> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 05.-10.11.1783 Rink in seinem Tagebuch (323)

2015-10-23

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 05.-10.11.1783 Rink in seinem Tagebuch (323)



5.-10.November

Weimar. Rink in seinem Tagebuch

Christoph Friedrich Rink, 1757 geb., studierte Theologie, wurde 1781 als Hof- und Stadtvikarius in Karlsruhe angestellt und bekam vom Marktgrafen den Auftrag, in Deutschland und der Schweiz die berühmtesten Gelehrten aufzusuchen. Er starb 1821 als Dekan Emmendingen.

5. November Abends um 6 Uhr ging ich in die Opera buffo, die schon seit geraumer Zeit mit großem Beifall und heute das letzte Mal von zwei Italienern in ihrer Sprache vor gnädigster Herrschaft aufgeführt wurde ... Es kamen Zotten und Läppereien vor, die sehr unanständig waren und doch das herzlichste Beifallgelächter erregten ... Der Geschmack muß hier nicht gar fein sein — wer sollte es glauben, wo Goethe und Wieland wohnt, durch solche Streiche auf dem Theater belustiget zu werden? Vermutlich werden ihre Werke hier am wenigsten gelesen werden. In meiner letzten Herberge im „Erbprinzen“ traf ich letzthin den „Dr. Faust“ als die Lieblingslektüre des Wirten! ...

8. November Nachmittag kam Herr Geheimer Kanzlist Roth zu mir ... Ein neunundfünfzigjähriger ehrlicher Mann, auf sein Weimar aber nicht gut zu sprechen ... Wieland hat dem Herzog die Religion aus dem Herzen philosophiert, Goethe den Rest herausgelacht. Das Gymnasium hier steht sehr schlecht. Herder, der es als Ephorus besuchen sollte, kommt nie, oft nicht einmal in das Examen. Herder kam hieher durch Goethe, nur einen gelinden Beichtvater zu haben, der dem Herzog nie ins Gewissen redet, damit Goethe tun kann, was er will ...

9. November Um 10 Uhr ging ich in die Schloßkirche..., Herdern predigen zu hören ...
Von der Herrschaft war niemand da. Goethe geht nicht in die Kirche, und so sie auch sehr selten ...

Abends ging ich in die Kammermusik ... Wie ich kam, ließ sich eine sehr schöne Sängerin hören, als Sängerin aber sehr mittelmäßig, doch etwas schmachtend. Mein Nachbar, vermutlich ein Jäger, sagte mir, daß Frau Herzogin es sich zur Gnade ausgebeten bei der Geburt des Erbprinzen, daß dies Frauenzimmer den Hof meiden solle. Aber Herr Geheimer Rat Goethe sehe sie gerne, und nun sei sie schon zweimal wieder dagewesen. Alles spricht doch hier sehr frei gegen Goethe! ...

10. November. Früh um 9 Uhr ließ ich mich bei Herrn Geheimen Rat von Goethe melden, wurde auch gleich vorgelassen. Er empfing mich höflich, doch mit der Miene eines Gnädigen. Ich saß neben ihm im Sofa; er fragte etwas Weniges von meiner Reise. Ich erkundigte mich, ob er nicht bald wieder etwas wolle drucken lassen; er entschuldigte sich aber mit vielen Geschäften. Dann sprachen wir etwas von Herdern. Er schien aber abbrechen zu wollen, dann er schwieg oder antwortete nur kurz mit einem gnädigen „Ja“ oder „Nein“. Ich merkte den Wink und brach auf, da ich ohngefähr eine halbe Viertelstunde in seiner Atmosphäre atmete. Sein Ansehen ist gar nicht einnehmend, seine Miene mehr fein und listig als leutselig.

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