und metrischen Normen zu einer märchenhaften Schilderung der gesellschaftlichen und politischen Schwächen und Laster überhaupt. Auch der Reineke Fuchs, so meisterliche und anmutige Stellen er enthält, ist doch stofflich, formal, gehaltlich durchaus ästhetisches Experiment, gelungenes Experiment, nicht wirkliche Dichtung im Sinne unwillkürlichen Lebensausdrucks . . Goethe hätte bei mehr Muße aus beliebigem Stoff Dutzende solcher Epen verfassen können, wie ein guter Schüler über jedes beliebige Thema gute Aufsätze verfassen könnte, und wir wüßten dadurch von seinem eigentlichen Wesen nicht mehr als bisher. Das Dasein solcher Werke, die Möglichkeit solcher Alexandrinischen Produktion auf einer bestimmten Lebensstufe Goethes, nicht die einzelnen Werke als solche, sind hierbei für Goethes Wesen bezeichnend.






  

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