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2015-10-14

Goethe-Mein Faust-Urfaust-4-1775



Goethe hatte den Schweizer Philologen Bodmer auf seiner ersten Schweizer Reise kennengelernt. Vom 09.06. bis 15.06.1775 wohnte er in bei Lavater in Zürich und Goethe hatte bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft Bodmers gemacht. Ob er Szenen aus seinem Faust vorgetragen hat ist nicht nachweisbar.

6. 1775. Johann Jacob Bodmer (1) an Schinz 

Man sagt, Goethe wolle bei uns an einem Trauerspiel von Dr. Faustus arbeiten. Eine Farce läßt sich von einem Schwindelkopf leicht daraus machen.

der vollständige Brief
Der unten stehende Brief ist das erste schriftliche Zeugnis Goethes das seine Arbeit am Faust dokumentiert.

7. An Auguste Gräfin zu Stolberg (2) Frankfurt und Offenbach, 14. - 19. September 1775.

September 17, Nachts 10 Uhr, Offenbach. 

Ist der Tag leidlich und stumpf herumgegangen, da ich aufstund war mirs gut, ich machte iene Scene an meinem Faust. Vergängelte ein paar Stunden. Verliebte ein paar mit einem Mädgen davon dir die Brüder erzählen mögen, das ein seltsames Geschöpf ist. Ass in einer Gesellschafft ein Duzzend guter Jungens, so grad wie sie Gott erschaffen hat. Fuhr auf dem Wasser selbst auf und nieder, ich hab die Grille selbst fahren zu lernen. Spielte ein Paar Stunden Pharao und verträumte ein Paar mit guten Menschen. Und nun sizz ich dir gute Nacht zu sagen. Mir wars in all dem wie einer Ratte (3) die Gift gefressen hat, sie läuft in alle Löcher, schlurpft alle Feuchtigkeit, verschlingt alles Essbaare das ihr in Weeg kommt und ihr innerstes glüht von unauslöschlich verderblichem Feuer..

Der ganze Brief

J.H.Merck war ein Jugendfreund Goethes und beide waren eng befreundet. Ähnlich wie Goethe fühlte sich Merck sowohl in der Literatur als auch in den Wissenschaften Zuhause. Beide gehörten dem "Darmstädter Freundeskreis" an, einem Kreis, der das damalige Lebensgefühl, Freundschaft, Natur und Gefühl pflegte. Allerdings distanziert sich der Kreis später von Goethe. Zwischen Goethe und Merck herrschte ein reger Briefwechsel wo sie sich oft über Naturwissenschaftliche Probleme austauschten. Goethe erinnert sich später, im 12. und 13. Buch von Dichtung und Wahrheit", an den "Darmstädter Kreis" und charakterisiert den Freund: 

"Mit Verstand und Geist geboren, hatte er sich sehr schöne Kenntnisse, besonders der neueren Literaturen, erworben, und sich in der Welt- und Menschengeschichte nach allen Zeiten und Gegenden umgesehn. Treffend und scharf zu urteilen war ihm gegeben. Man schätzte ihn als einen wackern entschlossenen Geschäftsmann und fertigen Rechner. Mit Leichtigkeit trat er überall ein, als ein sehr angenehmer Gesellschafter für die, denen er sich durch beißende Züge nicht furchtbar gemacht hatte. Er war lang und hager von Gestalt, eine hervordringende spitze Nase zeichnete sich aus, hellblaue, vielleicht graue Augen gaben seinem Blick, der aufmerkend hin und wider ging, etwas Tigerartiges. Lavaters »Physiognomik« hat uns sein Profil aufbewahrt. In seinem Charakter lag ein wunderbares Mißverhältnis: von Natur ein braver, edler, zuverlässiger Mann, hatte er sich gegen die Welt erbittert, und ließ diesen grillenkranken Zug dergestalt in sich walten, daß er eine gegenwärtig publizieren möchte, sondern sie entweder vertilgen, oder als auffallende Dokumente des geheimen Zwiespalts in unserer Literatur der Nachwelt aufbewahren muß. Daß er jedoch bei allen seinen Arbeiten verneinend und zerstörend zu Werke ging, war ihm selbst unangenehm, und er sprach es oft aus, er beneide mich um meine unschuldige Darstellungslust, welche aus der Freude an dem Vorbild und dem Nachgebildeten entspringe. Übrigens hätte ihm sein literarischer Dilettantismus eher Nutzen als Schaden gebracht, wenn er nicht den unwiderstehlichen Trieb gefühlt hätte, auch im technischen und merkantilischen Fach aufzutreten. Denn wenn er einmal seine Fähigkeiten zu verwünschen anfing, und außer sich war, die Ansprüche an ein ausübendes Talent nicht genialisch genug befriedigen zu können, So ließ er bald die bildende, bald die Dichtkunst fahren und sann auf fabrikmäßige kaufmännische Unternehmungen, welche Geld einbringen sollten, indem sie ihm Spaß machten."


 8. An Johann Heinrich Merck  Frankfurt, etwa 8. oder 11. October 1775

Ich bin leidlich. Hab am Faust viel geschrieben. Zimmermann grüßt dich; er ist Nachts durch Darmstadt kommen. Grüß Frau und Kinder.

der ganze Brief
Briefe Goethes an Merck
Am 19. Januar 1776 schreibt Merck, sich seiner letzten Faust-Unterhaltungen im September 1775 erinnernd, an Nicolai: (4)

9. „Sein .Faust' ist . . ein Werk, das mit der größten Treue der Natur abgestohlen ist, und die ,Stella' wie ,Clavigo' sind aufrichtig nichts weiter als Nebenstunden. Ich erstaune, so oft ich ein  neu Stück zu .Fausten' zu sehn bekomme, wie der Kerl zusehends wächst, und Dinge macht, die ohne den grossen Glauben an sich selbst und den damit verbundenen Muthwillen ohnmöglich wären.
Am 7. November traf Goethe in Weimar ein und wohnt vorerst im Deutschenherrenhaus das sich nahe an der Stadtkirche befand. Wie weit die Arbeit am Faust gediegen war ist uns nicht bekannt. Die Abschrift der Luise von Göchhausen, die etwa 1776/77 entstand, vermittelt aber eine ungefähre Einschätzung über den Stand der Arbeit.

Später schreibt Goethe in Dichtung und Wahrheit

„Der Faust“ entstand mit meinem „Werther“; ich brachte ihn im Jahre 1775 mit nach Weimar. Ich hatte ihn auf Postpapier geschrieben und nichts daran gestrichen; denn ich hütete mich, eine Zeile niederzuschreiben, die nicht gut war und die nicht bestehen konnte. 

Gespräch mit Eckermann am 10. 2. 1829

Anfang Dezember las Goethe den Herzoginnen aus dem Faust vor. F.L.v.StoIberg der mit seinem Bruder in Weimar zu Besuch war berichtet darüber an seine Schwester.

10. F.L.v.StoIberg an seine Schwester, 6. 12. 1775

Einen Nachmittag las Goethe seinen halbfertigen Faust vor. Es ist ein herrliches Stück. Die Herzoginnen waren gewaltig gerührt bei einigen Szenen.



1. Biographie Deutsche Bibliothek: Johann Jacob Bodmer

2. An Auguste Gräfin zu Stolberg:  7. Januar 1753 in Bad Bramstedt-30. Mai 1835 in Kiel

Sie war die jüngere Schwester der romantischen Dichter Graf Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg („Fritz“) und Graf Christian zu Stolberg-Stolberg. Mit Goethe führte sie einen intensiven Briefwechsel der sie "Gustchen" nannte. Persönlich sind sie sich niemals begegnet.

3. Mir wars in all dem wie einer Ratte .....:Spielt Goethe auf das Rattenlied im Auerbachskeller an? Das scheint sehr wahrscheinlich bedeutet allerdings nicht das die Szene damals schon fertig war. Vielleicht hatte er sich diesen Tag mit der Szene beschäftigt?

4. Biographie: Friedrich Nicolai



1775- Was sonst noch passierte? 

- Anfang des Jahres ist Goethe in Frankfurt. Er lernt Anna Elisabeth Schönmann (Lili) kennen. Im Januar schreibt er das erste Lili-Gedicht. (Neue Liebe, Neues  Leben)

- Januar- Februar das Singspiel "Erwin und Elmire" vollendet. 

- April: Verlobung mit Lili

- am 14. Mai reist Goethe mit den Stolbergs in die Schweiz. 
weitere Werke: Lili-Gedichte, Stella, Claudine von Villa Bella

-Erste Schweizer Reise vom 14.05. am 22.07. wieder in Frankfurt

Orte: Darmstadt, Schaffhausen, Konstanz, Gast von Lavater in Zürich
Bekanntschaften: Melchior Kraus (Maler), Johann Heinrich Lips (Radierer),  Johann Jacob Bodmer u.v.w.

- Sommermonate: Beginnt mit der Arbeit am "Egmont"

- September: Karl-August auf der Durchreise in Frankfurt. Lädt Goethe nach Weimar ein. 

- Oktober: Goethe in Heidelberg. Am 3. November Abreise nach Weimar wo Goethe am 7. November eintrifft. 

- November: Er lernt Charlotte von Stein kennen. 

- Anfang Dezember liest er den Herzoginnen aus dem Faust vor. 

Gedichte 1775 (Auswahl): "Bundeslied", "Lilis Park",  " Wonne der Wehmut", "Angedenken du verklungener Tage", "Jägers Abendlied" usw.



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