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2015-11-01

J.H.Merck-Gedichte: Der Esel in der Löwenhaut (6)



Der Esel in der Löwenhaut

Dem Esel fiel es einmal ein,
Gleich einem andern Tier auch fürchterlich zu sein.
Denn welch Geschöpf, und wär es noch so klein,
Und sollt’s ein Schulmonarch, ein Baurenschultheiß sein,
Kann diesem Triebe widerstehen?
Das gute Tier hüllt sich in eine Löwenhaut
Und glaubt, daß nun der Schöpfung vor ihm graut,
Das Furcht und Zittern vor ihm gehen
Und hinter ihm der Schrecken zieht.
Doch siehe, was geschieht.
Da man des Helden Stimme höret,
So ändert sich die Szene wunderlich,
Und was so oft den Großen widerfähret,
Statt furchtbar wird er lächerlich.
  Die Tiere, die geflohen waren,
Versammlen sich um ihn in Scharen.
Der Spott und das Geschrei wird laut.
Man zaust das Löwenfell und auch die Eselshaut.
„O laßt ihm“, rief der Fuchs, „sein eigen Fell in Frieden,
Die Vorsicht hat es ihm zu seinem Glück beschieden.
Klug darf man heutzutage sein,
Das ist zur Not erlaubt, allein
Sagt, Freunde, selbst, wie selten darf man’s scheinen,
Wenn man verlangt, daß uns die Welt noch traut.
Denn nur bei Großen und bei Kleinen
Passiert man in der Eselshaut.“

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