> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 28.11.1784 Knebel an seine Schwester Henriette (344)

2015-10-27

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 28.11.1784 Knebel an seine Schwester Henriette (344)



28. November

Jena. Knebel an seine Schwester Henriette

Daß wir nicht überall ganz glücklich sind, Du Liebe, das ist nicht zu vermeiden. Erlaube mir, daß ich in dem, was ich Dir sagen will, mir Goethens Weisheit etwas zu Hülfe rufe! Er hat sie mir zwar weniger gesagt als angedeutet, aber ich verstehe ganz, daß es seine rechte Meinung sei, und sie wird sich auch Dir als eine richtige und wahrheitsvolle schon jetzt andeuten und stets mehr aufklären.

Der Mensch nämlich ist weder zum Glück noch zum Unglück geschaffen; er ist geschaffen, daß er da sei; die Ordnung der Dinge rief ihn hervor. In dieser Ordnung ist er ausgerüstet zum Glück oder Unglück ... In Betracht der Sache selbst finden wir, daß selbst dem Unglücklichsten vor unsern Augen oft da Hülfe, Glück und Genuß zugeteilt ist, wo wir es nicht erraten, kaum selbsten für ihn fühlen können, d.h., uns nicht durch Vorstellung den Genuß zueignen können, den ihm manche Sache gibt, die uns entweder zu gering scheint oder gänzlich außer dem Kreise unsrer Genießungsart liegt, als z. B. die Zufriedenheit, die ein Mathematiker bei einem schwer aufgelösten Problem findet, ein Armer oder Kranker bei einer geringen Wohltat oder Erleichterung .......

Soviel zur Probe. Hier kommt es nur darauf an, das Goethe schon 1784 als Lehrer der Lebensweisheit gilt.

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